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Bild: Pixabay 

Lernen statt leiden

12.06.2017 | 08:45 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 55. Komplexität meistern – Selbstführung. Der Preis hoher Komplexität: Wer nicht lernen will, muss leiden.

Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne „Management im Kopf“ dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

Niemand von Verstand wehrt sich heute noch gegen Komplexes. Dass Aversionen dagegen sinnlos sind, hat man begriffen. Ein Fortschritt. Wäre hingegen Lernen etwas zum Essen, müssten Restaurants auf die weit verbreitete Lern-Allergie hinweisen: Achtung! Enthält Anstrengung, Fehler und Spuren von Fortschritten. Viele ergreifen die Flucht, wenn es ums Lernen geht, weil sie an die Schule, Prüfungen und Noten denken. Doch in der neuen Zeit muss man Komplexes primär mit Lernen in Zusammenhang bringen. Lernen ist heute die wichtigste Arbeit in der Arbeit. Davon hängt die eigene Zukunft ab. Diese Art von Lernen hat allerdings nichts mit Schule zu tun.

„Digitalisierung“ oder lernende Maschinen

Man baut längst technische Systeme, die selbst lernen können, wie ihre Umgebung gerade ist, was sie tut, will, braucht und wie sie daher für bestimmte Zwecke und Ziele reagieren müssen. Lernen ist die Basis von Künstlichen Intelligenzen (KI) und Robotern. Für die Menschen bleiben nur noch komplexe Aufgaben. Aufgaben, für die man sehr viel gelernt haben und täglich weiterlernen muss. Höchste Zeit also, die Traumata aus der Schul- und Studienzeit zu überwinden und auf das zu setzen, was es mit dem Lernen tatsächlich auf sich hat.

Lernen – ein biologisches Programm

Mit Robotern und KI baut man intelligente Lebewesen nach, also Systeme komplexer Natur. Von einfachen Systemen unterscheiden sie sich vor allem durch ihre Fähigkeit, zu lernen. Sie können Signale aus ihrer Umwelt und ihrem Innenleben registrieren und auf individuelle Weise verarbeiten. Dadurch verändern sie ihre Persönlichkeit, ihr Wesen bzw. ihre Konfiguration. Sie entwickeln und verlieren Fähigkeiten, je nachdem, was sie tun. Dasselbe gilt für menschliche Kulturen und die Vorgänge innerhalb der Organe und Zellen der Biologie.

Lernen - ein Programm der Natur

Das Klima ist ebenfalls ein komplexes System. Hier würde man aber nicht von Lernen, sondern von Wechselwirkungen sprechen; in diesem Fall allen voran zwischen der Sonnenstrahlung, Atmosphäre und Erdoberfläche. Gemeint ist hier, was man in der Kybernetik unter Feedback versteht: die Selbststeuerung und Selbstregulierung, mit der voneinander abhängige Einheiten die nötige Balance zwischen sich herstellen. Auch das kann man als eine Art von Lernen verstehen, ein voneinander lernen auf einer höheren Abstraktionsebene.

Durch leiden lernen

Das Entscheidende über das Lernen findet sich bereits früh in der Menschheitsgeschichte. In der Orestie, einer bedeutenden griechischen Tragödie aus dem Jahr 458 v. Christus, erzählt Aischylos zum Beispiel, dass es erst Zeus geschafft hätte (nachdem die früheren Götter gescheitert seien), die Menschen auf den Weg zum richtigen Denken und zur Einsicht in das Ganze zu bringen. Das göttliche Gesetz von Zeus lautete: Durch leiden lernen. Stellen Sie sich einfach vor, der Zweck alles Leidens ist, zu lernen, wodurch es für immer verschwindet.

Nicht leiden müssen

Führen Sie sich Ihre eigenen Leidensgeschichten vor Augen. Welche davon hätten Sie sich erspart, wenn Sie damals schon mehr oder besseres gewusst hätten? Von welchen Leiden wurden Sie durch das Wissen und die Erfahrungen anderer befreit? Und von welchen haben Sie sich selbst erlöst, weil Sie etwas dazugelernt haben? Worunter leiden Sie noch immer? Und jetzt die vier wichtigsten Fragen:
1. Wissen Sie, dass Sie nicht leiden müssen?
2. Wovon wissen Sie nicht, dass Sie es nicht wissen?
3. Wollen Sie leiden?
4. Wollen Sie lernen?

