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Bild: Pixabay 

Die Vorzeichen erkennen

06.11.2017 | 13:45 |   (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 76. InForMent. Komplexität und Führung: Der Mensch dachte, das System lachte

Unternehmen und Institutionen sind hochkomplexe Systeme. Kann man sie überhaupt führen? Und wenn ja, wie? Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne MANAGEMENT IM KOPF dazu Anregungen auf der Basis ihrer langjährigen Erfahrung mit der praktischen Anwendung verlässlicher Erkenntnisse der Systemwissenschaften.

 

Planen und planmäßiges Arbeiten im Management? Das war einmal. Es klappt nicht mehr. Die speziellen Eigenschaften komplexer Systeme haben sich schon viel zu stark durchgesetzt. Der Mensch dachte, das System lachte. So läuft das heute. Man muss auf alles vorbereitet sein. Nur die Vorzeichen, die Systeme aussenden, verraten noch verlässlich, in welche Richtung Entwicklungen driften, und worauf man sich vorbereiten muss.

Vorahnungen

Vorahnungen sind mehr oder weniger vage Vorstellungen von der Zukunft, die sich von selbst entwickeln. Sie sind Kinder der Intuition, basieren auf der eigenen Wirklichkeitsauffassung, dem eigenen Weltbild und Erfahrungsschatz, den eigenen Wahrnehmungsverzerrungen und Denkfehlern. Was man so voraus ahnt, ist also gefärbt von den eigenen Kenntnissen, Bedürfnissen, Wünschen, Befürchtungen, Ängsten, Hoffnungen, Vorurteilen, Begierden, usw. Aus Vorahnungen entstehen daher leicht sichselbsterfüllende Prophezeiungen. Sie sind keine gute Basis, um ein tatsächlich vorhandenes Realitätspotenzial voll auszuschöpfen.

Sichere Vorzeichen

Sichere Vorzeichen sind etwas anderes: Hier handelt es sich in der Regel um gut erforschte valide Indikatoren, die verlässliche Hinweise auf künftige Chancen und Probleme geben. Sie sind so verlässlich wie die Tankanzeige eines funktionstüchtigen PKWs, die klassischen Laborbefunde einer medizinischen Untersuchung oder der Ablauf von Tag und Nacht. Hinter den Vorzeichen, die für die Entwicklungen in komplexen Systemen stehen, stecken Naturphänomene, die man erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt hat. Bei diesen Phänomenen geht es um das gesetzmäßige Funktionieren von allen und allem. Man nennt es auch Kybernetik, so wie die Wissenschaft darüber selbst.

Die Muster des Gelingens und Misslingens

Für die neue globalisierte Welt reichen die eigenen, inneren Regungen nie aus. Man braucht verlässliche Orientierungssysteme, die einem über die eigene Täuschungsanfälligkeit hinwegheben. So wie man in der Physik gesetzmäßige Muster des Verhaltens von Energie und Materie kennt, hat man in der Kybernetik nach gesetzmäßigen Mustern des Gelingens und Misslingens gesucht. Gestoßen ist man dabei sozusagen auf das Phänomen der Eigendynamik und seine Naturgesetze. Genauer gesagt, auf die Gesetzmäßigkeiten der Selbststeuerung und Selbstregulierung in komplexen Systemen, in allem also, was nach Management verlangt. Wer diese Gesetzmäßigkeiten kennt, richtig versteht und genau genug zu beobachten weiß, kennt mit ihnen die Vorzeichen jedes Erfolgs und Misserfolgs, egal worum es geht.

Die Roboter kennen sie schon

Die Phänomene, die uns als verlässliche Vorzeichen dienen können, stecken in allem was lebt und in allem, was man tote Materie nennt, in der Technik zum Beispiel. Heute sprechen wir daher von Designprinzipien intelligenter Systeme. Denn anhand dieser Gesetzmäßigkeiten entstehen u.a. die besten Lösungen der Artificial Intelligence und Robotik. Auch schon der herkömmliche Computer basiert auf diesem kybernetischen Gerüst, bloß nicht so ausgefinkelt und noch viel zu linear strukturiert. Auch viele andere Lösungen für hartnäckige Probleme aus der jüngeren Wissenschaft unterschiedlichster Gebiete kommen aus dem Anwenden dieser systemwissenschaftlichen Erkenntnisse. Besonders Unternehmer und Führungskräfte, die den Fortschritt suchen und wollen, sind daher gut beraten, sich mit ihnen vertraut zu machen.

