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Bild: Pixabay 

Management im Kopf: Wo Fehler passieren, fehlt etwas

04.07.2016 | 11:54 |  MARIA PRUCKNER (DiePresse.com)

Folge 6. Die Online-Kolumne stellt das Thema Komplexität in den Mittelpunkt. Diesmal über Komplexitätsforscher Gregory Bateson.

In unserer Kolumne "Management im Kopf" stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Wo Fehler passieren, fehlt etwas - Gregory Bateson

Viel radikaler soll ich darauf hinweisen, dass wir bald alle gegen die Wand fahren, wenn der Umgang mit Komplexität nun nicht rasch mit einem professionellen Verständnis angegangen wird. So hat mich letzte Woche ein in der Wissenschaft und bei Vorständen vieler Technologiekonzerne bestens bekannter Herr gefordert. „Manchmal muss man das Falsche machen, um das Richtige zu tun…“, sagt F.J. Radermacher ab und zu. Weshalb also nicht gleich?

Wenn man zum Thema Umgang mit Komplexität das Falsche machen möchte, um das Richtige zu tun, braucht man, erstens, nur einen längeren Text zu schreiben. Das ist bei lernschwachen Leuten ziemlich unbeliebt. Gelesen werden sie daher von nur Lernfähigen, die ohnehin schon sehr viel wissen. Dadurch sinkt die Gefahr von Fehlern durch Missverständnisse.

Die Angst vor Fehlern

Zweitens: Man spreche das Thema „Fehler“ an sich an. Das Richtige daran ist: Alle Systeme sind von der Natur auf Fehler programmiert. Das Misslingen ist also von Natur aus normal. Das Gelingen ist immer das Besondere. Es hilft daher weder, Fehler zu verbieten, noch sie zu erlauben. Es hilft nur, zu verstehen, woher sie kommen, wie sie entstehen und wodurch sie unschädlich werden. Das ist Kybernetik pur. Herzlich willkommen.

Das Falsche daran, Fehler anzusprechen, ist, dass dies schlagartig sämtliche schlummernde Traumata und Ängste weckt. Und zwar bei jedem, der irgendwann von irgendwem wegen irgendeinem Fehler, der noch dazu vielleicht gar keiner war, zu schlimm bestraft, verletzt oder gedemütigt wurde. Und danach zu wenig Psychotherapie gehabt hat.

Bei Betroffenen wird dann das Alarmsystem ihres Gehirns aktiv, das die hübschen Namen Mandelkern oder Amygdala trägt. Es setzt sich dann systematisch durch, und treibt, auch gegen jede Vernunft, zum Angriff oder zur Flucht an. Manche Persönlichkeiten werden daher auch nur deshalb unruhig, weil sie sehr schlechte Erfahrung damit gemacht haben, Fehler offen anzusprechen.

Fehlerintelligenz – der entscheidende Faktor

Finden sich in einer Gruppe dann zudem noch Persönlichkeiten, die sich selbst für absolut unfehlbar halten, weil ihnen irgendwer, als sie noch ganz klein waren, ständig eingeredet hat, dass sie es seien, ist das Debakel perfekt. Denn sie kennen die Makel, Mängel, Fehler und Fehltritte von einem jedem. Sie weisen nun auf alle Idioten und Stümper hin und auf alles, was schon wieder schief gegangen ist. Nur ihre eigenen Unzulänglichkeiten, die kennen sie nicht.

Aus kleinen vollends wunderbaren Prinzen und Prinzessinnen werden leider nicht selten Erwachsene, denen jeder Funke an Selbstreflexion und Fehlerintelligenz fehlt. Das macht es sehr, sehr schwierig, aber nicht unmöglich, eine vernünftige Verständigung über Fehler aufzubauen. An nichts erkennt man die Fähigkeit einer Führungskraft besser, als daran, ob sie das beherrscht. Auch das ist Kybernetik. Herzlich willkommen.

Das Misslingen ist das Normale, das Gelingen ist das Besondere. Das ist die ganze Systemwissenschaft in einem Satz. Dies als Belohnung für alle, die bis hierher gelesen haben. Für alle, die an dieser Stelle noch immer konzentriert lesen, wird es Zeit, nun wieder einen der großen Köpfe unter den Vätern der Kybernetik vorzustellen: Gregory Bateson. Er hat, neben vielem anderen, all das geprägt, was man heute sinnvoller Weise unter Unternehmenskultur versteht. Paul Watzlawick und andere große Vordenker waren seine Schüler.

