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Bild: Pixabay 

Das Ende der Aktenstöße

12.06.2017 | 08:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Artificial Intelligence. Noch suchen sie bloß in Dokumentenbergen nach Klauseln, Namen oder Daten. Bald werden künstliche Intelligenzen auch Streitsachen schlichten und lösen.

Bevor HTL-Absolvent Johannes Scharf Jus studierte, arbeitete er jahrelang als Programmierer. Schon das macht den Associate der internationalen Kanzlei CMS zum bunten Vogel in einer Branche, die er vorsichtig als „nicht sehr technikaffin“ bezeichnet. Dass er auch noch seine Dissertation darüber schrieb, wie man juristisches Wissen in computergestützten Modellen abbilden kann, prädestiniert ihn als Experten für die digitale Zukunft, genauer: für künstliche Intelligenz.

So neu sei das gar nicht, sagt Scharf bescheiden. Die ersten tastenden Schritte reichen bis in die 1970er-Jahre zurück, mit den wichtigsten Errungenschaften in Bereichen, in denen ein Gesetzesinhalt eng mit Zahlen verknüpft ist. Wir haben tagtäglich mit ihnen zu tun: Im Sozialrecht berechnet der Computer die Höhe der Ansprüche, im Steuerrecht die Höhe der Abgaben und im Pensionsrecht die Höhe der Pensionen.

Jetzt kann der Computer etwas Neues: gewaltige Mengen an Textdokumenten analysieren und die Inhalte in Beziehung zueinander setzen. In der Due Diligence bei Unternehmenskäufen etwa, wo heute noch Konzipienten scharenweise in die Datenräume einfallen (immerhin schon in virtuelle und keine physischen mehr), Berge von Dokumenten sichten und dann in mühevoller Detailarbeit das Risiko für den Käufer darstellen.
Bald nimmt ihnen die erste Analyse der Computer ab, das Vorkategorisieren, das Durchsuchen nach kritischen Klauseln oder Vertragslaufzeiten. Auch die grafische Darstellung schafft er schon: Welche Parteien kommen in den Verträgen vor, wie lagen die zeitlichen Abläufe?

Den Konzipienten verringert das die Arbeit „um gut die Hälfte“, sagt Scharf. Bald kommt es noch besser: Die künstliche Intelligenz findet dann nicht nur Wörter, sondern auch Sinngehalt und Muster.
Das wird die Staatsanwälte freuen, die sich im Bereich Wirtschaftskriminalität und Korruption heute noch durch Sattelschlepper voller Dokumente beißen müssen. Allen bisher genannten Artificial-Intelligence-Anwendungen ist gemeinsam, dass am Ende noch immer der Mensch die Entscheidung fällt. Der Computer bereitet sie nur vor.

Das wird nicht so bleiben, da ist sich Scharf sicher. Ebay sei sehr zufrieden mit seinem Online-Streitschlichtungsmodul Modria. Es bereinigt weitgehend autonom Differenzen zwischen Käufern und Verkäufern. Es geht um Minibeträge, aber um einige 100.000 Fälle im Jahr. Jedes Gericht wäre mit der schieren Zahl überfordert. Modria ist schlau, lernt mit jedem Fall dazu und schlägt nur noch Lösungen vor, die schon in frühen Fällen zu einem guten Vergleich führten.

Vergleichbares will eine polnische Wissenschaftlergruppe im Scheidungsrecht mit Judipro auf die Beine stellen. Mit der Zusatzhürde, dass Judipro in einem höchst emotionalen Feld tätig ist. Es soll etwa Eltern bei Verhandlungen zum Wohl ihres Kindes unterstützen: Es unterbreitet ihnen Vorschläge, die Parteien nehmen an oder lehnen ab, und Judipro entwickelt den besten Vorschlag so lang weiter, bis er rundum gefällt. Dann bringt es ihn in Vertragsform.

Was als Nächstes kommt

Die Mutter (oder besser der Vater) aller künstlichen Anwälte basiert auf IBMs legendärem Schachcomputer Watson und heißt Ross. Als „Artificial Lawyer“ lernt Ross, Fälle aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu früheren einzuordnen und vergleichbare Lösungen zu unterbreiten. Ähnlich arbeitet auch das Pittsburger Modell Hypo, das frühere Fälle gewichtet, mit dem aktuellen in Beziehung setzt, das Ganze visualisiert und Lösungsideen für den aktuellen Fall vorschlägt.
Noch ist vieles im Experimentierstadium, sicher ist nur eines: Es wird kommen.

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