Hilfe, wir bekommen einen Lehrling!

26.03.2016 | 13:00 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Checkliste. Hausaufgaben, die ein Unternehmen vor dem ersten Arbeitstag seines neuen Lehrlings machen muss. Und ein paar für danach.

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Stellen Sie sich vor, Sie wären 15 Jahre alt. Sie treten Ihre erste Stelle an. Am Morgen stehen Sie pünktlich in der Tür, aber die Erwachsenen haben keine Zeit für Sie. Sie kennen sich nicht aus, alles ist fremd für Sie. Irgendjemand erbarmt sich schließlich (meist eine mütterliche Dame), erklärt Ihnen kurz etwas und gibt Ihnen eine kleine Arbeit, „damit Sie etwas zu tun haben“. Danach sind Sie wieder sich selbst überlassen.

Wie fühlen Sie sich? Begeistert, motiviert und bestärkt? Sicher nicht. Dennoch werden jedes Jahr Hunderte Jugendliche auf ebendiese Art (nicht) willkommen geheißen.

Machen Sie es besser - Eine Checkliste

Wer es besser machen und beweisen will, dass Employer Branding kein leeres Wort ist, findet hier eine Checkliste, die im Kern für alle Unternehmen gilt. Die Vorbereitungen beginnen schon lang vor dem ersten Arbeitstag.

  • Ausbilderberechtigung. Wer im Unternehmen hat die Ausbilderprüfung? Automatisch besitzt sie jeder, der eine Meisterprüfung abgelegt hat. Alle anderen können sich die rechtlichen und pädagogischen Grundlagen in einem der zahlreichen Wifi- oder BFI-Kurse aneignen (zwei bis drei Tage, 440 Euro zzgl. 100 Euro Prüfungsgebühr). Wer sich richtig gut vorbereiten will, muss für die Wifi-Ausbilderakademie schon tiefer in die Tasche greifen (1550 Euro). Dafür gibt es einen halbjährigen Intensivkurs in Sachen Pubertät.
  • Lehrvertrag. Bei Minderjährigen müssen die Eltern mitunterschreiben. Eine gute Gelegenheit, sich ein Bild von ihnen zu machen (falls das nicht schon bei den Rekrutinggesprächen geschehen ist). Jetzt eine gute Gesprächsbasis aufzubauen erleichtert die Abstimmung später, falls es Probleme gibt.
  • Arbeitsplatz. Mit einem fix fertig eingerichteten Arbeitsplatz begrüßt zu werden motiviert und macht Eindruck (nicht nur bei Lehrlingen). Im Büro ist das der Schreibtisch mit Computer und Log-in, in der Werkstätte der Spind, auf der Baustelle das Werkzeug.
  • Verantwortlicher. Wer wird mit dem Lehrling arbeiten? Der Meister hat, ebenso wie Human Resources, meist alle Hände voll zu tun. Daher wird rechtzeitig vor Dienstantritt bestimmt, wem er tatsächlich zugeteilt ist. Meist ist das ein Vorarbeiter oder Geselle. Es empfiehlt sich, auch diesen den Kurzkurs für die Ausbilderberechtigung zu spendieren oder zumindest präzise zu instruieren – etwa zum absoluten Überstundenverbot für Lehrlinge.
  • Mentor. Neben dem fachlich Verantwortlichen bekommen glückliche Lehrlinge auch einen Notanker für persönliche Fragen. Je nach Prädisposition ist das ein Mama-Ersatz oder ein nur wenig älterer Buddy, der in der Mittagspause in die informelle Logik des Betriebs einweiht.
  • Willkommensmappe. Ein Luxus, der sich rentiert: die Zusammenstellung relevanter Informationen, von Organigramm über Öffnungszeiten, Hausordnung und Sicherheitsvorschriften bis zu nützlichen Telefonnummern. Besonders wichtig: Was tun im Krankheitsfall. Aus Erfahrung: Auf die Krankmeldung vergessen Lehrlinge besonders gern.
  • Arbeitsplan. Früher mag es genügt haben, den Lehrling in seinem ersten Jahr dem Ausbilder „zuschauen“ zu lassen. Oder ihn die Böden schrubben zu lassen, sagt die auf Lehrlinge spezialisierte Unternehmensberaterin Vittoria Bottaro, von der diese Tipps stammen. Heute hat kein Lehrling mehr die Geduld dazu. Nach ein paar Minuten zückt er sein Smartphone und tritt geistig weg. Daher muss schon für seinen ersten Tag ein straffer Arbeitsplan da sein. Er beginnt mit harmlosen Routinetätigkeiten, für die der Neue ruhig ein bisschen länger brauchen darf. Dazwischen bekommt er wichtige Wissenshäppchen nach Plan und in leicht verdaubaren Dosen.
  • Rechtliches. Noch vor Arbeitsantritt muss die Gebietskrankenkasse informiert werden. Die Berufsschule bekommt innerhalb von zwei Wochen, die Lehrlingsstelle des Bundeslandes innerhalb von drei Wochen den Lehrvertrag zugesandt. Alle drei sehen es gern, wenn die Info nicht in letzter Sekunde kommt, weil es etwa auch um anrechenbare Vordienstzeiten (etwa abgebrochene Lehren) geht.
  • Der erste Tag. Es hat sich bewährt, den Lehrling zu einer stressarmen Uhrzeit zu bestellen – also nicht gleich in der Früh. Dann wird er durchs Haus geführt und den Kollegen vorgestellt. Hat auch die Geschäftsführung Zeit für ein Händeschütteln, signalisiert das Wertschätzung und „Du bist uns wichtig“. Ab nun wechseln einander Wissensvermittlung, Zuschauen und Selbstmachen ab. Und das ist doch schon ein guter Anfang.

Die nächste Folge „Das mache ich doch mit links! Wie Lehrlinge den perfekten Einstieg schaffen“ erscheint am 22. April.

Mehr Infos: karrierenews.diepresse.com/lehrlinge

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