Leerstellen für Sinnvolles

12.09.2016 | 10:21 |   (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 16. Komplexität meistern. Diesmal über Hans Ulrich, Urheber der St. Galler Management-Lehre.

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In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Er sah aus wie ein penibler Buchhalter, der nur seine Bilanzen im Kopf hat. Aber er machte Dinge, die man viel eher einem Hippie wie Steve Jobs zutrauen würde: Coole Systeme für die Unternehmensführung, die immer und überall funktionieren. Das war Hans Ulrich, der Schweizer Ökonom, der das Management auf die komplexen Systeme der heutigen Wirtschaft und Gesellschaft ausgerichtet, organisiert und erklärt hat.

Es war Hans Ulrich, nicht St. Gallen

In der außergewöhnlichen Persönlichkeit des St. Galler Universitätsprofessors haben sich die Extreme charakterlichem Anstands, höchster Weit- und Umsicht, solidester Führungskompetenz und revolutionärer Innovationskraft zu einem genialen Regelkreis geschlossen. Um das St. Galler Management-Modell, die St. Galler Systemorientierte Managementlehre und Betriebswirtschaftslehre hervorzubringen.

Hans Ulrich stellte nie sich selbst in den Vordergrund, sondern immer die Aufgaben, Probleme und Verantwortung von Unternehmern und Führungskräften. Ihm gelang es, Management klar als Fachdisziplin und Beruf zu definieren. Ulrich ließ nichts offen. Mit seinem Werk hätten Führungskräfte einen Berufsstandard, der für die Fragen der Managerhaftung weltweit als allgemein verlässlich und verbindlich gelten könnte.

Der Stefan Zweig des Managements

Ich bin hier der Kürze verpflichtet. Um eine Idee davon zu bekommen, was Ulrich für das Management geleistet hat, muss man nur versuchen, eines seiner Bücher, besser gar sein Gesamtwerk in die Hände zu bekommen. Nicht einmal im Buchantiquariat hat man eine realistische Chance. Das lässt vermuten: Wer Ulrichs Bücher besitzt, gibt sie aus guten Gründen nie wieder her und vererbt sie wohlweislich seinen Liebsten.

Die Managementlehre von Hans Ulrich basiert auf präzise und vollständig angewandter Kybernetik und Systemtheorie. Verfasst in einer sprachlichen Klarheit und Schönheit, die jener von Stefan Zweig gleichkommt, in einer Umsicht und Genauigkeit, die ihresgleichen bis heute sucht.

Die Basis für Vertrauen und Verantwortung

Hans Ulrich  traf die klare Unterscheidung zwischen Betriebswirtschaft und Unternehmensführung, zwischen den Aufgaben der Verwaltung und jenen der Strategieentwicklung, Organisation und sozialen Vertrauensbildung. Er stellte die BWL auf neue Beine und ihr seine Managementlehre für eine ganzheitlich ausgerichtete Unternehmensführung zur Seite. 

Durch sein Werk zieht sich ein roter Faden, der wie bei Heinz von Foerster zwischen den Säulen des Vertrauens und der Verantwortung gespannt ist. Damit schuf Ulrich eine Basis, mit der man die Anforderungen an die Unternehmensführung tatsächlich bewältigen kann.

Der Vordenker für Selbstdenker

Hans Ulrich nahm sich, mit unvergleichbarem Respekt vor Unternehmern und Führungskräften, bewusst nie heraus, ihnen vorzugeben, wie sie zu managen haben. Mit dem St. Galler Management-Modell bot er einen Komplex aus System- und Erklärungsmodellen an, die zeigen, was man warum managen muss.  

„Leerstellen für Sinnvolles“ nannte er seine Modelle, weil sich Führungskräfte vor allem in einem von anderen Menschen unterscheiden müssen: Sie müssen selbst beobachten, denken und entscheiden können, weil niemand anderer ihre Perspektive einnehmen, ihre Entscheidungen treffen und ihre Verantwortung übernehmen kann.

Ulrich hinterließ ein Gesamtwerk, das für die Konflikte im und Diskussionen über Management nichts offen lässt. Wer ein Managementproblem hat, sollte Ulrich lesen. Das macht einen klaren Kopf und zeigt, wo man ansetzen muss. Sein Werk, überwiegend erschienen im Verlag Haupt, Bern, sollte man dringend wieder auflegen.

Kurzbiografie Hans Ulrich

www.unisg.ch

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Geboren am 12. November 1919 in Brig, verstorben am 23. Dezember 1997 in St. Gallen.  Studium der Ökonomie an der Universität Bern, anschließend dort als Assistent tätig. 1944 Promotion zum Dr. rer. pol. mit höchster Auszeichnung “Summa cum laude”. Es folgt die Tätigkeit in mehreren Positionen in der Industrie. 1947 Habilitation in Bern. Ab 1954 bis 1985 ordentlicher Professor an der früheren Handelshochschule und heutigen Universität St. Gallen. 1972 gründet er die Stiftung Management Zentrum St. Gallen, 1973 die Stiftung zur Förderung der Systemorientierten Managementlehre und bleibt bis 1997 Präsident des Stiftungsrates. Hans Ulrich war Mitglied der International Academy of Management, dreifacher Ehrendoktor, Träger hoher Auszeichnungen und Ehrenmitglied des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft. Eine ausführliche Biografie und Würdigung seines Werks von Prof. Dr. Markus Schwaninger, einem seiner jüngsten und treuesten Schüler, finden Sie hier.

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

Die gesammelten Kolumnen finden Sie hier.

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