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Bild: Pixabay 

Professionelle Wissensarbeit – das A&O der neuen Zeit

19.06.2017 | 12:19 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 56. Komplexität meistern – Selbstführung. Wie man ohne alles zu wissen klug und erfolgreich sein kann.

Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne "Management im Kopf" dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

Zu wissen, was man nicht weiß, ist im Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik das Wichtigste, weil es bekanntlich intransparent und unvorhersehbar ist. Es ist also unmöglich, alles zu wissen, was man wissen sollte. Aber es ist möglich, zu wissen, was man nicht weiß. Wie Sie in komplexen Umgebungen professionell agieren, und auch dann nicht blöd dastehen, wenn Sie etwas nicht wissen, wovon Sie gar nicht wissen, dass Sie es nicht wissen.

Die Leichtigkeit des Scheins

Niemand kommt als Profi auf die Welt, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und Spitzenkräfte äußern sich nur selten über den mühsamen Weg, der sie dorthin gebracht hat, wo sie heute sind. Sie brillieren vielmehr mit einer verblüffenden Leichtigkeit in Dingen, an denen sich andere vergeblich den Kopf zerbrechen. Diese Leichtigkeit führt zu einem weit verbreiteten Irrglauben, es sei auch genau so leicht, sich diese Professionalität anzueignen, wie es leicht wirkt, wenn Profis am Werk sind.

Hi, hi, hi – so wirst du ein Genie

Bleiben Sie gegenüber Lehrveranstaltungen, Büchern, Webseiten und dergleichen skeptisch, die Ihnen versprechen, mit Leichtigkeit zum Super-Profi zu werden. Mit großer Leichtigkeit verlieren Sie dort nur Ihr Geld. Ein ebensolcher Irrweg ist auch der Aufenthalt in jeder Art von Echokammer, in der Sie mit Leichtigkeit die Bestätigung dessen finden, was Sie immer schon gewusst und gedacht haben. Nur das, was Sie nicht verstehen, was Sie irritiert, durcheinanderbringt, verstört, aus der Bahn wirft, bringt Sie weiter.

Profi werden

Die Leichtigkeit, mit der echte Profis agieren, macht sie beneidenswert. Im Neid liegt aber eine große Falle. Tun Sie es sich nicht an, solchem Neid zu erliegen. Interessieren sich lieber dafür, wie man so professionell wird. Am besten fragen Sie solche Könner selbst, wie sie ihre Qualifikation erreicht haben. Nichts ist heilsamer gegen den bohrenden Wissensneid, als deren klare Auskunft. Sobald sie über ihren Entwicklungsweg offen sprechen, erfahren Sie nämlich, dass es da gar nichts zum Beneiden gibt.

Ein schmaler Pfad

Viel eher werden Ihnen Profis von schmerzhaften Erfahrungen, brutal harter Arbeit an sich selbst und an großen Aufgaben erzählen, von wenig vergnüglicher Freizeit, viel schwieriger Literatur und guten Lehrern, die ihnen auf die Sprünge geholfen haben. Das Außergewöhnliche, darauf können Sie sich verlassen, entsteht auf einem schmalen Pfad zwischen der sicheren Zone und dem Abgrund. Echte Profis unterscheiden sich von anderen dadurch, dass sie die Grenzen der Beliebigkeit kennen. Sie wissen, dass komplexe Systeme vieles nicht zulassen.

Wissen, was man nicht weiß

Was Sie nicht wissen, aber wissen sollten, um eine Situation und ihre Möglichkeiten richtig einzuschätzen, erfahren Sie am ehesten, wenn Sie direkt Leute danach fragen, die ihr mit echter Souveränität begegnen. Fragen Sie diese: „Wovon weiß ich nicht, dass ich es nicht weiß?“ Sie werden Ihnen für diese Frage dankbar sein, weil sie dann nicht befürchten müssen, Sie peinlich zu berühren, wenn sie Ihnen etwas erklären. Sie werden vielmehr von Ihnen den Eindruck gewinnen, dass Sie ein ernstzunehmender Gesprächspartner sind.

Wissen, wie es funktioniert

Um sicherzugehen, dass Souveränität kein Fake ist, brauchen Sie nur folgende Frage zu stellen: „Wodurch wird [dies oder jenes] gesteuert und reguliert?“ Echte Profis wissen, wie komplexe Systeme organisiert sind und welche Faktoren welche Art von Einfluss ausüben. Sie können Ihnen auch die Fehlsteuerungen und Fehlregulierungen nennen, die für die Situation verantwortlich sind. Als Antwort wird Ihnen wahrscheinlich kein Wortschwall entgegenkommen, sondern ein klares Modell eines Wirkgefüges, das sie systematisch erklären.

Wissen über Wissen

Wissen gibt es viel. Valides, viables oder belastbares Wissen, das tatsächlich hilft, um reale praktische Probleme zu erkennen und lösen, ist leider nur ein kleiner Teil davon. Ihn muss man zuerst einmal gefunden haben. Auch hier fragt man am besten echte Profis. Ich nehme an, Sie sehen, worum es geht. Man kann unmöglich in die Fußstapfen sämtlicher Profis treten, die man für seine Aufgaben und Situationen braucht. Man muss sich von ihnen helfen lassen, nur so kann man von ihnen lernen.

