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Bild: Pixabay 

Gefühle, Gewissen und Verantwortung

02.05.2017 | 10:53 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 49. Komplexität meistern. Die Menschenrechte als Orientierungshilfe zur Selbst- und Menschenführung.

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Noch nie haben Emotionen im Management eine so große Rolle gespielt wie in den vergangenen beiden Jahrzehnten. Kein Wunder. Fehlt für komplexe Situationen die Routine, entsteht unweigerlich Stress. Dann wird eine Reihe von Gefühlen überaktiv, während das systematische rationale Denken blockiert wird. Stress macht bis zu einem gewissen Grad hochempfindlich, ab einem gewissen Grad jedoch unempfindlich. Geraten Hochsensitive und Gefühlskalte aneinander, entstehen Konflikte. Davon profitiert der Markt für alles Gefühlsmäßige, während jener für Klarheit und Vernunft schrumpft. Ein Teufelskreis, der nach einer klaren Orientierungs- und Führungshilfe für das Leben, Probleme vermeiden, Problemlösen, Arbeiten und Führen verlangt, die es längst gibt.

Was halten Sie von Gefühlen?

Eine Frage, die mir immer wieder wörtlich so gestellt wird: Was halten Sie von Gefühlen? Verwandte Fragen dazu wären: Was sagen Sie zum Schluckreflex? Wie denken Sie über die Leberfunktion? Wie ist Ihre Meinung zu Blähungen? Nur wo verlässliches Wissen fehlt, sind Meinungen eine – allerdings äußerst bescheidene – Alternative.

Gefühle sind eine Form des Erlebens

So wie ein TV-Gerät Ereignisse in Form von Tönen und Bildern vermittelt, sind Gefühle die eine Form des Erlebens und Gedanken eine andere. Um Probleme mit Gefühlen zu vermeiden oder sie gar zu lösen, wirft man sie am besten nicht alle in einen Topf, sondern unterscheidet sie möglichst präzise voneinander.

Was halten Sie vom Leben?

Je nachdem, um welche „Gefühle“ es sich handelt, erlebt man diese als somatische, psychische oder mentale Sensationen und oft erlebt man sie gleichzeitig. Es sind körperliche Vorgänge, die durch Erregungszustände des autonomen Nervensystems entstehen. Dieses und Gefühle sorgen für das am Leben sein und das Überleben.

Informationen über die Umgebung

Nur wenige körperliche Gefühle geben Auskunft über Zustände außerhalb einer Haut: etwa über die Temperatur, Struktur, Festigkeit, Flüssigkeit oder Gasförmigkeit von etwas. Aber schon beispielsweise das Jucken nach einem Gelsenstich sagt nur noch etwas über die Reaktion auf einen Stich, aber nichts mehr über die Gelse.

Auskunft von sich über sich

Alle anderen Gefühle machen auf die eigene Verfassung aufmerksam. Sie sind Reaktionen auf jemand oder etwas. Sie verraten nichts über die jeweilige Umgebung und schon gar nichts darüber, wie man eine Situation am besten löst. Sie informieren nur über das eigene Innenleben, sie regen die Aufmerksamkeit für sich selbst an.

Für die Gesundheit und das Wohlbefinden

Gefühle wie Hunger oder Schmerz informieren über körperliche Zustände. Gefühle wie Angst, Freude, Liebe, Neid oder Wut informieren über Beziehungen zu jemand oder etwas. Sie machen etwas über sich selbst, die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden bewusst, und sie dienen der eigenen Weiterentwicklung.

Die Verantwortung für die eigenen Gefühle

Die Verantwortung für seine Emotionen sucht man unter normalen Umständen am besten bei sich selbst. Es ist kein Naturgesetz, etwa Neid zu empfinden. Man kann sich mit anderen/für andere auch freuen. Auch Beleidigungen müssen nicht unbedingt verletzen, man kann sie auch an sich abprallen lassen. Das kann man lernen.

Die Mitverantwortung für die Gefühle anderer

Anders ist es, wenn Gefühle auf Bedürfnisse hinweisen, deren Erfüllung aber durch jemand verhindert wird. Wird etwa bei Durst das Trinken unterbunden, Schmerz durch Gewalt hervorgerufen oder bei Angst vor Unbekanntem die Aufklärung verweigert, werden andere für die eigenen Gefühle mitverantwortlich.

Gefühle, Selbstführung und Geld verdienen

Gefühle dienen der Selbstführung und dem Erfüllen eigener Bedürfnisse. Im Berufsleben wird man jedoch dafür bezahlt, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen. Hier nicht zu stark mit sich selbst beschäftigt zu sein, sich selbst aber auch nicht zu sehr zu vernachlässigen, verlangt den goldenen Mittelweg namens Lebenskunst.

Gefühle und Menschenführung

Davon, Führungskräften die Fähigkeiten guter Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiatern abzuverlangen, halte ich nichts. Ich sehe es jedoch als ihre eindeutige Pflicht, ihren Mitarbeitern gute Vorbilder in Fragen der Selbstführung zu sein und die Würde der Menschen sowie die Menschenrechte in jedem Fall zu wahren.

