Es hängt von der Phantasie ab

21.11.2016 | 15:07 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 26. Komplexität meistern. Wie man passende Phantasien entwickelt.

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In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner versierte Wissenschaftler und anerkannte Experten vor, die über wertvolle Erfahrungen und verlässliches Wissen für den professionellen Umgang mit komplexen Problemen und Systemen verfügen. Aktuell verfasst sie zu den bisherigen Beiträgen und Leserbriefen Follow-ups.

Alle Probleme mit Komplexität entstehen durch unpassende Vorstellungen von den Systemen, mit denen man es zu tun hat. Probleme mit Komplexität sind Probleme durch haltlose Phantasien. Kein Wunder also, dass die Phantasiereise durch den aktuellen Epochen- und Paradigmenwechsel letzte Woche vielen Lesern geholfen hat. Herzlichen Dank für alle Mails, SMS und Anrufe.

Was passiert, wenn man ein System verkennt

Vor Jahren zum Beispiel dachte ich, ich wüsste, wie mein Gartenbrunnen funktioniert. Doch als ich an einem ersten Frühlingstag Gießwasser in die Kanne pumpen wollte, ergoss sich das ziemlich kalte Wasser über mich statt in die Kanne. Es kam nicht aus dem Hahn, sondern oben aus dem Loch für den Pumphebel. Auch beim zweiten Versuch sprudelte das Wasser wieder oben heraus. Kalte Duschen sind eine typische Folge, wenn man Systeme verkennt. So ahnte ich, der Pumpenhahn musste verstopft sein. Während Mann und Kind meinten, ich müsste mich umziehen, um mich nicht zu erkälten, holte ich Büschel für Büschel Gras und Moos aus dem Hahn.

Vorsicht mit Schuldzuweisungen

Mit der anderen Hand wollte ich gerade - nennen wir ihn Rudi – anrufen, um ihn zur Rede stellen, er war im Ort für üble Aprilscherze bekannt. Doch mit dem nächsten Büschel zog ich fünf zerquetschte Vogeleier aus dem Hahn. Dann erst bemerkte ich ein verzweifelt flatterndes und schreiendes Rotkehlchen über uns. Es hatte wohl den Pumpenzylinder als Nistplatz erkoren. Während Kind und Mann empathisch mit dem Rotkehlchen trauerten, konnte ich dem armen Vögelchen nur sagen: „Ja, Shit. Du hast das System leider auch verkannt.“

Systeme sind Phantasiegebilde

Für einen meisterhaften Umgang mit Komplexem hilft es, sich vorzustellen, dass es außerhalb eines Gehirns gar keine Systeme gibt, sondern dass alle und alles als ein einziges Ganzes zusammenhängen und -wirken. Was jemand als System bezeichnet, etwa als Bildungs-, Gesundheits-, IT- oder Personalverrechnungssystem, ist nur seine höchstpersönliche Vorstellung davon. Es kann daher auch nur jeder Einzelne selbst für die Zusammenhänge verantwortlich sein, die er als Systeme erkennt, und dafür, wie er sie deutet und beurteilt.  

Möchten Sie so gesehen werden?

Stellen Sie sich nun vor, Sie wären eine Maschine aus zusammengebauten Knochen, die mit Fleisch, Haut und Haaren umhüllt ist. Oben sitzt ein eiförmiges Ding, mit einem Loch. In dieses Loch kann man kleinere feste und flüssige Stoffe einfüllen. Von ihm weg verläuft nach innen ein Schlauch nach unten zu einem eingebauten Mixer. Er zerkleinert zugeführte Stoffe zu Brei und gibt ihn durch einen Schlauch ab, der vom Mixer nach unten wieder in die Außenwelt führt.

Möchten Sie so gesehen werden? Vermutlich würde sich so gut wie jeder dagegen wehren. Es hilft, sich vorzustellen, dass sich alle komplexen Systeme dagegen wehren, einfacher gesehen zu werden als sie sind und ebenso dagegen, verkannt zu werden. Sie funktionieren dann einfach nicht so wie man es erwartet und möchte.

Anleitungen für erfolgreiche Phantasien

Das Problem sind also nicht die Systeme, sondern das, was man sich unter ihnen vorstellt. Die Lösung sind Vorstellungen, die den Eigenschaften von Systemen tatsächlich entsprechen. Die besten Vorstellungen wurden in den Systemwissenschaften erforscht und entwickelt. Sie helfen, passende Phantasien von Systemen zu einzusetzen, um tatsächliche Probleme zu erkennen und um ihnen erfolgreich zu begegnen.

Einfache Systeme

Die primitive Vorstellung vom menschlichen Organismus von vorhin entspricht der Natur sogenannter „einfacher Systeme“. Sie funktionieren wie eine Knoblauchpresse. Sie bringt keinen Knoblauchbrei hervor, wenn man ein Stück Kartoffel in die Presse gibt, sondern Kartoffelbrei, und Bananenbrei, wenn man ein Stück Banane nimmt. Für einfache Systeme ist es charakteristisch, dass man bereits weiß, was der Output sein wird, wenn man den Input kennt.

