Auf nach vorn mit Intuition
18.11.2011 | 10:57 | Harry Gatterer (DiePresse.com)
Wenn es auch nicht in der österreichischen Seele verankert ist. Sich selbst in der vernetzten schnellen Welt zu definieren wird für die Zukunft immer wichtiger. Was wir dazu gut brauchen können, ist eine professionelle Intuition.
Für die einen ist sie lästig, für die anderen die schönste Selbstbeschäftigung der Welt: Kreativität. Gerade heute durfte ich erleben, wie auf einem hochkarätigem Podium über soziale Innovationen gesprochen wurde, und dabei die Frage nach der Kreativität in den Mittelpunkt geriet. Aber eher negativ. Eher als etwas, das man eh nicht wirklich beschreiben kann. „Kreativ sind die Leute genug, und wenn jeder immer alles umsetzen könnte ...“ Sie wissen wie diese Diskussion geendet hat - ohne wirklichen Beitrag zur Innovation.
Aber warum ist es so schwierig für uns in Österreich, dass wir uns eingestehen, dass Kreativität Raum braucht und gleichzeitig Raum erzeugt? Warum können wir mit diesen Phänomenen der modernen Arbeitswelt so schwer umgehen? Eine schnelle Analyse führt mich auf den österreichischen Weg der Mitte. Wir müssen laut Volksseele nicht die ersten sein, wir müssen (außer beim Skifahren) auch nicht die besten sein. Es reicht schon, wenn wir gut (mit)spielen. Aber ich denke, darin werden wir uns in Zukunft schwer tun.
Nur mitzuspielen in einer Welt, die sich mehr und schneller denn je entgrenzt und sich in einer neuen Hyperkultur verausgabt. In einer Welt, in der Unternehmen, die sich „Weltführer“ schimpfen, gerade mal fünf bis sechs Jahre alt sein müssen. Die Hyperkultur laut Han meint dabei eine Kultur der Gleichzeitigkeit und Unausgerichtetheit. Alles in Echtzeit, alles ohne wirkliche Richtung. Aber gerade in dieser Zeit gilt es, sich selbst auszurichten und sich klar darüber zu sein, wohin man sich entwickeln möchte.
Als Mensch, aber auch als Land. Und dass dies schwierig ist, zeigt uns schon die Tatsache, dass die Identitätsfindung – was ist Österreich und für was steht es – ein schier heilloses Unterfangen ist. Das kommt eben daher, dass wir uns nicht so richtig wohl fühlen, wenn wir uns für etwas entscheiden müssten und den Weg des Pioniers gehen.
Können wir das überhaupt? Ich denke schon. Nur kommt es in Zukunft darauf an, wie sehr wir das wollen. Oder wie sehr wir mit dem Leben in der Mitte zufrieden sein wollen. Es kommt auch darauf an, wie gut wir im Früherkennen werden: Und jetzt meine ich nicht die Trendforschung. Sonder wie sehr es jedem Einzelnen von uns gelingt, mit einer auf Zukunft gerichteten Intuition umzugehen, um in der Komplexität der neuen Hyperkultur noch zu sehen, auf was es ankommt.
Wolfgang Schneider hat mit seinem Werk „Früherkennung und Intuition“ auf wissenschaftliche Weise genau dieses Feld untersucht und ist zu einem zentralen Schluss gekommen: „In einer Zeit der Unsicherheit, Geschwindigkeit und Komplexität wird Intuition zum zentralen Management-Instrument. Auch wenn das heute noch kaum offen verhandelt wird.“
Harry Gatterer ist Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstitut Österreich und Experte für „New Living“.