Lernfreudigkeit

Die Menschen, die in meine kybernetische Werkstatt kommen und erfolgreich wieder verlassen, haben alle etwas gemeinsam: Sie halten nichts davon, zu leiden. Sie suchen aber nicht den Spaß oder große Anerkennung. Sie suchen die besten Lösungen. In ihrer tiefen Überzeugung, dass das, womit sie tun haben, doch viel einfacher und besser gehen müsste. Sie alle haben Menschen vor Augen, die auch große Probleme souverän und mit wenig Aufwand lösen, an denen andere scheitern. Zu dieser Sorte Mensch möchten sie auch gehören.

Tun, leiden, lernen

Bevor sich solche interessierten Menschen entscheiden, mit mir zu arbeiten, hören und lesen sie von mir, dass der Lernprozess, den sie durchlaufen müssen, manchmal wehtun wird, dass sie mich phasenweise hassen werden und erst glücklich sein, wenn sie die wichtigsten Hürden genommen haben. 88 Prozent meiner Schüler schaffen das. Ihnen ist die Reihenfolge bewusst, mit der man wirklich vorankommt. Sie geht schon in der Orestie so und wird dort immer wieder wiederholt: Tun, leiden, lernen.

Cybernetics

Leiden ist immer der Hinweis, dass etwas nicht stimmt, nicht richtig verstanden wurde, gelernt und verändert werden muss. Damit sind wir in der Kybernetik, bei der Steuerung und Regulierung für das Erreichen von Zwecken und Zielen. Das Steuern erfolgt durch Inputs. Regulieren wird nach unerwünschten Outputs nötig, durch das Lernen, dass ein Input nicht funktioniert hat. Der Input muss dann so lange korrigiert werden, bis der Output passt. Das ist das Lernen intelligenter Systeme, um das es heute menschlich und technisch geht.

Schamlosigkeit

Intelligentes Lernen setzt also voraus, dass man daran interessiert ist, seine Fehler zu erkennen und auszumerzen. So, wie man beim Autofahren (bei gesundem Verstand) sehen will, wohin man lenkt und umlenkt, wenn es in die falsche Richtung geht. Das fällt vor allem jenen Menschen leicht, die wissen, dass sie Fehler machen und keinen Grund darin sehen, vor Scham in den Boden zu versinken oder gar vor Angst zu sterben, wenn ihnen ein Fehler unterlaufen ist. Fehler sind zum Lernen da. Das ganze Leben vielleicht auch.

Komplexes verstehen

Spätestens, wenn man die tiefere Natur der Funktionsweise komplexer Systeme verstanden hat, wird einem glasklar, dass es viel wahrscheinlicher ist, dass sie Fehler hervorbringen, als dass funktioniert, was klappen soll. Man kann es auch anders formulieren: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, mit komplexen Systemen umzugehen, aber nur ganz wenige, die auch tatsächlich funktionieren. Spätestens, wenn sie entdeckt haben, dass Fehler ihre besten Lehrer sind, fangen meine Schüler an, sie zu mögen und das Regulieren zu lieben.

Büffeln bringt gar nichts

Wie man mit komplexen Systemen professionell umgeht, wie man also erfolgreich steuern und regulieren kann, lernt man nicht wie klassischen Schulstoff. Büffeln bringt überhaupt nichts. Die verlässlichen Grundlagen zu kennen, ist mit geeigneter Ausrüstung nicht schwer. Und sie richtig anwenden, verlangt einfach nur, dieses Wissen in seine Beobachtungen, sein Denken, Verhalten, seine Überlegungen, Beurteilungen und Lösungen zu integrieren. Das verlangt nur üben, üben, üben – direkt in der eigenen Praxis, begleitet von einem guten Lehrer.

