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Können wieder lachen: Sprungbrett-Schützlinge Eda Shabaz (20, links) und Melodi Elmas (16).
Können wieder lachen: Sprungbrett-Schützlinge Eda Shabaz (20, links) und Melodi Elmas (16). / Bild: [ Andrea Lehky ] 

„Ich bin nicht gut, ich kann nichts, ich werde nichts“

20.02.2017 | 08:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Lehrstellensuche. Manche Jugendliche tragen einen schweren Rucksack mit sich herum. An dem arbeitet der Verein Sprungbrett. Kostenlos.

Eda Shabaz (links im Bild) ist 16 Jahre, ihre Freundin Melodi Elmas (rechts) 20 Jahre alt. Beide Mädchen sind Schulabbrecherinnen, für beide war die Suche nach einer Lehrstelle eine lange Kette demotivierender Erlebnisse. „Keine Chance, haben mir die Firmen am ,Tag der Lehre‘ ins Gesicht gesagt“, klagt Eda, „und dass ich ohne einen Abschluss der neunten Klasse nie eine Lehrstelle finden werde.“ Melodi pflichtet ihr bei: „Die Firmen loben sich, ,wir bilden Lehrlinge aus‘. Und dann weisen sie uns so respektlos ab. Das macht kein gutes Bild.“

So jung und schon so frustriert: Eda und Melodi standen an der Kippe, sogenannte NEETs zu werden, „Not in Education, Employment or Training“. Ohne Schule, Ausbildung oder Job drohten sie aus dem System zu fallen. Typischerweise haben beide migrantischen Hintergrund. Beider Eltern stammen aus der Türkei. Edas Vater ist Küchenhelfer, ihre Mutter Reinigungskraft. Sie sprechen nur wenig Deutsch. Für ihre Tochter wünschen sie sich zwar „einen guten Job“, aber wie sollen sie ihr die Möglichkeiten von Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nahebringen?

Eda und Melodi hatten Glück. Sie wurden in das Programm „spacelabirls“ des Vereins Sprungbrett (www.sprungbrett.or.at) aufgenommen. Das ist ein niederschwelliges arbeitsmarktpolitisches Projekt für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren, die sich schwertun, im Berufsleben Fuß zu fassen. Vier Standorte gibt es in Wien; drei sind gemischt, jener in Wien-Fünfhaus betreut nur Mädchen.

Ihn leitet Susanne Gugrel als eine von zwei Ko-Geschäftsführerinnen: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mädchen nicht so gern an gemischten Standorten bleiben. Wohl aber, wenn nur Frauen da sind.“ Bei 85 Prozent migrantischer Klientinnen erklärt sich das oft mit religiösen Gründen: Manche muslimische Mädchen dürfen nur reine Frauenräume betreten.
Das spacelab-Programm besteht aus zwei Teilen. Der erste führt die Teilnehmerinnen behutsam wieder an soziale Gruppenstrukturen heran. Viele haben die Schule schon lang verlassen, haben Mobbing erlebt, manche Gewalt und Missbrauch. Sie müssen erst wieder Vertrauen fassen und bereit sein, sich auf ganze Tage in der Gruppe einzulassen.

Fast alle, erzählt Gugrel, kämen mit dem Glaubenssatz „Ich bin nicht gut, ich kann nichts, ich finde nichts“. An dem arbeiten Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und -pädagoginnen. Die Mädchen gewinnen ihr Selbstvertrauen über der Erledigung kleiner Aufträge wieder: Sie kuvertieren Briefe, arbeiten mit Holz und Ton, lernen einfache Bürotätigkeiten. Als Lohn gibt es zehn Euro Taschengeld.

Nächster Halt: Lehre oder Job

Wer sich stabilisiert hat, bereit für regelmäßige Arbeit und grundsätzlich AMS-berechtigt ist, darf ins Werkstättentraining wechseln. Hier sind die Regeln strenger. Jetzt muss man verbindlich täglich kommen und lernt bei Schnuppertagen und Exkursionen verschiedene Berufe kennen.

In einem weiteren Programm („youngFIT“) erproben die Mädchen ihre handwerklichen und technischen Fähigkeiten. „Dass Mädchen nicht in diese Bereiche gehen, liegt nicht daran, dass sie es nicht können“, sagt Gugrel, „sondern daran, dass sie nichts davon wissen.“ Im Programm stellen sie fest, dass etwa Löten gar nicht so schwer ist: „Daheim hat man ihnen gesagt, das wäre nichts für sie.“
Parallel bemühen sich die Sprungbrett-Betriebsarbeiterinnen um Schnupperpraktika, Ausbildungsplätze und Wirtschaftspartnerschaften. Sie üben Bewerbungsgespräche („Nimm den Kaugummi aus dem Mund“) und sagen den Mädchen, worauf es im Job ankommt.

Das Wichtigste zum Schluss: Alle Leistungen sind kostenlos, manche erfordern AMS-Bezugsberechtigung.

 

Auf einen Blick

Der Verein Sprungbrett wird aus Mitteln des AMS Wien, des Europäischen Sozialfonds, der Frauenabteilung der Stadt Wien, der BM für Bildung und Frauen sowie Familien und Jugend, des Sozialministeriumservice und des Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfonds (Waff) finanziert.

4 Kommentare
schadu
20.02.2017 10:52
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Wo sind die gemischten Standorte??

Also wenn man auf besagte Homepage surft, kommt man auf die Seite "sprungbrett für mädchen". Wo ist denn die für Buben oder die gemischten Standorte??
racope
22.02.2017 15:14
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Re: Wo sind die gemischten Standorte??

http://www.spacelab.cc/Home/Kontakt
schadu
22.02.2017 15:51
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Re: Re: Wo sind die gemischten Standorte??

danke!
racope
22.02.2017 16:51
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Re: Re: Re: Wo sind die gemischten Standorte??

Gerne!
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