Das einzige Führungsinstrument

19.09.2016 | 09:08 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 17. Komplexität meistern. Diesmal über Noam Chomsky, die Größe der Linguistik.

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In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Wo setzt das professionelle Meistern von Komplexem an, und was bringt man künstlichen Intelligenzen bei? Bei beidem findet sich der entscheidende Ansatz bei den tiefsten Wurzeln aller Probleme und Chancen. Man konzentriere sich auf das, was viele für so selbstverständlich halten, dass sie so gut wie nie darüber nachdenken. Etwa auf das Beobachten, Wahrnehmen, Denken, Erkennen, Verstehen, Entscheiden, Sprechen.

Sprache führt

Während das Beobachten, Wahrnehmen, Denken, Erkennen, Verstehen und Entscheiden innere Vorgänge sind, die man nicht beobachten kann, gehören das Sprechen und Schreiben neben dem Handeln zu den wenigen Vorgängen, die vom Innenleben nach außen dringen.
Neben dem Handeln sind das Sprechen, Schreiben und Zeichnen quasi die Repräsentanten geistiger und emotionaler Prozesse. Durch sie versucht man, die notwendige Einstellung und Orientierung für zweckmäßige und zielführende Handlungen herzustellen. Das ist im Grunde Management.
Weil die Natur der Sprache ist wie sie ist, geht das oft schief. Dennoch ist sie in jeder Hinsicht das einzige Führungsinstrument, das wir haben. Die Wissenschaft über die Sprache - die Linguistik - ist daher eine der maßgeblichsten Grundlagen für künstliche Intelligenz. Wo sie auch im Management eingesetzt wird, ist man im Vorteil.

Sprache macht Zukunft

Denn wenn man genau genug hinsieht, zeigt sich rasch, dass die wahre Ursache der häufigsten Probleme im Management Probleme durch die Sprache sind. Mit Hausverstand lassen sie sich weder erkennen noch lösen. Im Gegenteil, dadurch werden sie nur noch schlimmer.
Mit einem hochqualifizierten Verständnis aller sprachlichen Phänomene sorgt man im Digitalen Zeitalter viel eher für eine aussichtsreiche Zukunft als etwa mit der BWL. Ohne ausreichende Kenntnisse der Linguistik kann man auch die Systemwissenschaften nicht erfolgreich nutzen.

Sprache – das Werkzeug des Denkens

Ist Sprache nun das Werkzeug für die Kommunikation oder für das Denken? Das ist eine der Streitfragen in der Linguistik. Die Forschungsergebnisse von Noam Chomsky am Massachusetts Insitute of Technology (MIT) stellten die Funktion des Denkens als vorrangig heraus und die der Kommunikation als nachrangig. Nach meiner Erfahrung funktioniert es hervorragend und ungeheuer schnell, wenn man auf seinen Einsichten aufbaut.
Noam Chomsky hat die Linguistik maßgeblich, die Kognitionswissenschaften und Artificial Intelligence stark geprägt. Die ZEIT.de schreibt ihm den Charme einer Stahlbetondecke zu. Wissenschaftlich präzise über die Sprache zu sprechen, klingt nun mal alles andere als sexy. Chomskys Charme erstrahlt erst im vollen Glanz, wenn man verstanden hat, wie und was er denkt.

Sprache – die Visitenkarte des Denkens

Das Führen, Managen und Problemlösen verlangt nach Denken und Kommunikation. Beides repräsentiert sich in der Sprache. Mit Chomsky handelt es sich bei ihr nicht um Laute mit Bedeutung, sondern um Bedeutungen, die mit Lauten (oder anderen Zeichen) zum Ausdruck kommen.
Nichts macht die Qualifikation eines Menschen deutlicher als seine Sprache. Sie ist die Visitenkarte des Denkens, die mit jedem Wort und Satz überreicht wird. Aber sie ist nicht das Denken selbst. Worte, Sätze, Texte haben keinen Inhalt, sie sind nur Platzhalter für etwas, was gemeint ist.

Sprache – die Klaviatur der Phantasie

Worte regen nur die Phantasie an, sie teilen nichts mit. Die Phantasie entspringt nur dem Wissen der hörenden oder lesenden Person, nicht dem Wissen jener Person, die eine Botschaft formulierte. Man kann nicht hören oder lesen, was jemand meint(e). Man kann es nur verstehen, oder eben nicht.
Ist es die Sprache, die oft voneinander trennt? Ist es die Sprache, die oft miteinander verbindet? Nein. Es ist in beiden Fällen das Denken. Denken Sie daran!

Kurzbiography Noam Chomsky

Geboren am 7. Dezember 1928 in Philadelphia. Studium der Linguistik und Philosophie ab 1945 an der University of Pennsylvania und Harvard University, 1955 Promotion. Ab 1961 ordentlicher Professor für Linguistik und Philosophie am MIT - Massachusetts Institute of Technology. Seit den 1960er Jahren gilt Chomsky in der Linguistik als einer der wichtigsten Theoretiker. Um eine Idee über sein gigantisch komplexes Lebenswerk und das Feld der Linguistik zu bekommen, empfehle ich Wikipedia über Noam Chomsky.

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

Die gesammelten Kolumnen finden Sie hier.

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