Einfache Systeme lassen sich vollständig analysieren und verhalten sich vorhersagbar. Sie funktionieren aufgrund ihrer Struktur. Aber, wie meine Geschichte mit dem Gartenbrunnen zeigt, nur solange, solange die Struktur intakt ist und man Einflussfaktoren wie Rotkehlchen und dergleichen systematisch ignoriert. Einfache Systeme, die immer vorhersagbar funktionieren, gibt es nur in der Theorie.

Wie komme ich an den goldenen Ring?

Stellen Sie sich nun einen Kaugummiautomaten vor, dessen Behälter zum Großteil lose mit Kaugummikügelchen und ein paar billigen Schmuckringen für kleine Mädchen befüllt ist. Jedes Mal, wenn der Automat betätigt wird, verändert sich die Anordnung der Kaugummis und Ringe. Einmal mehr, einmal weniger, wann und wie genau, weiß man nie. Nur weil viel mehr Kaugummis als Ringe enthalten sind, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, nur Kaugummis und keinen Ring herauszubekommen.

Aber es gibt drei sichere Strategien, einen Ring zu ergattern. Die erste und billigste ist, den Schlüssel zum Behälter zu besitzen. Die zweite, aber bereits teurere ist, so lange Münzen einzuwerfen, bis ein Ring herauskommt. Die dritte und teuerste ist, den Behälter zu zerstören. Als komplex würde ich diesen Automaten dennoch nicht bezeichnen, weil es drei bekannte Inputs gibt, die sicher zum gewünschten Ergebnis führen.

Durchschauen Sie sich selbst?

Nun stellen Sie sich vor, was alles innerhalb Ihrer Haut passiert, während Sie sich das vorstellen. Sie werden zugeben müssen, dass Sie sich nicht bis ins letzte Detail kennen, durchschauen und verstehen. Sie sind ein komplexes dynamisches System. Sie verändern sich durch jeden körperlichen und geistigen Vorgang, bleiben keine Sekunde ein- und derselbe Mensch. Ihr Verhalten ist synthetisch determiniert, es entsteht durch das gleichzeitige Zusammenwirken von allem und allen, was Sie und ihre Umgebung ausmacht.

Niemand kann sicher vorhersagen, durch welche Inputs Sie in bestimmten Situationen angeregt und wie Sie sich dann verhalten werden. Auch Sie nicht. Es gibt keine einzige sichere Strategie, um von Ihnen sicher ein bestimmtes Ergebnis zu bekommen. Nicht einmal Sie selbst können das mit Sicherheit erzielen.

Tausende Krankheiten, eine Gesundheit

Schon der gute alte Arthur Schopenhauer konnte die Chancen und Probleme mit komplexen Systemen in einem Satz auf den Punkt bringen: „Es gibt Tausende Krankheiten, aber nur eine Gesundheit“. Dieses Prinzip gilt für jeden Organismus und jedes andere komplexe System, zum Beispiel auch für Partnerschaften, Familien, das Internet, Unternehmen oder Institutionen. Es sagt: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten des Misslingens, aber nur eine des Gelingens. Es müssen bestimmte Prinzipien eingehalten werden, damit man Erfolg haben kann.

Aber so wie es zwischen der Gesundheit und Krankheit des Körpers eine Grauzone des Unwohlseins gibt, das sich weder eindeutig der Gesundheit noch einer Krankheit zuordnen lässt, kann es diese Grauzone auch in jedem anderen komplexen System geben. Und zwar solange, solange die Unordnung sowie die Fehler und Mängel, die dadurch auftreten, vom System noch so gut selbst korrigiert bzw. kompensiert werden können, dass eine mindestens erforderliche Stabilität und Flexibilität aufrecht erhalten werden kann.

Falsche Vorstellungen vom System?

So viel Treibstoff für die Phantasie für heute. Nun zur Praxis: Beobachten Sie einfach einmal sich selbst und Ihre Mitmenschen. Wo immer unerwünschte Ergebnisse zustande kommen, herrschen unpassende Vorstellungen und/bzw. Behandlungen vom jeweiligen System. Verantwortlich dafür sind nicht die Systeme, sondern die Vorstellungen der Menschen und ihr Umgang mit ihnen.

Man kann diese Vorstellungen verändern, um bessere Systeme zu entwickeln und um erfolgreicher mit ihnen umzugehen. Dafür ist man gut beraten, sich dabei an wissenschaftlich fundierten und in der Praxis bewährten Phantasien zu orientieren, wie sie in dieser Kolumne vorgestellt werden. Und es funktioniert deutlich besser und schneller, die nötigen Phantasien mit geeigneten Modellen oder Denkwerkzeugen anzuregen, als mit Worten, unter denen sich jeder etwas anderes vorstellen kann.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?

Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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