Wissen ist Macht, mit diesem Konzept sind die meisten der heute im Arbeitsleben stehenden Menschen vertraut. Schließlich wurden wir nach diesem Motto erzogen und auch in der Schule entsprechend sozialisiert: Was in Unternehmen heute Collaboration genannt wird und gefragt ist, hieß im Klassenzimmer schlichtweg Abschreiben, war verpönt und wurde bestraft. Denn nur wer mehr weiss als die anderen, bekommt die gute Note.
Die zugrundeliegende Haltung prägt fürs Leben: Wer etwas weiß, ist im Vorteil, daher wird Wissen zurückgehalten und als Machtfaktor zum richtigen Zeitpunkt ausgespielt. Im Laufe der beruflichen Karriere gräbt sich dieses Muster tiefer ein und entwickelt sich zur Kultur des Information Hiding weiter, die entweder mit machiavellischer Finesse angewendet wird oder schlichtweg den Alltag in Firmen prägt. Genau daran scheitern Projekte wie etwa CRM-Einführungen oder interne Best-Practice-Austauschplattformen. Immer die gleiche Frage: Wozu soll ich mein Wissen preisgeben, was ist meine Incentive?
Der Anreiz, durch Bekanntgabe von eigenem Wissen im Austausch mit anderen insgesamt zu profitieren, reicht offenbar nicht aus – zu leicht sitzen wir dem Irrglauben auf, dass die Kostbarkeit des Wissens sich aus dessen Verknappung ergibt.
Das Gegenteil ist der Fall. Innovation ist immer auch “Abschreiben”, Erkennen von Nützlichem in Bestehendem, Neusortieren von Bekanntem und Neuordnen von Vorhandenem. Das gilt nicht nur für dingliche Innovationen, sondern gerade auch für geistige: Eine gute Idee beruht nicht selten auf dem Vorwissen von jemand anderem, auf dem Weiterführen von Gedankengängen und Fertigspinnen von Gedanken anderer. Systemisch gedacht: damit im Unternehmen Ideen florieren und Innovation gedeiht, muss das Wissen möglichst frei fließen, muss Austausch gefördert und gefordert werden, müssen alte Zurückhaltestrategien aufgebrochen werden. Und zwar hierarchie- und abteilungsübergreifend.
Die Generation, die gerade in den Arbeitsprozess eintritt, ist da schon einen Schritt weiter. Sie wächst im Netzzeitalter auf, und da gilt Sharing, also Teilen, von Information als Machtfaktor. Ansehen genießt nicht derjenige, der sein Wissen hermetisch zurückhält, sondern der, dessen Idee möglichst oft auf Twitter retweetet, auf Facebook geliked, kurz: mit anderen geteilt und von anderen verteilt wird. Dazu gehört auch die Furchtlosigkeit, seine Idee der Kritik der Öffentlichkeit preiszugeben.
Ob Sie als Führungskraft also selbst twittern, ist vielleicht nicht so wichtig wie die Erkenntnis, dass es lohnend ist, sich mit den den zugrundeliegenden Mechanismen von sozialen Medien auseinanderzusetzen, und sie auf das eigene Unternehmen zu übertragen. Denn in Zukunft gilt: Wissen alleine ist Ohnmacht, geteiltes Wissen ist wahre Macht.
Franz Kühmayer ist Trendforscher am Zukunftsinstitut Österreich und Eigentümer eines Strategieberatungsunternehmens mit Schwerpunkt "Future of Work".