Die friedliche Zeit. Nur ein paar Tage lang.
23.12.2011 | 20:17 | Franz Kühmayer (DiePresse.com)
Die letzten Stunden vor den Feiertagen sind die hektischsten. Dann kehrt die lang ersehnte Ruhe ein. Doch wie gelingt es uns, den Weihnachtsfrieden ins Neue Jahr hinüber zu retten?
Schon in einem früheren Beitrag haben wir davon gesprochen, dass E-Mail als zentrales Kommunikationsmittel für die Zukunft nicht geeignet ist und mit anderen Methoden ergänzt werden muss.
Die Zeit rund um die Feiertage bietet uns neuerlich Gelegenheit darüber nachzudenken. Auch wenn etwa die englische Post um diese Jahreszeit ihren Personalstand kurzfristig um 18.000 Mitarbeiter erweitert – immerhin entspricht das einer Steigerung der Belegschaft um 14 Prozent – um den erhöhten Postaufwand durch Geschenke und Weihnachtskarten abwickeln zu können, so ist doch niemandem entgangen, dass der überwiegende Teil der Weihnachtsgrüße, Dankes-Schreiben und Neujahrswünsche inzwischen per E-Mail erfolgt.
Mehr oder weniger originell, mehr oder weniger persönlich, darüber wollen wir nicht urteilen – wir stellen schlichtweg fest, dass kurz vor Weihnachten nochmals ein enormer Anstieg an E-Mail-Kommunikation stattfindet.
Und dann ist Ruhe. Stille. Als ob die Mailserver eine Panne hätten, trudelt plötzlich tagelang kein Mail ein, oder doch zumindest deutlich weniger.
Die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr wird inzwischen von einigen als produktivste Woche des Jahres geschätzt, gerade eben weil offenbar vielfach Sendepause angesagt ist. Endlich kommt man dazu, Dinge zu erledigen, die sonst liegen geblieben sind. Endlich kommt man zu den wichtigen Dingen, während man das ganze Jahr lang – und besonders in den letzten Wochen – sich nur den dringenden Dingen widmen konnte.
Wie aber kann es gelingen, diese raren Momente der produktiven Ruhe auszudehnen?
Poinitierte Lösungsvorschläge machen inzwischen die Runde. So hat etwa Kaspar Rorsted, Vorstand des Konsumgüterherstellers Henkel, seinen Mitarbeitern ein E-Mail-Verbot auferlegt: „Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir eine Pause verordnet“, sagte Rorsted laut einem Bericht des Handelsblattes. „Schickt nur im Notfall eine Mail, war die Ansage. Das gilt für alle Mitarbeiter.“
Die BBC berichtet davon, dass Volkswagen seine Mail-Server so konfiguriert hat, dass Mitarbeiter 30 Minuten nach Dienstende keine eMails mehr auf ihre Blackberrys zugestellt bekommen.
Und Thierry Breton, Chef des französischen IT Dienstleisters Atos, geht sogar weit, dass er unternehmensintern bis 2014 E-Mail vollkommen abgeschafft haben will.
Ist das der Weisheit letzter Schluss? Brauchen wir derart radikale Maßnahmen, die in ihrer Konsequenz vergleichbar mit Entzugsprogrammen für Süchtige sind? Oder gelingt uns der Schritt zur Vernunft, der uns zu einer tieferen Reflektion unserer eigenen Produktivität führt, zum Nachdenken über unsere eigenen Kommunikations- und Handlungsmuster und zum Vordenken in eine Zukunft der Arbeit, in der uns eben die Balance zwischen persönlicher Produktivität und gemeinsamer Zusammenarbeit gelingt.
Die meisten Menschen wissen sehr genau, unter welchen Bedingungen sie produktiv sind und sind punktuell sehr wohl dazu in der Lage, diese Bedingungen herzustellen. Selten während des ganzen Jahres ist man besser darin, Aufgaben blitzartig abzuarbeiten oder zu delegieren und Entscheidungen zu treffen als am letzten Tag vor dem Urlaub. “Unglaublich, was da alles weitergeht” hört man da. Und ebenso selten während des Jahres gelingt es besser, Ruhe einkehren zu lassen und sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, als während der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr.
Nehmen wir uns vielleicht dieses Mal nur eines vor: zu erkennen, worin das Geheimnis dieser Zeit liegt. Und zu versuchen, ein Stück davon ins neue Jahr hinüber zu retten. Damit wir 2012 nicht wieder in der Hektik des Alltags untergehen und auch nicht zu Radikallösungen greifen müssen. Sondern verantwortungsvoll mit uns selbst und unseren Mitarbeitern umgehen lernen. Genau darin liegt sicherlich eine der größten Herausforderungen in der Zukunft der Arbeit. Ich wünsche Ihnen friedliche Tage.
Franz Kühmayer ist Trendforscher am Zukunftsinstitut Österreich und Eigentümer eines Strategieberatungsunternehmens mit Schwerpunkt "Future of Work".


