Intervention statt Gewohnheit
01.12.2011 | 16:28 | Harry Gatterer (DiePresse.com)
Wer Innovationen generieren will, konzentriert sich heute oft auf lange Prozesse. Statt dessen werden wir in Zukunft aber immer öfter auf kurze Momente bauen müssen, in denen wir die Grundfesten erschüttern und neu konstruieren.
Man kann sich ja nicht ganz sicher sein, wie sehr man in Österreich überhaupt Innovation ernst nehmen will. Unlängst wurde ich in einer Podiumsdiskussion aufs heftigste kritisiert, weil ich meinem Vorredner nicht einfach recht gab. Dieser meinte, dass es wohl viel besser sei ,sich darauf zu konzentrieren Dritter oder Vierter zu sein.
Die, so zitierte er eine Studie, leben besser als die Nummer 1. Bei Nachfrage aus dem Publikum, was er dann den Nummer Einsen dieser Welt raten würde, meinte er schlicht: Ein kluges Risikomanagement. Ich fand das bezeichnend: Ist das unser Mindset? Ist das der Glaube der Österreicher, dass es besser ist jemanden nachzulaufen und von der Hinterbank schlechte Ratschläge auszuteilen?
Ich hoffe nicht, und ganz ehrlich: Ich glaube nicht. Wenn das so wäre, würden wir ja in der Mittelmäßigkeit ersticken. Nun gut, das würde einer anderen Analyse bedürfen. Aber klar ist schon, dass wir hier in Österreich nicht immer den „Zug zum Tor“ verspüren. Und daher auch gern in Sachen Innovation auf die langen Prozesse bauen.
Grundsätzlich spricht da auch nichts dagegen. Wer Innovationen wirklich umsetzen will, muss sich auf einen langen Marsch einstellen. Aber andersherum: Wer Innovation schon als langen Marsch von Verbesserungen versteht, wird sich schwer tun tatsächlich einen großen Sprung zu machen. Weshalb wir in Zukunft öfter einen anderen Weg bestreiten müssen, um in Innovationsprozessen auch wirklich Neues zu erzeugen.
Die Rede ist von: Intensiven Interventionen. Im Gegensatz zur Dauerinnovationsabsicht geht es hier darum den Mut aufzubringen, in zwei, drei Tagen ganz und gar an den Grundfesten des Unternehmens zu rütteln. Es geht darum sich vom alten Denken in Gewohnheiten zu befreiten und zu Zukunftsprovokateuren zu werden.
Dieser Begriff wurde geprägt von Peter Sloterdijk, und verdichtet sich im Durchbrechen von Gewohnheiten. Sloterdijk meint dazu in „Du musst dein Leben ändern“: „Man kann die Gewohnheiten nicht entdecken, ohne mit ihnen in einen Zweikampf zu geraten, in dem ermittelt wird, wer Herr im Ring sei. Nicht alle wollen diesen Kampf gewinnen, Konservative aller Zeiten stellen sich schwach, um von der Gewohnheit besiegt zu werden – und dann der Siegreichen dienen zu dürfen, als sei sie die Unüberwindliche.“
In intensiven Interventionen muss es dem Zukunftswilligen also immer wieder gelingen zum Zukunftsprovokateur zu werden. Dies muss sein, will man Regeln durchbrechen und Neues erzeugen. Dies setzt aber voraus, dass man genau das wirklich möchte. Ob das bei Ihnen der Fall ist, mag ich hoffen: Denn ich kann und will nicht glauben dass wir Österreicher die „geborene Nummer 4“ sind. Intensive Interventionen geben dort Kraft wo die kontinuierliche Verbesserung versagt. Und führen uns auf eine andere Betrachtung der Zukunft.
Harry Gatterer ist Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstitut Österreich und Experte für „New Living“.


