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Bild: SCS (Toni Rappersberger) 

Die Albträume der Verkäufer

03.06.2017 | 12:59 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Retail-Trends. Der Einzelhandel sucht Nachwuchs und sägt gleichzeitig an dessen Jobs. Die Kunden wollen es bequem und gleichzeitig individualisiert. Und was wollen die Verkäufer?

Der Einzelhandel ist kein sexy Arbeitgeber. Das konstatiert der eben erschienene „Retail Report“ des Zukunftsinstituts. Er begründet es auch: Auszubildende in den typischen Handelsberufen seien schlichtweg mit der Gesamtsituation unzufrieden. Sie beklagten die Behandlung durch den Ausbilder, empfänden Über- oder Unterforderung und könnten sich in der Freizeit nicht mehr erholen. Und sie wären verunsichert, ob sie denn auch später im erlernten Beruf tätig sein könnten. Daran glaubt nur jeder Fünfte. Zum Vergleich: Bei künftigen Mechatronikern geht mehr als die Hälfte fix davon aus.

Die jungen Einzelhandelskaufleute haben nicht ganz unrecht. Zwar kontert der (ständig Personal suchende) Handel, dass 80 Prozent seiner Führungskräfte aus den eigenen Reihen stammten. Ein Beweis für sichere Jobs ist das nicht. Allein die Digitalisierung wird mehr als die Hälfte der existierenden Jobprofile verändern, wenn nicht überflüssig machen. Fest steht, dass sich auch Verkäufer fit machen müssen im Umgang mit Kundendaten, Grundbegriffe in Datenanalyse, Data-Mining, Mathematik und Statistik lernen müssen. Doch welche Handelskette lehrt das schon?

Digitalisierung bringt neue Berufsbilder

Auf der anderen Seite entstehen Berufsbilder, mit denen heutige Handelsangestellte rein gar nichts zu tun haben: vom CRM-Manager über den E-Commerce-Manager bis zum Chief Digital Officer. Letzterer treibt die digitale Transformation voran und tüftelt neue Geschäftsmodelle aus. Dazu braucht er tiefes Wissen über Digitaltechnologien und einen geschulten wirtschaftlichen Sachverstand. Der viel zitierte Jobmotor Handel mag brummen – aber nicht für klassische Verkäufer.

Mehr und mehr dringen auch Roboter in vielerlei Gestalt in ihren Aufgabenbereich ein. Kassen zum Selbstscannen (Stichwort Ikea) kennen wir schon lange. Die neuen Handelsroboter sind schon in der Lage, falsch sortierte Waren zum richtigen Regalplatz zurückzubringen und sogar die Inventur zu übernehmen. Noch sind sie beim Regalschlichten langsamer als der Mensch – ein Grund, warum Versandgigant Amazon ihre Entwicklung so vehement vorantreibt. Ende 2016 beschäftigte Amazon weltweit 300.000 Menschen und 45.000 Roboter. Sind diese erst dem Menschen nicht nur beim Heben schwerer Lasten, sondern auch in der Feinmotorik überlegen, werden Amazons Gewerkschaftsquerelen bald Geschichte sein.

Was dem Menschen bleibt

Bleibt noch die Kundenseite. Schon heute geben Serviceroboter Auskünfte, helfen bei der Suche nach bestimmten Produkten und errechnen die optimale Route durch den Supermarkt, wenn sie die Einkaufsliste kennen. Selbstredend packen sie auch beim Tragen der Einkäufe an.
Der italienische Vespa-Hersteller Piaggo stellte kürzlich einen rollenden Transportroboter vor, der seinem Besitzer wie ein Hündchen auf Schritt und Tritt folgt und den Einkauf nach Hause „rollt“. Öffnen lässt sich sein Transportfach nur mit dem Fingerabdruck des Besitzers. Wo braucht es da noch menschliche Interaktion?

Nur mehr, um das Shopping-Erlebnis zu perfektionieren, so die Erkenntnis des Zukunftsinstituts. Shopping ist und bleibt (nach Gartenarbeit) die beliebteste Freizeitaktivität. Der Versorgungseinkauf wandert ins Netz. Es ist der Genusseinkauf, auf dem die Hoffnung des stationären Handels und seiner Verkäufer ruht. Genusskonsumenten schrauben ihre Erwartungen immer weiter hoch und verlangen ganz selbstverständlich ein perfektes Einkaufserlebnis, exzellente Beratung und individuell abgestimmte Ware. Wer hier mithalten will, dem seien wärmstens Verkaufspsychologie, Kommunikation und Gesprächsführung ans Herz gelegt.

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