Lernen von Könnern

Man wird auch nicht etwa Arzt oder Rechtsanwalt, indem man Webseiten und Bücher auswendig lernt. Die nötige Qualifikation für solche anspruchsvollen Aufgaben erwirbt man sich nur im Laufe der Jahre seiner Tätigkeit, durch die Ereignisse und Ergebnisse der jeweiligen Tätigkeiten selbst. Es ist eben ein Tun, Leiden und Lernen. Man kann nur von hochqualifizierten Experten ausgebildet werden, die viel Erfahrung mit komplexen Wirkungspotenzialen und erfolgreichen Lösungen haben, Lehrer, die rechtzeitig auf Fehler hinweisen.

Lernen statt Blindheit

Wenn man in einer Sache dumm war, bemerkt man das bekanntlich erst, wenn man diesbezüglich nicht mehr dumm ist. Mit Adorno beginnt Bildung nicht damit, etwas zu wissen, sondern damit, zu wissen, was man nicht weiß. Zu wissen, was man nicht weiß, ist auch das wichtigste für das Meistern von Komplexem, weil es nicht durchschaubar ist. Man weiß nie, was genau vor sich geht und was alles mitwirkt. Je besser man ausgebildet ist, umso eher wird man manches davon selbst erkennen und umso eher wird man kundige Experten hinzuziehen.

Experte werden

Vielerorts hat man bereits genug Erfahrung damit, dass die Folgen anscheinend winzigster Fehler in komplexen Systemen ein Vermögen verschlingen. Dort zieht man Experten hinzu, bevor etwas passiert, nicht erst danach. Viele Fehler bleiben in komplexen Systemen irreversibel. Man bekommt sie nicht mehr raus, es entstehen nur noch mehr davon. Einfache Arbeitsschemata wickeln heute digitale Systeme ab. Menschen braucht man nur noch für das, was Maschinen nicht so bald können: komplexe Probleme lösen, und vor allem vermeiden.

Unverschämtheit

Seine Zukunft zu sichern, verlangt also, rasch viel zu lernen. Das verlangt Lehrer, die keine vorgefertigten Unterrichtsschemata abwickeln, sondern rasch erkennen, was jemand noch nicht weiß und die einem nur noch das, das aber sofort beibringen. Echt gut läuft das nur mit Lernenden, die unverschämt erzählen, womit sie sich gerade herumschlagen und dann fragen: OK, das ist also die Situation. Was habe ich da noch nicht erkannt oder noch nicht richtig verstanden? Was muss ich dringend lernen?

Der intelligente Stil

Die destruktive Schamlosigkeit und Unverschämtheit, die einem heute vielerorts begegnet, ist nur ein deutliches Indiz für Überforderung durch zu geringe Intelligenz und Bildung. Die konstruktive Variante – sich für Fehler nicht zu schämen und sich unverschämt unterrichten zu lassen – das ist der intelligente Stil, der einen weiterbringt. Zugegeben, das ist in Zeiten von Umbrüchen nicht einfach, besonders wo die rohere Kultur noch die stärkere ist. Wenn man nach solchen Umbrüchen zu den Erfolgreichen gehören möchte, muss man da durch.

Ein Navi fürs Lernen

Sobald Ihnen bewusst ist, dass Sie nur deshalb leiden, weil Sie etwas nicht wissen oder sich von unfähigen Leuten helfen lassen, werden Sie nach besserem Wissen und besseren Leuten suchen. Sobald Sie verstanden haben, was Sie eigentlich verstehen lernen sollen, werden Sie am leichtesten lernen, weil Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können. Wenn Sie dem Inhalt und seinem Lehrer auch noch vertrauen können, also auch glauben, was Sie lernen (sollen), werden Sie am schnellsten lernen. Wenn Sie dann auch noch solide Inhalte lernen, die Ihnen tatsächlich und nachhaltig helfen, werden Sie den meisten Spaß und Nutzen am Lernen haben. Leiden muss nur, wer sich einbildet, bereits alles zu wissen und zu verstehen. Wenn man unter nichts anderem leidet, dann zumindest unter seiner Einsamkeit. Es war übrigens die Hybris, gegen die Aischylos in seiner Orestie angeschrieben hat...

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
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Sie wird darauf eingehen.

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