Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Bild: Pixabay 

Experten gefragt, Experten verjagt

19.12.2016 | 11:51 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 30. Komplexität meistern. Wofür man Experten braucht und was Experten brauchen.

In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner versierte Wissenschaftler und anerkannte Experten vor, die über wertvolle Erfahrungen und verlässliches Wissen für den professionellen Umgang mit komplexen Problemen und Systemen verfügen. Aktuell verfasst sie zu den bisherigen Beiträgen und Leserbriefen Follow-ups.

Viele Nachrichten kamen in diesem Jahr von Experten, die große Probleme lösen könnten - aber nicht dürfen. Ein bekanntes Problem. Das Expertenwissen für das Meistern von Komplexem widerspricht leider in fast in jeder Hinsicht dem Alltags- und Hausverstand. Deshalb fällt es vielen Auftraggebern und Chefs schwer, der neuen systemwissenschaftlichen Denkschule zu vertrauen. Ein paar Botschaften für ein frohes Weihnachten.

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

Weil sie Experten, die sich der systemwissenschaftlichen Denkweise bedienen, nicht vertrauen können, neigen viele Entscheider unbewusst dazu, diese in eine Double-Bind-Situation zu versetzen. Sie erteilen unerfüllbare Aufträge im Sinne von wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. In solchen Situationen, die eine Gruppe um Gregory Bateson beschrieben hat, kann man nur falsch handeln. Kenner wissen, dass man bei Double Binds eine dritte Möglichkeit suchen muss, zum Beispiel, den Pelz sauber bürsten. Das Meistern von Komplexem lässt aber leider keine seriöse dritte Möglichkeit zu. Das zwingt Experten regelmäßig dazu, das Handtuch zu werfen.

Im Kerzenschein des Weihnachtsbaums

Die Natur komplexer Systeme ist, wie man so schön sagt, kontraintuitiv. Das führt dazu, dass echte Experten häufig für unfähig gehalten werden und Leute, die mit altem Wein in neuen Schläuchen kommen, als Genies verkannt. Wer sich zu Weihnachten selbst ein großes Geschenk machen möchte, braucht sich im Kerzenschein des Weihnachtsbaums einfach nur zu erlauben, sich mit großer Neugierde und Lernfreude auf die aktuelle, von den Systemwissenschaften geprägte Weltauffassung einzulassen und auf die Angst vor ihr zu verzichten.

Wozu soll das gut sein und was habe ich davon?

Wozu soll das gut sein und was habe ich davon? Das sind die zwei typischen Fragen, die ganz besonders für den Österreicher beantwortet sein müssen, bevor er bereit ist, sich anzustrengen. Gleichzeitig sind das die zwei kybernetischen Fragen, mit denen man Zwecke und Ziele sauber klärt. Dieselben Fragen stellt man sich auch zu manchem Weihnachtsgeschenk. Was hat man davon, wenn man sich das systemwissenschaftliche Weltbild zunutze macht? Man kann dann mit komplexen Problemen, die vielen derzeit das Leben noch ziemlich schwer machen, noch nie dagewesene Erfolge erzielen. Das wird, so viel kann versprochen werden, wirtschaftlich, gesundheitlich und gesellschaftlich viele Verbesserungen mit sich bringen.

Wie bekomme ich die Verpackung auf?

Manche Geschenke sind so attraktiv verpackt, dass die Verpackung mehr verspricht als der Inhalt dann hergibt. Andere Verpackungen wiederum lassen sich kaum öffnen, ohne ihren Inhalt zu zerstören. So ist das auch mit systemwissenschaftlichem Expertenwissen. Es steht leider nur in Form lebender Experten zur Verfügung. Ihre Publikationen sind nur die Verpackung ihres Wissens. Der Nutzen aus ihrem Wissen entsteht erst durch dessen Anwendung. Das braucht viel Übung und Erfahrung. Dazu braucht man Experten. Dafür muss man sie so für sich arbeiten lassen, dass sie die möglichen Erfolge auch tatsächlich erzielen können. Das geht noch oft daneben.

Der wertvollste und wichtigste Rohstoff von heute

Der Rohstoff, mit dem heutzutage noch hohe Wertschöpfung entsteht, ist also Expertenwissen. Denn in der komplexen Welt von heute hat alles rasche und oft unbezähmbare Folgen. Im Umgang mit Komplexem ist daher nichts mehr egal: Weder was man weiß und kann, noch wie und was man beobachtet und erkennt, wie man darüber denkt und handelt, wie man hohe Funktionalität und Produktivität erzielt. Und schon gar nicht egal ist, was man nicht(!) weiß und kann. Denn das ist die Quelle aller Probleme, die nicht zum Versiegen kommt, so lange die Natur komplexer Systeme nicht professionell behandelt wird. Wer Erfolg mag, kann sich also nichts Besseres vergönnen, als Experten zu engagieren.

Warum echte Experten rar sind

Experten, Koryphäen und Genies entstehen nicht durch Talent. Das ist nur eine gute Voraussetzung. Sie entstehen durch andauerndes intensives Studieren, Experimentieren, Arbeiten und Evaluieren unter höchster Konzentration. Nicht jeder geht und schafft diesen anstrengenden Weg, deshalb sind Experten seit jeher rar.