Prinzipiell unentscheidbare Fragen

Bei Gefühlen geht es um extrem individuelle, höchst dynamische und komplexe Zusammenhänge und damit um prinzipiell unentscheidbare Fragen. Wer sich schlecht behandelt sieht oder meint, dass andere schlecht behandelt werden, findet in den Menschenrechten Orientierung, was er erwarten darf und von ihm erwartet wird.

Was ist wichtig und was ist wichtiger?

In Fragen der Freiheit und Sicherheit sind die Anliegen, Bedürfnisse und Gefühle der meisten Menschen ziemlich ähnlich. In Fragen der Zufriedenheit und allerhöchsten Geborgenheit unterscheiden sie sich hingegen stark voneinander. Ein sorgfältiges Strukturieren und das Setzen sinnvoller Prioritäten erweist sich hier als hilfreich.

Prinzipiell entscheidbare Fragen

Gefühlsduselei und das Einfordern von Empathie haben noch nie irgendwo für faire Verhältnisse gesorgt, weil es nichts Eigendynamischeres gibt als Gefühle und die Reaktionen auf sie. Ordnung entsteht erst durch bewährte normative Werte - prinzipiell entscheidbare Fragen - die alle kennen, verstehen, hoch- und einhalten.

Die Menschenrechte – ein Super-Tool

Die 30 Artikel der Menschenrechtserklärung der UNO wie auch etwa jüngere Varianten der EU sind höchst wertvolle Grundlagen, auf deren Basis sich ein hervorragendes System normativer und damit verbindlicher Werte für eine gesunde Selbst- und Menschenführung und eine gesunde Unternehmenskultur ableiten lässt.

Die goldene Regel der Freiheit

Eigene Gefühle sowie die Gefühle anderer, die mit der Freiheit von Menschen zu tun haben, spielen im Leben eine gewichtige Rolle. Die Freiheit des einen muss dort enden, wo die eines anderen beginnen muss. Diese bewährte Kant’sche Maxime erinnert, nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere Rücksicht zu nehmen.

Die goldene Regel für Sicherheit

Man kann unmöglich gleichzeitig totale Freiheit und Sicherheit erzielen. Höhere Sicherheitsgrade gehen immer auf Kosten höherer Freiheitsgrade. Es hilft das Prinzip: Kluge Balance zwischen Freiheit und Sicherheit eröffnet neue Möglichkeiten in der Zukunft, unkluge verhindert sie.

Die goldene Regel für Zufriedenheit

Zufriedenheit mit jemanden oder etwas entsteht meist erst durch das Erfüllen höchst individueller Bedürfnisse. Sie ist von der Kooperation mit anderen abhängig, man muss immer seinen eigenen Teil dazu beitragen. Heinz von Foersters Maxime A geht es besser, wenn es B besser geht und umgekehrt sollte dazu motivieren.

Die Sehnsucht nach Geborgenheit

Die totale Geborgenheit, in der man sich um nichts selbst kümmern muss, sollte in jeder Hinsicht für Menschen geschaffen werden, die aus körperlichen und/oder geistigen Gründen nie für sich selbst sorgen können, es noch nicht können oder gerade nicht können, weil sie zum Beispiel unter Schock oder Hyperstress stehen.

Die goldene Regel für Geborgenheit

Das volle Umsorgen gesunder(!) Erwachsener sollte bestenfalls ihrer Regeneration dienen. Zu langes und ausgeprägtes Verwöhnen führt dazu, dass bereits erworbene Fähigkeiten verloren gehen und keine neuen mehr erworben werden, die Autonomie also unterdrückt wird und verloren geht. Hier hilft das Prinzip: Use it or lose it.

Ja. Und die Narzissten?

Ausgeprägte Narzissten treten die Würde anderer Menschen tagtäglich mit Füßen. Auch die Probleme mit narzisstischen Persönlichkeiten werden nicht besser, wenn man Empathie einfordert. Aber es hilft, das Innenleben von Narzissten zu verstehen und sich sehr genau zu überlegen, ob man tatsächlich mit ihnen zu tun haben muss.

Narzissten ist der Weg versperrt, anhand ihrer Gefühle etwas über sich selbst und die Gefühle anderer zu lernen. Sie sind weder in der Lage, sich selbst weiterzuentwickeln, noch andere in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Wer sie als Führungskräfte einsetzt, muss auch die ziemlich teuren Konsequenzen tragen.

Unter Narzissten leiden man meisten jene, die ihre eigene Würde nicht hoch genug halten. Wer sich seine Würde nicht nehmen lässt, dem können auch Narzissten nicht so viel antun. Das ist man allein schon seinen eigenen Gefühlen schuldig. Die Verantwortung für sie sollte man, im eigenen Interesse, nicht an andere abschieben.

Wo ein kluger Begriff von menschlicher Würde herrscht und man sie als Nährboden für alles pflegt, was das Leben und eine Einrichtung wertvoller macht, werden Gefühle nur selten missachtet oder verletzt. Und die Aufmerksamkeit wird sich nicht ständig um Narzissten drehen, sondern um viel, viel spannendere Dinge...

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

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