Jede Generation hat eine besondere Aufgabe

Bateson hat gerne folgende Geschichte erzählt: Ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: „Wissen Väter immer mehr als Söhne?“, und der Vater sagte: „Ja“. Die nächste Frage war: „Pappi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?“, und der Vater sagte: „James Watt“. Darauf der Sohn: „– aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?“

Diese Geschichte lege ich der mittleren und jungen Generation im Management ans Herz. Die ältere vor ihnen hat die IT, das Fax, die Mobilkommunikation und das Internet samt E-Mail in die Betriebe eingeführt. Diese Changes waren nicht ohne, auch wenn heute alles ganz leicht und selbstverständlich aussieht. Die Nachfolge-Generationen müssen es nun anpacken, wirksame Strategien, Werkzeuge und Methoden für den erfolgreichen Umgang mit Komplexität einzuführen. Alles Materielle ist schon da. Jetzt geht es um das Geistige.

Die jüngeren Herren und Damen haben die Wahl, ob sie nun ihren Kopf anstrengen oder durch Algorithmen ersetzt werden wollen. Mir persönlich ist ein Algorithmus aus gutem Hause lieber als ein mangelhaft qualifizierter Mensch. Aber ich ziehe gebildete, intelligente Menschen jeder Maschine vor. Außer beim Rasenmähen und dergleichen.

Auch Chefs muss man führen

Natürlich wird so mancher Vorgesetzter erst überzeugt werden müssen, dass es höchste Zeit ist, eine zeitgemäße Denkschule und wirksame Systemwerkzeuge einzuführen. In den 1980ern hat auch nicht jeder Chef gleich verstanden, wozu man Computer braucht. Bei vielen wird man aber offene Türen einrennen. Gute Chefs wissen nämlich nicht nur, dass Mitarbeiter selbst klar denken können müssen. Sie wollen das sogar. So oder so: Einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, ist kein Grund, Angst zu haben.

Es gibt jeden Grund, Chefs beim Erreichen der Unternehmensziele zu unterstützen. Zu diesem Zweck steht man auf der Gehaltsliste. Was die Entscheider der obersten Ebene ganz sicher wissen, ist, dass sie der Managerhaftung unterliegen. Sie müssen jederzeit nachweisen können, dass sie anhand des besten Fachwissen und der verlässlichsten Informationen entschieden haben. Es ist also ratsam, nicht mit Humbug daherzukommen.

Top-Manager wissen auch, dass sie sich im Ernstfall bei Managementfehlern durch eine gute Versicherung absichern können. Ebenso wissen sie aber, dass sie auf der Gehaltsliste stehen, um die Produktivität, Innovationskraft, Zukunft und Fehlerrobustheit ihres Unternehmens sicherzustellen.

Worauf man  sich verlassen kann

Als Starthilfe daher hier zwei Naturgesetze. Erstens: Je höher die Komplexität eines Systems und je schlechter organisiert, umso mehr Fehler, Mängel und Verluste werden in diesem System entstehen. Zweitens: Effektive komplexe Systeme sind sich selbst korrigierende Systeme. Werden in allen Interaktionen und Austauschbeziehungen einer Einheit die Mängel, Fehler, das Fehlverhalten, usw., ohne großes Aufheben selbst erkannt und korrigiert, kann man sich beruhigt entspannen und alles zu tun, damit es auch so bleibt.

Wenn nicht, sollte man die Fehlerintelligenz seiner Umgebung sofort in Angriff nehmen. Denn alles was schiefgehen kann, wird auch irgendwann schief gehen. Das ist bekannt als Murphys Gesetz. Der Brexit ist vielleicht gerade ein anschauliches Beispiel, welche Folgen Fehler heute haben können. „Das Geschöpf, das gegen seine Umgebung siegt, zerstört sich selbst.“ So bringt Gregory Bateson die Natur von Austauschbeziehungen in einem Satz auf den Punkt.

"Wenn der Mensch falsche Ansichten bezüglich seiner eigenen Natur hegt, wird er dadurch in Handlungsverläufe geführt, die in einem tiefen Sinn unmoralisch und hässlich sein werden.“ Das schreibt Bateson über die Folgen haltloser Theorien. Es ist besser, wechselseitige Abhängigkeiten in wechselseitige Hilfe umzusetzen, als in Konkurrenz oder einseitige Ausbeuterei. In allem, was eine effektive Einheit bildet, konkurriert man nicht. Man hilft einander, wenn man ein intelligentes, erfolgreiches System bilden möchte.

Sich selbst korrigierende Austauschbeziehungen

Die Leber konkurriert nicht mit dem Herzen und das Gehirn nicht mit der Milz. Und wenn doch, ist das System schwer krank, wenn nicht in Todesgefahr. Wenn man krank ist, ist jedenfalls die Gefahr extrem hoch, Fehler zu machen. Vieles von einem Organismus kann man nicht mit einem Unternehmen vergleichen. Aber es hilft, genau genug zu verstehen, wodurch ein Organismus lebendig und gesund bleibt. Er ist ein natürliches, komplexes und damit ein sich selbst korrigierendes System. In seinem Gehirn sitzt gleichzeitig aber auch die Quelle der meisten Fehler. Vielleicht hilft es an dieser Stelle, das Wort „Fehler“ genau zu betrachten. Es sagt nicht, dass etwas falsch ist. Es sagt, dass etwas fehlt. Zum Beispiel: Aufmerksamkeit oder relevantes Wissen. Ich gratuliere übrigens allen, die an dieser Stelle noch immer lesen! Großartig!

