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Bild: Pixabay 

Selbstführung in einer komplexen Welt

29.05.2017 | 09:46 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 53. Komplexität meistern – Selbstführung. Wie Weltbilder das eigene Verantwortungsbewusstsein prägen.

Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne „Management im Kopf“ dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

„Ist die Welt da draußen außerhalb meiner Haut? Beobachte ich sie durch meine Sinnesorgane wie durch ein Schlüsselloch? Stelle ich so fest, was sie und wie sie ist? Mache ich also die Welt „da draußen“ für das verantwortlich, was ich beobachte, erlebe und was mir widerfährt? Oder stecke ich als ein Teil von der Welt in der Welt? Verändere ich sie daher mit allem, was ich denke und tue? Bin ich daher selbst für das verantwortlich, was ich beobachte, erlebe und auf jeden Fall mitverantwortlich für das, was mir widerfährt?“ So unterschied Heinz von Foerster sinngemäß zwei grundsätzlich verschiedene Weltbilder, mit denen man durchs Leben gehen kann. Mit diesem Beitrag starte ich einen neuen Themenblock darüber, weshalb das Meistern von Komplexem mit dem Führen der eigenen Person – mit Selbstführung – beginnen muss und worauf es dabei ankommt.

Die Verantwortung liegt „da draußen“

Das Schlüsselloch-Modell ist ein Weltbild, mit dem man „der Welt da draußen“ für alles die Verantwortung zuschieben kann, was man erlebt und was einem widerfährt. Man betrachtet sich selbst als ein außenstehender Beobachter, der mit all dem nichts zu tun hat. Man erlebt und beschreibt die Welt wie einen Film im Kino.

Die Verantwortung liegt (auch) bei mir

Versteht man sich als ein Teil der Welt, als beteiligter Beobachter, der in jedem Fall das Geschehen mitbeeinflusst, steht man dem systemwissenschaftlichen Weltbild nahe. Für seine Beobachtungen, sein Denken und Handeln sieht man sich dann selbst verantwortlich und für die Folgen davon zumindest mitverantwortlich.

Switcher

Einen weiteren Unterschied macht es, ob man mit einem stabilen Weltbild agiert oder ob man, je nachdem, was einem gerade opportun erscheint, zwischen Weltbildern switcht. Ein typisches Beispiel dafür wäre jemand, der die Verantwortung für Erfolge prinzipiell bei sich selbst sieht, die für Misserfolge aber bei anderen.

Was kümmert das die Welt?

Nun stellt sich die Frage: Was kümmert es die Welt, welches Bild man von ihr hat? Passt sich das Geschehen in der Welt an das eigene Weltbild an? Oder sollte man sich doch besser umgekehrt einrichten und das eigene Weltbild dem Geschehen in der Welt anpassen? Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach.

Illusionskünstler

Zauberkünstler führen vor, dass sich das Gehirn vollkommen realistisch einbilden kann, dass sich die Welt den eigenen Vorstellungen fügt. Täuschung oder „Realitätsverlust“ nennt man das. Auch Komplexes provoziert vollkommen realistisch erscheinende Illusionen, weil nie alle wirksamen Zusammenhänge offensichtlich sind.

Erforscher

Große Entdecker oder Erfinder zeigen hingegen, dass man die eigenen Vorstellungen von der Welt auch dem Geschehen in der Welt anpassen und dadurch große Fortschritte erzielen kann. Die Geschichte zeigt die großen Chancen im Finden und Nutzen tatsächlich wirksamer Zusammenhänge komplexer Angelegenheiten sehr klar.

Kopf-Kino

Das Gehirn ist quasi ein Kopf-Kino, in dem man anhand seines Weltbilds selbst Regie führt und das Drehbuch mit seinem Beobachten, Denken und Handeln selbst schreibt. Wäre man das einzige Gehirn auf der Welt, wäre das einfach. Weil es aber sehr viele Gehirne gibt, ist das Leben unweigerlich höchst komplex und dynamisch.

Wirklichkeits-Empfang

Die Empfänger von Signalen aus der Welt sind die Sinnesorgane. Sie arbeiten wie die Receiver von TV-Geräten. Es kommt darauf an, welchen „Kanal“ man wählt, worauf man die Aufmerksamkeit lenkt. Der Decoder hingegen ist das Gehirn. Er verwandelt diese Signale mit seinen eigenen (!) Codes in das, was man erkennt und versteht.

Wer ist für Ihr Gehirn verantwortlich?

Wer ist dafür verantwortlich, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit lenken? Wer ist verantwortlich für die Codes, mit denen Ihr Gehirn die Signale von „da draußen“ entschlüsselt? Wer für das, was Ihr Gehirn leistet? Liegt die Verantwortung für all das bei der Welt „da draußen“ oder bei Ihnen selbst?

Gemüse?

