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Bild: Pixabay 

Management im Kopf: Du kannst Systemwerkzeuge einsetzen

27.06.2016 | 11:24 |  MARIA PRUCKNER (DiePresse.com)

Folge 5. Die neue Online-Kolumne stellt das Thema Komplexität in den Mittelpunkt. Diesmal mit Franz Josef Radermacher.

In unserer Kolumne "Management im Kopf" stellt Maria Pruckner führende Forscher vor, deren Beiträge und Denkwerkzeuge für das Meistern von Komplexität sich in der Praxis der Wiener Beraterin und Entwicklerin seit über zwei Jahrzehnten verlässlich bewähren.

Du kannst Systemwerkzeuge einsetzen – Franz Josef Radermacher

Um komplexen Situationen erfolgreich zu begegnen, ist ein klares Bild ihrer gesetzmäßigen Vorgänge und Wirkweisen wichtiger, als alles andere, was man wissen kann. Dieser entscheidende Hinweis von Giselher Guttmann im Beitrag der vergangenen Woche wirft eine weitere Frage auf: Wie macht man sich davon am besten ein passendes Bild?

Der Mann, der den Forschungsbereich der anwendungsorientierten Wissensverarbeitung aufgebaut hat, heißt Franz Josef Radermacher. Er forscht seit den 1980er-Jahren in diesem Kontext als Mathematiker, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler. Für die Modellierung und Simulation von Vorgängen und möglichen Entwicklungen in komplexen Systemen setzt er dabei auf die einzige präzise „Sprache“ für diese Aufgabe: die Mathematik. Klare Bilder entstehen dann auf der Basis geeigneter Modelle und deren Auswertung mit Hilfe von IT-Systemen.

Radermacher beschäftigt sich seit über drei Jahrzehnten mit dem Antizipieren von Entwicklungen in komplexen Systemen und hat in diesem Kontext viele Modelle entwickelt. Bei einem Frühstück vor einiger Zeit betonte er, dass es ihm häufig nicht gelungen sei, allein mit seiner Denk- und Vorstellungskraft die wahrscheinlichste Entwicklung in einem komplexen System richtig vorherzusagen. Die Systembasierte Analyse und entsprechende algorithmische Auswertungen mussten hinzukommen. Von meiner Seite kann ich dasselbe berichten, und das, obwohl ich viele Denkwerkzeuge für die Zwecke des Managements selbst entwickelt und insofern im Kopf verfügbar habe. Ohne entsprechende Unterstützung schafft es das Gehirn oft nicht, alles, was gleichzeitig betrachtet werden muss, gleichzeitig im Bewusstsein verfügbar zu haben. Mehr dazu in diesem Beitrag.

Nun kann man nicht gerade behaupten, dass die Mathematik und künstliche Intelligenz (AI) eine taugliche Basis für den Management-Alltag sind. Sosehr sie für die Orientierung in den großen strategischen Fragen regelrecht unverzichtbar sind: Führungskräften und Managern ist Minute für Minute nur dann geholfen, wenn ihr eigenes Gehirn über eine zuverlässige Mustererkennung der Gesetzmäßigkeiten des Funktionierens komplexer Systeme verfügt.
Das Gehirn versteht die Welt in Bildern, Regeln, Prinzipien; mit Details und Worten wird es nicht so gut fertig. Als etwas bescheidenere Alternative zur Mathematik und AI, so Radermacher, kann man als Denkwerkzeuge entsprechende visuelle Modelle einsetzen. Sie müssen das Wesentliche einer jeweiligen Themenstellung verdichtet erfassen - anwendungsorientiert und kontextbezogen, mit Bezug auf praxisgerechte Parameter und bestehende Rückkoppelungen. Solche Modelle machen die entscheidenden Wirkzusammenhänge in Systemen erkennbar. Sie zeigen die potenziell möglichen Veränderungen, Mängel, Probleme oder Störungen auf, die nach Steuerung, Regulierung oder Entscheidungen verlangen. Durch solche Modelle erkennt man also viel leichter, besser und schneller, nach welchen Signalen man suchen, welches Wissen man einsetzen und wie man sinnvollerweise vorgehen muss.

Für das professionelle Arbeiten mit visuellen System-Modellen muss man komplexe Systeme vom Prinzip her verstehen, also entsprechendes Wissen aufgebaut haben. Das ist die notwendige Basis für Interpretationen, Schlussfolgerungen und die praktische Umsetzung des erarbeiteten Materials. Wer noch nicht über entsprechendes Wissen verfügt, muss sich dieses aneignen. Das gelingt nicht allen, aber vielen, und es ist die Mühe wert.
Die Vorstellungen von komplexen Verhältnissen prägen, was man von ihnen erkennt. Professionelle System-Modelle prägen Vorstellungen, welche den Tatsachen am nächsten kommen. Sie erleichtern treffende Lagebeurteilungen, erweitern die Entscheidungsspielräume und erhöhen die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Entscheidungen erheblich.

Herr Radermacher, welchen Impuls möchten Sie den Lesern und Leserinnen meiner Kolumne mitgeben?

Franz Radermacher: „Viele schwierige Entscheidungssituationen sind von der Art, dass Trade-offs zwischen unterschiedlichen Zielgrößen vorzunehmen sind. Man kann häufig mehr von dem einen nur haben zu Lasten der Zielerreichung in einer anderen Dimension. Solche Trade-offs sind oft unvermeidbar und verlangen sehr viel Klugheit im Umgang mit einer solchen Situation. Hier gilt: Prioritäten haben Posterioritäten zur Folge. Ich habe allerdings in meinem Leben gelernt, dass man mit genügend Kreativität und Intelligenz den Kontext von Entscheidungen so erweitern kann, dass sich die Trade-off-Problematik durch erweiterte Kompensationsräume auflösen lässt. Die Erweiterung des Optionenraumes ist häufig der Schlüssel zu viel besseren Lösungen. Das Motto heißt: Raus aus der engen Zwangssituation in einen Raum vielfältiger Optionen. Meine Empfehlung ist, immer zu versuchen, einen solchen erweiterten Optionenraum zu erschließen.“

Ein Impuls, der zu denken gibt. Und erklärt, was durch die hier beschriebenen Systemwerkzeuge klar und auch möglich wird.

Franz Josef Radermacher

 (c) Thomas Klink (Bild der Wissenschaft)

(c) Thomas Klink (Bild der Wissenschaft)

Radermacher ist 1950 in Aachen geboren. Der Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm forscht zu den Schwerpunktthemen Globalisierungsgestaltung, Innovation, Technologiefolgen und nachhaltige Entwicklung. Mitinitiator, Gründungsmitglied und Unterstützer der Global Marshall Plan Initiative, Mitglied des Club of Rome. Neben vielen anderen Funktionen Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa, Präsident des Senats der Wirtschaft, Aufsichtsratsvorsitzender der Zwick Roell AG.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche Denkwerkzeuge für angewandte Kybernetik zum Problemlösen, Managen und Führen. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

2 Kommentare
ayrus87
28.06.2016 09:19
0 0

ayrus

It’s an remarkable article in support of all the webb users;
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besdomny
27.06.2016 13:02
0 0

Wenn

unsere Politiker, Journalisten und die vielen Kommentatoren in den Medien allein die ersten 2 von den 5 Beiträgen läsen und befolgten,
wäre viel getan!
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