Von Lebzelter bis Greenkeeper

17.10.2015 | 13:00 |  Daniela Mathis (Die Presse)

Lehrberufe. Experten für neue Trends und alte Nischen gesucht? Kaum eine Ausbildungsart ist so alt wie die Lehre, und brachte doch heuer 18 neue Berufsbilder hervor. Insgesamt gibt es derzeit 197 Lehrberufe – mit und ohne Matura.

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Nostalgische Gemüter können es schade finden: Schmied, Schuster und Gärtner gibt es nicht mehr – jedenfalls dem Namen nach. Es heißt nun Metallfertigung, Schuhmacher (Handarbeit) oder Schuhfertiger (Industrie), Garten- und Grünflächengestaltung. Letzteres mit den Schwerpunkten Greenkeeping (Golfplatzgestaltung und -pflege) und Landschaftsgärtnerei. Um die rund 200 Berufsbilder laufend den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen,werden jährlich Lehrberufspakete geschnürt. Heuer war es mit vier völlig neuen und 14 erneuerten besonders umfangreich.

Neu: Zimmereitechnik.

Da der mehrgeschoßige Holzbau immer wichtiger wird, sind Experten erwünscht – und können das ab heuer auch werden. Im Mittelpunkt stehen Holzkonstruktionen und -bauten aller Art. Gefertigt werden etwa Dachstühle, Treppen, Decken, Wände und Wandverkleidungen, aber auch Türme und Brücken. Die Ausbildung dauert vier Jahre, sie kann wie alle Lehren auch mit Matura absolviert werden. „Die Kombination bietet zahlreiche Karriereoptionen. Es geht nicht nur formal um einen Maturaabschluss, falls man doch studieren wollte – es gibt mittlerweile auch hochwertige berufspraktische Weiterbildungen wie Berufsakademien oder FH-Studiengänge“, erläutert Alexander Hölbl, Leiter der Abteilung Berufsausbildung des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Möglich ist auch eine Doppellehre: „Sie bietet sich an, wenn in einem Betrieb zwei Ausbildungen zusammen genutzt werden können, etwa Technik und Kaufmännisches“, so Hölbl. „Oder bei sich ergänzenden Berufen, die miteinander verwandt sind.“

Im Versuch: Ofenbau und Verlegetechnik.

Der neue vierjährige Lehrberuf verbindet die Ausbildungsinhalte von Hafner und Fliesenleger. Es wird als Ausbildungsversuch geführt – und wenn er sich bewährt, in eine unbefristete Ausbildung umgewandelt.

Ab 1. Jänner gibt es auch die Möglichkeit, in drei Jahren zum/zur Medizinproduktekaufmann/frau zu werden. Schwerpunkt ist Know-how über medizinische Geräten, Anlagen und Heilbehelfe wie etwa orthopädische Geräte, technische Hilfen für behinderte Menschen, Röntgen und andere bildgebende Geräte oder auch Krankenhausinventar – und zu deren professionellem Verkauf.

Im touristischen Bereich wird die neue Lehre Hotelkaufmann/frau eingeführt. Zentrale Elemente sind die Ausbildung im Office- und Werbungsbereichwie betriebliche Marketingakivitäten und Angebotserstellung. Dazu kommt die Tätigkeit an der Rezeption mit kaufmännisch-administrativen Inhalten.

Wieder voll da: Hufschmied.

Der bisherige Ausbildungsversuch wurde heuer zur regulären Lehre. Der Beruf war quasi ausgestorben, als sich die Zahl der Pferde in Österreich wieder erhöhte. Hölbl: „Es wird sicher kein Massenberuf werden, ebenso wenig wie etwa Klavierbauer. Aber ebenso notwendig.“

Die große Bandbreite der Modernisierung vieler Lehrberufe einerseits und die Erhaltung von handwerklichem Know-howandererseits sei einzigartig. Hölbl: „Auch die Nischen sind wichtig.“ So gibt es etwa die Lehrberufe Fassbinder, Lebzelter und Wachszieher, Rauwarenzurichter (Felle, Leder), oder Oberteilherrichter (Schuhoberseite) – wie Zeugen aus einer fernen Zeit. Gibt es über Jahre keinen Lehrling, wird die Ausbildung eingestellt. Doch es gilt zu bedenken: Verschwindet die Ausbildung, verschwindet meist auch schnell auch das Handwerk.

Baukastensystem: Mechatronik und Labortechnik.

Gar nicht vom baldigen Entschwinden bedroht sind die neuen Modullehren. „Hier beträgt die Grundausbildung zwei Jahre, dazu kommen wählbare Hauptmodule von 1,5 Jahren und Spezialmodule von einem halben Jahr“, so Hölbl. „So ist es möglich, sich zu spezialisieren – etwa bei der KFZ-Lehre in Sachen Elektromobiliät – ohne dass es für jeden Betrieb und Lehrling zwingend wäre. Die Berufschancen mit Lehre sind viel besser als ihr Ruf“, meint Hölbl. „Je nach Branche liegen die Einstiegsgehälter weit über jenen von AHS- oder BHS-Absolventen. Mit Werkmeisterprüfung oder anderen Weiterbildungen ist das natürlich noch weiter zu toppen.“(dm)

ALLES ZUR LEHRE

Modernisierte/adaptierte Lehrberufe 2015: Einzelhandel, Geoinformationstechnik (bisher: Kartograf), Gold- und Silberschmied und Juwelier, Hafner, Land- und Baumaschinentechnik, Metallurgie- und Umformtechnik (bisher: Hüttenwerkschlosser), Platten- und Fliesenleger, Prozesstechnik, Reinigungstechnik, Stuckateur und Trockenausbauer, Textilgestaltung, Zimmerei, Labortechnik, Mechatronik. www.bmwfw.gv.at, www.bic.at


[LHZ5S]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)

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