Unternehmen und jede Art von Institution sind komplexe Systeme. Wenn sie optimal organisiert und geführt sind, funktionieren durch sich selbst korrigierende Wechselbeziehungen. „Strenge allein ist lähmender Tod, Phantasie allein ist Geisteskrankheit“. Auch dieses Zitat von Bateson möchte ich in den Sommer mitgeben. Bateson war ein großer Meister darin, exakt zu unterscheiden, in welchen Fragen und Fällen eine phantasievolle, kreative Denkweise und Sprache hilfreich ist und in welchen es auf ein strenges, exaktes Denken, präzise Definitionen, formale Analysen und logisches Schlussfolgern ankommt.

Literaturempfehlung

Unter dem Titel „Die Ökologie des Geistes“ erschien 1981 bei Suhrkamp erstmals eine deutschsprachige Ausgabe einer umfassenden Sammlung von Aufsätzen, die er zu den verschiedensten Themen verfasst hat. Aufsätze, die ohne Mathematik auskommen. Mit ihrer Hilfe fand ich damals die richtige Treppe, über die man zu den am tiefsten liegenden Wurzeln des Gelingens und Misslingens hinabsteigt. Wer Probleme an ihren Wurzeln packen möchte, kommt an der Kybernetik nicht vorbei. Herzlich willkommen!

Wer Bateson liest, wird bei Weitem nicht jedes Wort und nicht jeden Satz sofort verstehen, und schon gar nicht richtig. Er selbst wusste das nur zu gut. „Wir verfügen jetzt über sehr viel Kybernetik“, referierte Bateson 1966 auf einem Symposium in den USA, „eine Menge Spieltheorie und die Anfänge des Verständnisses komplexer Systeme. Aber jedes Verständnis kann destruktiv eingesetzt werden.

Ich glaube, die Kybernetik ist der größte Bissen aus der Frucht vom Baum der Erkenntnis, den die Menschheit in den letzten zweitausend Jahren zu sich genommen hat. Die meisten Bisse von diesem Apfel haben sich jedoch als ziemlich unverdaulich erwiesen – meistens aus kybernetischen Gründen. […] So viel aber ist sicher, dass in der Kybernetik auch das Mittel angelegt ist, eine neue und vielleicht menschlichere Weltanschauung zu erreichen, ein Mittel, unsere Philosophie der Macht zu verändern, und ein Mittel, unsere eigenen Dummheiten in einer größeren Perspektive zu sehen.“

Auf Augenhöhe?

Nur Literatur, die man nicht gleich begreift, hilft weiter. Was man auf Anhieb richtig verstanden hat, weiß man nämlich ohnehin schon. Wer bemüht ist, alles, was anspruchsvoll ist, ganz einfach verständlich zu machen, will nicht, dass jemand etwas lernt. Der will sich beliebt machen. Ein großer Mann, den ich oft um Rat bitte, wenn es heikel wird, hat auf meine Frage, wie ich damit umgehen soll, dass heute allseits erwartet wird, dass man sich auf Augenhöhe verständigt, folgendes geantwortet: „Was wird davon besser, wenn man auf dem Bauch liegend mit jemanden spricht?“

Augenhöhe in Sachen Respekt vor jedem Menschen und seiner Würde ist nicht nur wichtig und gut, es ist Menschenrecht und –pflicht, und traurig, das überhaupt einfordern zu müssen.

Für die Augenhöhe in geistigen Sachen habe ich folgenden Tipp: Nicht erwarten, dass sich die anderen kleiner machen, dümmer stellen als sie sind. Davon werden mit der Zeit alle blöder. Besser ist es, sich selbst zu erhöhen. Mit einem dicken Stoß wertvoller Bücher. Für ein erstes, kleines Glücksgefühl kann man ihn kurz als Schemel benutzen. Aber man sollte dort nicht verweilen, sondern Buch für Buch genau studieren. Dann wird das Ego man mit der Zeit keinen Schemel mehr brauchen…

www.anecologyofmind.com

www.anecologyofmind.com

Gregory Bateson wurde am 9. Mai 1904 in England geboren verstarb am 4. Juli 1980 in den USA. Der Anthropologe und Zoologe gehört zu den maßgeblichsten Mitbegründern der Kybernetik und wird zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts gezählt. Mehr…

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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