Wenn Lehrlinge aufgeben wollen

25.06.2016 | 07:00 |  von Andrea Lehky (Die Presse)

Checkliste. Wenn Jugendliche die Lehre „schmeißen“ wollen, gibt es häufig gute Gründe, sie gehen zu lassen. Oft lohnt es sich jedoch, um sie zu kämpfen. Auch wenn sie es ihren Ausbildern nicht gerade leicht machen.

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Er kam jeden Morgen zu spät. Viel zu spät. Sah furchtbar aus, blass, blaue Ringe unter den Augen. Darauf angesprochen reagierte er bockig. Selbstredend, dass auch seine Leistung mehr als nur zu wünschen übrig ließ.

Nach dem x-ten ergebnislosen Gespräch wollte er alles hinschmeißen, erzählt Gabriele Aurednicek, langjährige Lehrlingsverantwortliche bei den Wiener Stadtwerken. Auch sie hätte ihn fast schon aufgegeben. Wenn nicht – ja, wenn er nicht im letzten Moment doch noch mit der Wahrheit herausgerückt wäre. Dass jede Nacht zur Sperrstunde der Wirt vom Gasthaus ein paar Blocks weiter anrief, er solle seinen Vater abholen. Und dass er seine liebe Mühe habe, den Vater heim ins Bett zu bringen.

Die Geschichte hat ein Happy End. Nachdem sich Aurednicek vom Wahrheitsgehalt seiner Worte überzeugt hatte, fand sie eine unbürokratische Sonderregelung. Fortan durfte der Bursche sich morgens ausschlafen und abends länger bleiben. „Wir haben ihn aufgefangen“, sagt sie.

„Ich schmeiß' die Lehre“

  • Die meisten Aussteigergeschichten verlaufen weniger dramatisch. Und nicht immer engagieren sich Ausbilder so für ihre Schützlinge. Und bei manchen ist es tatsächlich besser, sie in Frieden ziehen zu lassen. „Im ersten halben Jahr frage ich nach. Aber ich werde den Absprung nicht verhindern“, sagt Aurednicek. Dann hat er fast immer mit der Wahl des falschen Lehrberufs zu tun, mit falschen Vorstellungen, die eher den Wünschen der Eltern als den eigenen entsprechen. Dann sei es unverantwortlich, Jugendliche an einer erfüllteren Zukunft zu hindern. Ein kaufmännischer Lehrling blieb Aurednicek besonders in Erinnerung. „Todunglücklich“ war er in diesem Bereich, aber er biss sich durch, holte die Matura nach und hatte dann endlich die Freiheit, in die Richtung zu gehen, in die es ihn schon immer zog: in die Technik. 20 Jahre später war er Geschäftsführer einer Hightech-Firma.

  • Zeigt ein Lehrling in einem späteren Lehrjahr nachhaltige Demotivationssymptome, ist es manchmal besser, ihn gehen zu lassen. Er zieht sonst seine Kollegen mit herunter. Zuvor allerdings sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein, vom Coach bis zum Gespräch mit den Eltern. Letzteres ist bei älteren Lehrlingen manchmal eine Gratwanderung, und sind sie über 18 Jahre alt, darf der Arbeitgeber gar nicht mehr mit den Eltern reden.

  • Nachbohren lohnt sich fast immer, weil die vermeintliche Demotivation oft gar keine ist. So wie bei dem Lehrling, der chronisch zu spät kam: Es lag an der Ankunftszeit seines Pendlerzuges.

  • Auch Lehrlinge, die in verwandte Berufsausbildungen wechseln wollen, lässt man ziehen. Bekommt etwa eine angehende Bürokauffrau, die eigentlich Versicherungskauffrau werden wollte, eine Chance bei einer Versicherung, ist sie dort glücklicher. So wie auch jene KFZ-Technikerlehrlinge der Wiener Linien, die ein Angebot von Porsche bekamen – chancenlos, sie zu halten.

  • Schmerzhaft sei es, so Aurednicek, oft begabte und ehrgeizige Mädchen mit migrantischem Hintergrund ziehen zu lassen. Aber: „Wenn die Familie bestimmt, dass sie heiraten oder die Rolle der Mutter übernehmen müssen, sind uns die Hände gebunden.“

  • Immer wieder werden Jugendliche von Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen. Sie habe schon so manche Träne getrocknet, erzählt die Lehrlingsverantwortliche, und dass „viele schon dankbar sind, wenn sie sich einmal ausweinen dürfen“. Diese Lehrlinge müsse man am Aufgeben hindern, weil sie in der Extremsituation die Konsequenzen ihrer Handlung noch nicht abschätzen könnten.

  • Die letzte Gruppe sind Lehrlinge im späteren Verlauf ihrer Ausbildung. Ihnen wird dringend zum Durchhalten geraten. Weil ihnen nur mehr wenige Monate bis zur Abschlussprüfung fehlten, weil sie am Ende einen ausgelernten Beruf vorweisen und damit deutlich höhere Gehaltschancen haben. Und weil ihnen dann jede andere Möglichkeit offensteht.


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(Print-Ausgabe, 25.06.2016)

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