Schon das neueste Mindset?

05.09.2016 | 09:52 |  MARIA PRUCKNER (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 15. Komplexität meistern. Diesmal über Daniel Kahneman, Vorreiter der Verhaltensökonomie.

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In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Ich suche die Unvernünftigen, diejenigen, die wissen, dass sie unvernünftig sind. Sie nämlich sind die vernünftigsten Leute, denn sie wissen, dass ihnen viele Fehler unterlaufen. Ich fürchte die Vernünftigen, diejenigen, die glauben, dass sie vernünftig sind. Sie nämlich sind die unvernünftigsten Leute, denn sie glauben, dass ihnen nur ganz selten ganz harmlose Fehler passieren.

Biases oder gute Entscheidungen?

Wie fehleranfällig das menschliche Gehirn auch ganz ohne Stress tickt, zeigten allen voran Daniel Kahneman und Amos Tversky auf. 2002 erhielten sie dafür den Wirtschaftsnobelpreis. Tversky erlebte diese Ehrung leider nicht mehr, eine populärwissenschaftlich aufbereitete Sammlung ihrer Forschungsergebnisse brachte Kahneman daher 2011 nur unter seinem eigenen Namen heraus.

Unter dem Titel Schnelles Denken – Langsames Denken gewinnt man auf über 600 Seiten den wichtigsten Überblick über viele charakteristische Muster von Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsfehlern (Biases). Sie treten generell, vorhersehbar(!) und systematisch auf, vor allem, wenn man zu wenig darüber weiß, wie das Gehirn Information gewinnt und verarbeitet. Ja, auch professionelles Beobachten und Denken will gelernt sein.

Schnelles und Langsames Denken

Beobachtungs- und Denkprozesse einfach so automatisch wie den Stoffwechsel ablaufen lassen, hat besonders im Umgang mit hoher Komplexität problematische Folgen. Präzises Beobachten, Denken, Unterscheiden und Entscheiden hat hier oberste Priorität. Denn davon hängt ab, wie sich Situationen entwickeln werden.

Kahneman und Tversky bieten als hilfreichste Unterscheidung die beiden grundverschiedenen Betriebsmodi des Gehirns an. Mit der bequemen Intuition – dem schnellen Denken, legen die beiden Kognitionspsychologen die Hauptquelle für Täuschungen und Fehler offen. Ihr gegenüber steht das anstrengende rationale langsame Denken. Es läuft zum Beispiel beim Rechnen ab, oder beim systematischen Anwenden jeder anderen Methode, die auf einer soliden Theorie basiert.

Tückische und verlässliche Faustregeln

Um Liebhaber der Intuition zu beruhigen: Mit mehr Übung und Erfahrung wird man auch beim Anwenden theoretischer Denkmodelle immer schneller und besser. Jeder erfahrene Arzt, der eine Krankheit oder Situation bei einem Patienten schlagartig erkennt, ist ein allgemein nachvollziehbares Beispiel dafür.

Das Gehirn ist aber leider nicht von Natur aus auf das Anwenden solider Denkmodelle ausgerichtet. Es tickt heuristisch, wählt geistige Abkürzungen, wendet eingebaute Faustregeln an. Für das Überleben in der Steinzeit waren sie ziemlich praktisch, fürs Management sind sie leider kontraproduktiv. Das wussten auch die Begründer der Kybernetik. Deshalb suchten sie universell verlässliche Heuristiken, mit deren Hilfe man zu den klügsten Entscheidungen kommt. Heraus kamen die kybernetischen Naturgesetze.

Ein großer Irrtum

Fehler passieren auch den besten Experten. Erst seit der Weltfinanzkrise 2008 wird massiv enttabuisiert, dass in den Wirtschaftswissenschaften selbst größere Systemfehler stecken. Einer davon ist nun gerade die Vorstellung vom Menschen als uneingeschränkt rational denkendes Wesen, das absolut logisch denkend den maximalen Nutzen einer Entscheidung berechnet und diese dementsprechend auch trifft.

Dieses Menschenbild, das seit Ende des 19. Jahrhunderts durch die Wirtschaftslehre geistert, nennt man Homo oeconomicus. Dass diese Art Mensch gar nicht existieren kann, wiesen Kahneman und Tversky nach. Im Bemühen, als gute Ökonomen dazustehen, geben dennoch viele Führungskräfte und Manager den Homo Oeconomicus wie Schauspieler den Hamlet oder die Medea. Über die Unvernunft dieser „Vernunft“ möge man oben nachlesen.

Schon das neueste Mindset?

„Schon das neueste Smartphone?“ „Schon das neueste iPad?“ Das hört man jeden Tag. Wir sollten alle intensiv daran arbeiten, dass es genauso cool ist, das Mindset, aus dem die Digitale Ära gebaut ist, auf der Festplatte zwischen den Ohren implementiert zu haben. Weil, wie Kahneman und Tversky zeigten, die Eindrücke, die man mit zu wenig Bildung gewinnt, ziemlich fatal daneben liegen können.

Habe ich mich getäuscht? Irre ich mich? Habe ich da etwas nicht verstanden? Vor allem an solchen Fragen erkennt man die Profis von heute…

Kurzbiografie Daniel Kahneman

http://wws.princeton.edu/news-and-events/news/item/gift-establishes-kahneman-and-treisman-center-behavioral-science-and

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Geboren 1934 in Tel Aviv. Studium der Psychologie und Mathematik. Seine Laufbahn startete er als Berater der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. 1961 bis 1978 forschte und lehrte er an der Hebräischen Universität Jerusalem, 1978 bis 1986 an der University of British Columbia, 1986 bis 1994 an der University of California, Berkeley. Seit 1993 ist er Eugene-Higgins-Professor für Psychologie an der Woodrow Wilson School für öffentliche und internationale Angelegenheiten an der Princeton University. Er erhielt neben dem Wirtschaftsnobelpreis bislang zahlreiche weitere hohe Auszeichnungen für seine Arbeiten zu Urteilsheuristiken und kognitiven Verzerrungen. Mehr…

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

Die gesammelten Kolumnen finden Sie hier.

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