Die Äpfel fielen auch schon vor Newton vom Baum

Es ist mit diesen kybernetischen Vorzeichen und Phänomenen so wie mit der Schwerkraft. Auch ihre Wirkmuster gab es schon bevor Newton sie beschrieben hat. Grobe Skizzen kybernetischer Muster finden sich bereits in uralten Schriften, und viele zum Verwechseln ähnliche Andeutungen in der Esoterik. Für den einfachen Hausgebrauch mag das reichen. Für das nachhaltige Lösen komplexer Aufgaben und Probleme reicht das nicht. Je komplexer und dynamischer, desto präziser muss beobachtet und differenziert werden. Daher hilft es nicht, hier eine Liste mit den wichtigsten und wertvollsten Vorzeichen abzugeben. Sie werden nur durch den gesamten Kontext der validen Systemwissenschaften klar und verständlich. Das braucht ein bisschen Unterricht und fachliche Begleitung.

System Coaching

Stellen Sie sich vor, die Vorzeichen, die uns komplexe Systeme anbieten, sind die besten Coaches, die Sie haben können. Sie kommen bloß nicht daher wie die gelb blinkenden Verkehrsampeln, die Wettervorhersagen auf Apps oder eben die Coaches, die Sie buchen. Sie kommen so daher wie verschiedene Symptome kranker Menschen, die für unterschiedliche Krankheiten stehen können. Man muss gelernt haben, sie diagnostisch zutreffend zu deuten. Das kann man lernen. Es dauert bei Weitem nicht so lange wie in der Medizin, und ist mit den passenden Werkzeugen auch nicht so schwer. Professionelle Führungskräfte können das. Nur solche, die zu sehr von sich überzeugt sind, unterschätzen die Anforderungen und scheitern daran.

Universelle Wirkgefüge

Ich weiß, dass bei vielen Lesern spätestens an dieser Stelle die Neugierde auf die hier vorgestellten Optionen ebenso groß ist wie der Ärger, dass Sie nicht so einfach auf sie zugreifen können. Ich sage es metaphorisch: Wenn man Leuten Dynamit in die Hand gibt, sollten sie auch wissen, dass es nicht nur Berge wegsprengen kann, sondern noch in der eigenen Hand explodieren, wenn man nicht sorgsam genug damit umgeht. Stellen Sie sich vor, in allen komplexen Systemen steckt ein universelles Wirkgefüge, das immer und überall nach denselben Prinzipien funktioniert. Es ist so wie mit dem menschlichen Körper. Er funktioniert vom Prinzip her bei allen Menschen gleich. Aber nach außen hin ist trotzdem jeder Mensch anders. Man muss also lernen, hinter die Äußerlichkeiten zu sehen.

Universelle Modelle

Stellen Sie sich Röntgenbilder vom Innenleben von Menschen vor. Auch um die kybernetischen Phänomene hinter den äußeren Merkmalen zu erkennen, braucht man visuelle Modelle. Eines der wenigen, das publiziert wurde, ist das Viable System Model von Stafford Beer. In seiner wahren Aussagekraft verstanden haben es bis heute fast nur Leute, die mit ihm persönlich gearbeitet oder zumindest gesprochen haben. Auch ich selbst widme mich vor allem der Entwicklung zuverlässiger kybernetischer Modelle, um die Vorhersagekraft systemwissenschaftlicher Erkenntnisse rasch und tatsächlich in voller Kraft nutzen zu können. Weil ich von Staffords ausbleibenden Erfolgen gelernt habe, gebe ich meine Modelle nicht öffentlich heraus, sondern nur in Kombination mit meiner Schulung. Das funktioniert wunderbar. Auch ein guter Arzt wird man nicht durch Bücher. Wirklich gut wird man nur in der realen Praxis durch die Ausbildung erfahrener Leute.

Warum es ohne Modelle nicht geht

Wenn Sie Briefe am Computer verfassen wollen, wissen Sie, dass Sie dafür Software zur Textverarbeitung brauchen. Wenn man mit komplexen Systemen nachhaltig erfolgreich umgehen möchte, braucht man entsprechende Modelle dafür. Dass es ohne sie nicht geht, war eine der ersten Erkenntnisse in den Systemwissenschaften. In dieser Kolumne finden Sie dazu Beiträge von Markus Schwaninger, Franz Josef Radermacher und Wolfgang Hofkirchner. Sie können hinter meiner Empfehlung valider Modelle also gerne meine Verkaufsabsicht vermuten. Helfen wird es nichts. Mit Einsicht kommt man weiter: Könnten Sie sich in einer Umgebung, die Ihnen nicht eng vertraut ist, ohne Landkarte bis ins letzte nötige Detail orientieren? Die kybernetischen Vorzeichen stecken in zirkulären und nichtlinearen Prozessen. Deren Wirkmuster kann man nur noch in graphischen Modellen leicht erkenn- und nachvollziehbar abbilden.

