Lehre: Wie machen das die Vorarlberger?

18.10.2015 | 13:40 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Das Ländle scheint wenig Probleme zu haben, Lehrlinge zu finden. Folgerichtig kennt es später auch kaum Facharbeitermangel. Ostösterreich kann sich da einiges abschauen. Eine Handlungsanleitung in sechs Punkten.

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Man sagt, die Wiener wären notorische Jammerer. Ganz besonders beim Thema Lehrlinge: Es gäbe zu wenige Bewerber, heißt es, deren Vorbildung sei oft beklagenswert und erschwert durch geringe Deutschkenntnisse. Teure Imagekampagnen brächten nur wenig: Wer irgendwie kann, macht Matura.

In Vorarlberg aber, da sei alles ganz anders. Dort begännen hoch motivierte junge Leute ihre Lehre mit stolzgeschwellter Brust: 51 Prozent der Vorarlberger Jugend im Vergleich zu 40 Prozent über ganz Österreich (2014). „Der hat beim Blum gelernt“ gilt als Ritterschlag für jeden Bewerber – gemeint ist der Möbelbeschlägehersteller Julius Blum mit sieben Produktionsstätten in Vorarlberg und drei weiteren in den USA, Brasilien und Polen. Von Imageproblemen der Lehre keine Spur. Was machen die Vorarlberger besser?

1. Das Land ist klein, man kennt sich, man redet miteinander

Ein absoluter Vorteil: Man kooperiert selbst dann, wenn man eigentlich konkurriert – im Markt wie bei Lehrlingen. Während in anderen Bundesländern, wenn überhaupt, Lehrlingsbranchencluster das höchste der Gefühle sind (etwa der Metall- und Elektrotechnik-Cluster in OÖ), arbeiten in Vorarlberg alle ausbildenden Betriebe zusammen. Wer zu klein ist, um seinen Schützlingen ein bestimmtes Modul angedeihen zu lassen, schickt sie eben zum Nachbarn. Und vice versa. So etwas klappt nur, wenn jeder jeden kennt. In Restösterreich folgt dieser Philosophie nur ein vergleichbares Projekt, das unabhängige Netzwerk Lehrlingspower.at des Wieners Robert Frasch.

2. Das Beste aus allen Welten oder: Kopieren, was funktioniert

Wien ist weit, die Schweiz und Bayern sind nah. Es passt zur Vorarlberger Mentalität, sich alles anzuschauen und dann zu handeln, statt zu reden. Was bei einem der Nachbarn funktioniert, wird einfach übernommen.

3. Die Sozialpartnerschaft klappt, weil alle dasselbe wollen

Natürlich streiten Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Industriellenvereinigung und Gewerkschaften auch in Vorarlberg. Aber hier ziehen alle an einem Strang, lobt Herbert Motter, Sprecher der WK Vorarlberg. Man meide Endlosdebatten und setze lieber Gemeinschaftsprojekte um. Wie den jährlichen Lehrlingsball, in schönster Eintracht mit den Betrieben organisiert, damit sich alle Lehrlinge kennenlernen. Oder Ausbilderakademie und -beratung, Lehrlingscoaching und viele kleine Wettbewerbe. Der Ausbildungsfonds der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie (VEM) ist auch ein schönes Beispiel: Alle zahlen freiwillig (!) ein, wer erfolgreich Lehrlinge ausbildet, bekommt Geld zurück.

4. Facharbeiter sind wichtig oder:Fortschritt ist gut, Tradition besser

Wer Fachkräfte braucht, der achtet sie. Mit dieser Einstellung erkannten die Vorarlberger früher als andere, dass nur, wer in Lehrlinge investiert, künftig Fachkräfte hat. Ein wenig mag die Struktur von überwiegend familiengeführten Betrieben geholfen haben. Dort wird ein persönlicher Zugang zu den Leuten gepflegt, der sich auch in der Qualität der Ausbildung niederschlägt.

5. Elternschule oder: Allen sagen,wie wichtig Bildung ist

Man nehme eine Zuwandererfamilie mit schwachen Deutschkenntnissen. Warum sollten Mama und Papa ihrem Spross zur Lehre raten, wenn er als ungelernter Hilfsarbeiter (anfangs) mehr verdient? Im Rheintal, wo besonders viele Migranten leben, bringen türkischsprachige Lehrer den Familien nahe, dass eine abgeschlossene Ausbildung hierzulande wichtig ist.

6. Ein Ausbilder auf fünf Lehrlinge, weil es sich rechnet

Klar, dieses Verhältnis ist extrem. Doch der eingangs erwähnte Beschlägehersteller Blum mit 5012 Mitarbeitern in Österreich besteht darauf. 35 Lehrlingsausbildner und einige der 115 für Weiterbildung zuständigen Mitarbeiter kümmern sich um 284 Lehrlinge. Ähnlich viele Ausbildner stellen die Top-100-Lehrlingsbetriebe des Ländles, etwa Alpla, Doppelmayr, Meusburger und Collini. Das muss man sich zwar erst einmal leisten können – aber dann rechnet es sich.

► Fachtagung Lehrlingsausbildung 2015: 20./21. Oktober, Wien. Infos, Anmeldung: b2bevents.wirtschaftsverlag.at ► Lehrlingsforum 2015: 17./18. November, Wien. Infos, Anmeldung: businesscircle.at


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)

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