Man kann auch die Verantwortung für sein eigenes Gehirn bei der Welt „da draußen“ sehen. Dann setzt man sich mit einem Gemüse gleich, hervorgebracht von einer Pflanze, ohne dass man irgendetwas dafür oder dagegen tun konnte. Man hat sogar die Wahl ob man etwa ein hübscher Blumenkohl oder eine hässliche Kartoffel sein möchte.

Freigeist?

Man kann auch, zumindest, die Verantwortung für sein eigenes Gehirn übernehmen. Dann ist man frei darin, seinen eigenen Geist zu gestalten und sich mit diesem die Welt so zu erklären, wie man sich diese gerade mal erklärt. Man kann sein Denken dann jederzeit ändern, je nachdem, was einem gerade nützlich erscheint.

Lebensfähig?

Man kann auch die Verantwortung dafür übernehmen, was man mit seinem Gehirn beobachtet, erkennt, denkt, tut, und damit in seiner unmittelbaren Umgebung und in der Welt bewirkt. Dann ist man als ständig Lernender in einer Welt, mit man der zusehends besser zurechtkommt, weil man sie und sich selbst immer besser versteht.

Schwierige Zeiten

Wir leben in einer schwierigen Zeit. Vieles ist besorgniserregend und die perfekten Antworten für das nötige Neue liegen im Ungewissen. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder schwierige Zeiten gegeben, Zeiten des radikalen Wandels. Aber noch nie gab es eine so radikale Transformation wie heute.

Degeneration und Desorientierung

Wenn man eine Zeit durchläuft, in der kein Stein auf dem anderen bleibt, muss das kein Grund sein, das eigene Leben wegzuwerfen und zu Gemüse zu degenerieren. Es muss auch kein Grund sein, sich ständig wie ein Fähnchen im Wind zu drehen, das trägt nur zur Verwirrung anderer bei, die als eigene Verwirrung zurückschlägt.

Pioniere

Man kann auch in die Geschichte zurückschauen, und sich all jene Pioniere zum Vorbild nehmen, die in Zeiten des Wandels eine bessere Zukunft geprägt haben. Die Voraussetzung dafür ist, sich für das Geschehen innerhalb seiner Haut selbst und für das Geschehen in der Welt mitverantwortlich zu sehen.

Die Quellen des Neuen

Es hat zwar den Anschein, als käme alles, was unsere heutige Zeit auf so neue Art und Weise prägt, aus Silicon Valley. Etwas genauer hingesehen, kommt es jedoch aus der Wissenschaft, aus dem Gebiet, in dem man sich mit dem Meistern von Komplexen schon am längsten und erfolgreichsten beschäftigt.

Auch die Wissenschaft macht Fehler

Damit will ich nicht gesagt haben, dass in der Wissenschaft keine Fehler passieren. Auch nicht, dass es dort keine opportunistischen Freigeister gibt. Damit will ich nur gesagt haben, dass die Strategien, wie man Komplexem am besten begegnet, in der Wissenschaft am weitesten gediehen sind, man kann sich daran orientieren.

Information und Kommunikation

Der Erfolg von Google, Facebook und Co liegt nicht so sehr im Digitalen, das ist nur das Werkzeug. Er liegt darin, dass diese Unternehmen ihren Zweck dem Erfüllen eines elementaren menschlichen Grundbedürfnisses gewidmet haben, dem Bedürfnis nach Information und Kommunikation, der Basis von allem Dasein.

Selbstgemacht

Information und Kommunikation ist nun gerade genau das, was nicht die Welt, sondern jeder selbst gestaltet – mit seinem Interesse, seiner Aufmerksamkeit, seiner Aufnahmefähigkeit und mit seinem Verstehen. Niemand bekommt Information von außen. Jeder bekommt nur Signale, die er selbst auf seine Art und Weise verarbeitet.

Selbst-Verwirklichung

Die Welt, die wir erleben und wie wir die Welt erleben, ist in den Decoder namens Gehirn eingebaut. Er verwandelt die Signale aus der Welt in die Information, die wir über sie gewinnen. Die Leistung seines Decoders kann man durch die Pflege seiner Gesundheit und gute Bildung optimieren. Das kann aber nur jeder selbst tun.

Leben ist Lernen

Jeder ist somit der Produzent seiner eigenen Wirklichkeit. Produziert er zusammen mit anderen eine umfangreichere Wirklichkeit, geschieht das primär durch Kommunikation und sekundär wiederum durch die Information, die jeder Beteiligte durch diese Kommunikation – zutreffend oder nicht zutreffend – decodiert.

Selbstführung

Wer könnte für eine Ordnung im eigenen Kopf sorgen, mit der man sich in einer komplex-dynamischen Welt gut zurechtfindet und sich mit anderen erfolgreich verständigt? Wer als man selbst? „Erkenne dich selbst“ – die Idee der Selbstführung kennen wir seit der Antike. Sie ist nicht neu. Sie war nur noch nie so wichtig wie heute.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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