Landkarten der Zukunft

Universelle Modelle, welche die potenziell möglichen und nicht möglichen Entwicklungen der Zukunft vorhersagen, basieren entweder auf höchst abstrakten Parametern, wie wir sie zum Beispiel von Heinz von Foersters Nichttrivialer Maschine kennen. Oder sie basieren, wie meine Modelle, auf Parametern, die immer und überall vorkommen, aber jeder kennt und erkennen kann. Ausreichend viele zu finden, die verlässliche Vorhersagekraft mit sich bringen, verlangt rund 20 Jahre Forschung und Entwicklung. Sie kennen die Parameter von Blutbefunden, zum Beispiel den Blutzucker, das Cholesterin, die Elektrolyte oder Leberwerte. Auch alles, was im Management relevant ist, hat Parameter, von denen man klar vorhersagen kann, unter welchen Vorzeichen welche Entwicklungen zu erwarten sind. Diese Parameter kennen Sie alle. Das ist nicht das Problem.

Ungeduld

Das einzige Problem, das es mit dem Erlernen und Nutzen dieser Vorzeichen gibt, ist (neben Überheblichkeit) Ungeduld. Viele erwarten sich beim Anblick solcher Modelle das schlagartige Eintreten von Erkenntnis. Um kybernetische Muster schlagartig zu fassen, müssen die eigenen Neuronen aber schon entsprechend verschaltet sein. Das tritt daher nur bei Leuten ein, welche die Systemwissenschaften schon im kleinen Finger haben. Man braucht meiner Erfahrung nach dafür mindestens ein Jahr konsequentes Learning by Doing, wenn man mit guten Modellen und Lehrern arbeitet. Leute, die sich schon länger mit den Systemwissenschaften beschäftigen und die beste Literatur dafür verwendet haben, erkennen aber zumindest sofort, dass in solchen Modellen das notwendige Wissen system- und praxisgerecht organisiert dargestellt ist, dem Gehirn daher die passsenden Trigger sendet.

Puuh! This is too much!

Bringt man solche Voraussetzungen noch nicht mit, fühlt man sich vom Anblick praxis- und anwendungsorientierter kybernetischer Modelle erst einmal so erschlagen wie Nicht-Musiker, welche die Partitur einer Mozart-Komposition lesen sollen. Denn obwohl man in solchen Modellen all die Zusammenhänge sieht, mit denen man tagtäglich zu tun hat, hat man sie in seinem Alltag nie alle gleichzeitig im Auge. Man fokussiert sich immer nur auf einzelne Details. Sie in den Kontext eines ganzen Wirkgefüges einzuordnen, gelingt hirnbedingt nur modellgestützt. Nutzt man das, werden solche Modelle wie Landkarten. Sie verraten einem, wo und wann man quasi gerade weiter, nach links oder rechts abbiegen oder umkehren muss. Es ist im Grunde ganz einfach, verblüffend einfach. So einfach wie das Bedienen eines Computers. Das galt vor 30 Jahren auch noch als echte Herausforderung. Alles, was man wahrlich gelernt hat, ist einfach. Es gibt nur ein Hindernis: Es nicht zu lernen…

 

Schreiben Sie Ihre Frage zum Umgang mit Komplexität in Führungs- und Managementaufgaben an Maria Pruckner. Sie wird darauf eingehen.

 

Maria Pruckner. Die selbstständige Beraterin, Trainerin und Autorin ist seit 1992 auf den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik in Unternehmen und Institutionen spezialisiert. Seither entwickelt sie für diesen Zweck verlässliche kybernetische System-Modelle, die sie mit einem systematischen Anwendertraining verbindet. Damit gehört sie auf ihrem Gebiet weltweit zu den am längsten dienenden Pionieren und Problemlösern in der Praxis. Die langjährige Schülerin von Heinz von Foerster arbeitet seit damals stark vernetzt und konsequent mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Ihr Unternehmenssitz ist in Wien.

Mehr unter www.mariapruckner.com

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