Warum echte Experten so wertvoll sind

Echte Experten kennen ihre Grenzen. Sie haben einen klaren Blick für die entscheidenden Parameter komplexer Wirkgefüge, fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Vorgänge hinter den wahrnehmbaren Prozessen, kennen die potenziellen Fehlerquellen und verfügen über effektive Strategien, sie unschädlich zu machen. Dafür untersuchen sie Situationen länger und genauer, und dafür verarbeiten sie überdurchschnittlich hohe Mengen an Information. Sie sind aufgrund ihres Werdegangs auf geistige Höchstleistung trainiert und können die verschiedenen Arbeitsmodi ihres Gehirns bewusst einsetzen. Deshalb schöpfen sie ihr eigenes intellektuelles Potenzial und die Intelligenz ihrer Umgebung voll aus. Dadurch lösen sie Aufgaben und Probleme viel besser, schneller, ökonomischer und mit weit höherer Sicherheit. Sofern man sie lässt.

Woran Experten scheitern

An Problemen, die grundsätzlich zu meistern sind, scheitern Experten nur selten. Das kommt meist nur vor, wenn sie ernsthaft krank geworden sind. Für das, was sie nicht selbst beherrschen, setzen sie andere Experten ein. Sofern man sie lässt. Experten scheitern vor allem an Leuten, für oder mit denen sie arbeiten müssen, die sich in Expertenfragen nicht von ihnen führen lassen.

Was Experten schwierig macht

Die grundlegende Schwierigkeit mit Experten liegt in der asymmetrischen Informationslage. Wenn man selbst nicht Experte auf ihrem Gebiet ist, kann man weder ihre Qualifikation noch ihre Leistung treffend beurteilen. Experten kennen ihre Stärken und Schwächen selbst am besten, sie orientieren sich prinzipiell nur am Urteil kompetenter Fachleute. Auf Lob und Tadel durch Nicht-Experten reagieren sie allergisch oder immun. Mit Experten muss man nach der Musik tanzen, wenn man von ihnen profitieren will. Die Musik steht dabei für die nötigen Theorien. Führt und treibt man sie wie Esel, werden sie bockig wie Esel. Das liegt dann aber nicht an ihrer Unfähigkeit. Man bekommt dann nur die Rückwirkung unangebrachter Führung zu spüren.

Wie man echte Experten gewinnt

Experten kennen die für sie unverzichtbaren Rahmenbedingungen für Höchstleistung sehr genau. Das rasche Gewinnen relevanter Information, entscheidender Erkenntnis sowie das Erhalten bzw. Steigern ihrer Reputation durch das Erzielen erwähnenswerter Ergebnisse ist ihnen wichtiger als Geld. Selbstverständlich brauchen sie auch Geld, und sie kennen ihren Marktwert. Vor allem aber brauchen sie das Vertrauen und die Rückendeckung ihrer Auftraggeber bzw. Chefs, und zwar auch dann, wenn diese ihr Vorgehen nicht verstehen. Wer Experten für sich gewinnen möchte, muss ihnen vertrauen, ihnen die Führung in Expertenfragen überlassen und die notwendigen Rahmenbedingungen herstellen. Mit Geld allein sind sie nicht zu halten.

Wie man echte Experten verliert

Expertenarbeit ist immer die Arbeit mit hoher Komplexität. Sie ist wie das mühsame Errichten einer Sandburg, die bei der geringsten Störung wieder einstürzt, solange sie nicht mit einem Bindemittel stabilisiert wurde. Das „Bindemittel“ für Expertenarbeit entsteht in der Regel erst durch die Erfahrung, dass das, was durch Unverständliches oder anscheinend Verrücktes hervorgebracht wurde, tatsächlich tadellos funktioniert. Wer meint, mitreden oder entscheiden zu können, wovon er nichts versteht, sollte wissen, dass er damit fragile Sandburgen zertrampelt, d.h. mühsam aufgebaute komplexe Systeme zerstört. Höchstens zwei-, dreimal versuchen Experten, sie erneut aufzubauen. Danach suchen sie nachhaltig das Weite und Auftraggeber, die ihre Kontrollbedürfnisse unter Kontrolle haben.

Ich seh, ich seh, was du nicht siehst

In der Zusammenarbeit mit Experten ist es wie mit Überraschungsgeschenken. Nur der Experte weiß, was in der Verpackung steckt, sein Auftraggeber weiß es nicht. Mit Experten für das Meistern von Komplexem ist es noch einmal anders. Auch sie wissen nicht, was in jener Verpackung steckt, die als Black Box bekannt geworden ist – die Metapher für die Intransparenz komplexer Verhältnisse. Aber sie wissen, wie man es sicher herausfindet und so gestaltet, dass wunderbare Ergebnisse aus ihr herauskommen. Wer sie haben möchte, muss sich, wie Experten für komplexe Systeme das können, überraschen lassen wollen und können. Und er darf sich darauf verlassen, dass es bei allen bösen Überraschungen der letzten Jahre auch höchst angenehme gibt.
In diesem Sinne all meinen Lesern und Gästen hier ein frohes, beruhigendes Weihnachten!


 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?

Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

AnmeldenAnmelden
DiePresse.com