Wissen über Systeme

Anders ist es mit dem Wissen über komplexe Systeme an sich. Das ist allgemein gültiges Wissen darüber, wie Systeme an sich funktionieren und wie nicht, wie sie organisiert werden müssen, wodurch Störungen, Krisen, hohe Effektivität, Effizienz und Lebensdauer entstehen. Das ist das Wissen aus den Systemwissenschaften, das sich bislang in der Praxis aller Gebiete verlässlich bewährt. Dieses Wissen hilft, sich auf das Entscheidende zu konzentrieren, die richtigen Fragen zu stellen, das Wesentliche zu beachten und das Beste zu tun.

Das Wissen der anderen

Der Umgang mit Komplexität bedeutet, mit mehr Faktoren und Zusammenhängen konfrontiert zu sein, als ein einzelnes menschliches Gehirn erfassen und verstehen kann. Sie brauchen also immer auch das Wissen anderer. Hier stellt sich die Frage, ob stimmt, was diese wissen. Das verlässliche Wissen aus den Systemwissenschaften hilft auch dabei, die Plausibilität von Ansichten, Meinungen und Kenntnissen zu prüfen. Wer die spezielle Natur und Funktionsweise komplexer Systeme kennt, erkennt, was stimmen könnte und was keinesfalls.

Wie man mit anderen kooperiert

Im 21. Jahrhundert müssen Sie davon ausgehen, dass es keine zwei Menschen gibt, deren Wissen und Denken sich aus denselben Quellen speist. In der multimedialen Welt von heute gewinnt jeder seine Erkenntnisse auf einem anderen Weg und er artikuliert sie in anderen Worten. Modelle von komplexen Systemen, die die entscheidenden Parameter der wirksamen Zusammenhänge verlässlich abbilden, sind im Rahmen angewandter Systemwissenschaften daher das wichtigste Werkzeug für die Verständigung und Kooperation.

Modelle?! Was!?

Viele Menschen haben noch Schwierigkeiten damit, sich unter System-Modellen etwas Konkretes vorzustellen. So wie es für die geographische Orientierung Landkarten gibt, die Kontinente, Meere, Länder, Städte, Dörfer, Straßen, Wege, Flüsse, Seen, Berge, etc., sowie ihre Lage und ihr Verhältnis zueinander abbilden, bildet man in System-Modellen die Einflussgrößen, ihre Organisation als System, ihre Wirkzusammenhänge und Wirkweisen ab. Nur das erlaubt den Überblick über ein Ganzes und nur das erlaubt eine sinnvolle, konzentrierte Reflexion.

Das passende Modell

Man kann für jedes Problem ein System-Modell entwickeln. Was der Dichte halber keinen Sinn macht, ist alles, was in einem System wirkt, in ein einziges Modell zu packen oder mit einem einzigen Modell zu erklären. Man verwendet verschiedene Modelle, um ein System aus verschiedenen Perspektiven und anhand verschiedener Fragestellungen zu untersuchen. Nicht jedes Modell hilft, jede Frage zu lösen. Sie werden also verstehen, dass man das Arbeiten mit und schon gar in das Entwickeln von System-Modellen gelernt haben muss.

Weiße Flecken auf der Landkarte

Verfügt man über eine gute Ausrüstung mit geeigneten System-Modellen, die sich auf Fragen konzentrieren, die im Management immer und überall wirksam sind, hat man das nötige Rüstzeug, um in jeder Situation herauszufinden, welche Informationen und welches Wissen in einem bestimmten Fall fehlen. Man erkennt also quasi die jeweiligen weißen Flecken auf der Landkarte, die einem sagen, was recherchiert werden muss und welche Experten hinzuziehen sind. So erspart man sich unnötiges Chaos, erreicht man systematische Schritte.

Ich habe keine Ahnung

Nirgendwo fällt der Satz „ich habe keine Ahnung“ so oft und mit solch unverschämter Selbstverständlichkeit als in den Exzellenz-Zonen der Wissenschaft. Das sollte Ihnen genug Selbstvertrauen geben, nicht alles wissen zu müssen, und genug Widerstandskraft gegen Leute, die über Ihr Unwissen die Nase rümpfen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß…“, diese Selbsterkenntnis schreibt man Sokrates zu. Sich immer bewusst zu sein, dass es kein über jeden Zweifel erhabenes Wissen gibt, ist durchaus hilfreich.

Nur das System kennt die Antwort

Noch hilfreicher ist es aber, sich dessen bewusst zu sein, dass es immer die Systeme selbst sind, die erkennen und zeigen, was passt und was nicht. Komplexe Systeme können genial und höchst ökonomisch funktionieren, nur sehr schlecht und kostspielig, überhaupt nicht und in allen Facetten dazwischen. Sie setzen sehr klare Zeichen, ob man richtig oder falsch liegt. Man muss sie nur erkennen und adäquat auf sie reagieren. Das bedeutet, man muss MIT den Systemen arbeiten. In ihnen zu arbeiten, genügt nicht. Stellen Sie sich einfach vor, der beste Lehrer, Chef, Berater, Coach oder dergleichen, ist das jeweilige System, auf das Sie Einfluss nehmen. Ich verspreche Ihnen, in den Systemwissenschaften werden Sie alle Antworten finden, die Ihre Lage treffend erklären und die erklären, wodurch sie nachhaltig besser wird.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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