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Bild: Pixabay 

Management im Kopf: Geht nicht arbeiten

11.07.2016 | 11:34 |  MARIA PRUCKNER (DiePresse.com)

Folge 7. Die Online-Kolumne stellt das Thema Komplexität in den Mittelpunkt. Diesmal über Norbert Wiener, Kybernetiker der ersten Stunde.

In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Geht nicht arbeiten

Geld verdienen nennt der Volksmund immer noch „arbeiten gehen“. Beim Geldverdienen ging es aber noch nie um Arbeit. Es ging immer um Produktivität, um Wertschöpfung, um Leistung, die von Kunden bezahlt wird. Wer arbeitet, muss noch lange nicht produktiv sein, auch wenn er sehr fleißig ist.

Dass Arbeit von Arbeitgebern bezahlt wird, hat noch nichts mit Wertschöpfung zu tun. Sie kann auch zu Wertverlust führen, etwa durch Mängel, Fehler, Fehlverhalten. Wo es an Produktivität mangelt, fällt das Wort „Arbeit“ überdurchschnittlich oft. Es wird viel, fleißig, noch mehr und noch härter gearbeitet, durchgearbeitet, nachgearbeitet, vorgearbeitet, usw. Welche Zwecke durch die einzelnen Tätigkeiten erfüllt werden sollen und was man durch sie gewinnen will, die Ziele, können in solchen Fällen nur die wenigsten erklären.

Wo das Arbeiten im Vordergrund steht und nicht das Verwirklichen von Zwecken und Zielen, könnte folgender Vorschlag helfen: Geht nicht arbeiten. Geht lernen und mitdenken, wie ihr die Strategie eures Unternehmens am besten realisiert. Geht herausfinden, mit welchen Aufgaben ihr die Zwecke und Ziele verwirklichen könnt. Geht die passenden Beiträge leisten, die eurem Unternehmen das Einkommen bringt, mit dem eure Gehälter bezahlt werden können.

Was macht ein System effektiv und produktiv? Wie entstehen Leistung, Lebensfähigkeit und Innovation? Wodurch Chaos und Verluste? Wie funktioniert das Funktionieren? Wie nicht? Die fundamentalsten Erkenntnisse darüber kommen von Norbert Wiener, dem Kybernetiker der ersten Stunde.

Dank Wiener wissen wir, dass die Leistung und das Verhalten von lebenden, sozialen und technischen Systemen auf dieselben Phänomene zurückzuführen sind. Alles Verhalten, Gelingen und Misslingen ist eine Frage von Zwecken, Zielen, daher von Steuerung und Regulierung, und zwar durch Kommunikation.

Der Nutzen und erforderliche Rückgewinn einzelner Aktivitäten müssen klar sein und konsequent verfolgt werden, sonst kann es mit der Produktivität nicht gut aussehen. Norbert Wiener hat aufgezeigt, dass alles, was passieren soll, abhängig ist von zweck- und zielbezogener Information und davon, wie die Kommunikation organisiert ist.

Für die Steuerung und Regulierung müssen Feedbackschleifen organisiert sein, um das rasche Erkennen und Korrigieren von Abweichungen Richtung Zweck und Ziel sicherzustellen. Feedback ist in diesem Sinne eine spezielle Art von Information, es entsteht aus einem Output, der durch einen Input entstanden ist. Darunter stellt man sich am besten alles vor, was das Erfüllen von Zwecken und Erreichen von Zielen bewirkt oder verhindert.

Die Aufmerksamkeit muss also auf das permanente Lernen von erreichten Ergebnissen gerichtet sein, auf ständige Evaluierung. „Hat geklappt, was ich beigetragen habe?“ „Hat gepasst, was ich geliefert habe?“ „Wurde es besser, durch das, was ich getan habe?“ „Habe ich beendet, was nicht funktioniert hat?“ „Habe ich geändert, was nicht gepasst hat?“ „Habe ich ergänzt, was gefehlt hat?“ „Habe ich mehr von dem geliefert, was zu wenig war?“ Das sind entscheidende Fragen der Produktivität. Wie viel gearbeitet wird, ist hingegen die Frage des Aufwands an Energie und Materie - der Kosten.

Auf Norbert Wieners Grundlagen sind die moderne Nachrichten-, Computer-, Automatisierungs-, Navigations- und Robotertechnik aufgebaut, er war einer der Urheber unserer neuen Zeit. Wer die Maschinen der Digitalen Ära übertrumpfen möchte, dem lege ich eines seiner besten Zitate ans Herz:

Wir brauchen es, mehr zu denken und nicht weniger! Diese Denkmaschinen [Computer und Roboter] machen größere Ansprüche auf das menschliche Denken und nicht kleinere. Wenn wir nicht bereit sind, immer weiter zu denken […] können wir sehr leicht kaputtgehen.“ (1960 im Norddeutschen Rundfunk)

Kurzbiografie Norbert Wiener

21stcenturywiener.org

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Nobert Wiener wurde 1884 in den USA geboren. Das Genie macht mit 18 seinen Doktor über mathematische Logik, studiert zusätzlich Zoologie und Philosophie. Nach weiteren Studien in den USA und Europa wird er Professor am Massachusetts Institute of Technology. Der legendäre Forscher und Erfinder gehört zu den bedeutendsten Urhebern der heutigen Epoche. Er hat u.a. die entscheidenden Grundlagen zur elektronischen Nachrichten- und Automatisierungstechnik, Kommunikationstheorie, für die Kybernetik und Informatik geliefert. Mehr…

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
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Sie wird darauf eingehen.

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