Chef sein und darüber reden

17.10.2015 | 11:36 |  Daniela Mathis (Die Presse)

Lehrlingswoche. Immer mehr Unternehmen überlassen ihren Lehrlingen einige Tage die Leitung einer Filiale. Das gefällt nicht nur den Nachwuchskräften. Aber ist es auch sinnvoll?

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Natürlich waren wir zuerst alle sehr nervös“, erzählt Kujtim Shala, der eine Woche als Store Manager der Nordsee-Filiale in der Wiener Mariahilfer Straße tätig war. „Wir haben aber von Anfang an toll zusammengearbeitet, und mit der Zeit hat sich das Team eingespielt.“ Der Lehrling aus Kärnten ist einer von 13, die fünf Tage lang die komplette Verantwortung für zwei Filialen in der Wiener Mariahilfer Straße übernommen haben. „Alle Positionen wurden mit Lehrlingen besetzt, vom Store Management über die Theke bis zur Küche“, erklärt Alexander Pietsch, Country Manager Nordsee Österreich.

Warum eigentlich? „Wir wollen kommunizieren, dass wir großen Wert auf Selbstständigkeit und Eigenverantwortung legen.“ Der Fischspezialist ist aber nicht der Einzige, der seinen Lehrlingen Besonderes bieten möchte und damit für das Unternehmensimage wirbt. Auch andere Handels- und Bäckereiketten wie etwa Hofer, Ströck und Lidl lassen talentierte Lehrlinge probeweise ausprobieren, wie es sich anfühlt, der Boss zu sein und in einem Team Managementverantwortung zu übernehmen. Letztere führte im Juli in fünf Wiener Filialen „Lehrlinge on Tour 2015“ mit über 100 Beteiligten durch. Und bei Hofer gehört es grundsätzlich zur Lehre, tageweise „das Geschäft“ zu übernehmen.Nur so könne man wirklich ermessen, welche Verantwortung man habe, und ob einem das auch behage. „Und wir wollen klar zeigen, dass wir volles Vertrauen in die Lehrlinge, Kenntnisse und Fähigkeiten haben“, so Pietsch.

Planen, stylen, evaluieren

„Unsere Woche ,Lehrlinge leiten einen Salon‘ ist eine echte Herausforderung für alle“, berichtet Vanessa Steinmetz-Bundy von Bundy Bundy, „aber auch ein Gewinn“. Seit drei Jahren werden die Filialen im Donauzentrum und in der SCS jeweils im April für fünf Tage von interessierten Lehrlingen geführt.

Dafür können sich Freiwillige aus allen Filialen bewerben, eine interne Prüfung stellt fest, ob die Jugendlichen schon so weit sind oder noch mehr Erfahrung und Vorwissen brauchen.

Die ausgewählten 15 bis 20 Lehrlinge werden durch Infotage auf ihren Einsatz vorbereitet, für den vom Team gewählten Manager plus Stellvertreter auf Zeit gibt es eine Schulung. „Damit sie wissen, wie man mit unerwarteten Situationen umgehen kann – etwa, wenn ein Kunde nicht zufrieden ist“. Und auch die Arbeitgeber müssen sich vorbereiten. Die Planung starte quasi gleich nach der absolvierten Woche aufs Neue. „Wir evaluieren, überlegen Verbesserungen oder Neuerungen.“ So hat die Erfahrung gezeigt, dass die meisten Lehrlinge erst ab dem Ende des zweiten Ausbildungsjahrs von der Woche profitieren. „Heuer werden wir außerdem darauf achten, dass wir nicht zu viele Lehrlinge dabei haben – und dass auch genug Kunden da sind, die betreut werden können“, sagt Steinmetz-Bundy. So sollen etwa die Stammkunden der jeweiligen Lehrlinge vorab informiert werden, wo sie in der Woche zu finden sein werden. Dass nicht nur die Lehrlinge, sondern ebenso die Ausbildner lernen, ist klar – aber sie profitieren auch beide. Dominiert bei den Lehrlingen der Spaß, das Sichbeweisen und auch der finanzielle Anreiz – in diesen Tagen wird das Stylisten-Leistungssystem wirksam –, ist es für die Arbeitgeber eine Standortbestimmung, und „natürlich auch gut für das Image“. Schließlich sei man immer auf der Suche nach guten Lehrlingen und Nachwuchsführungskräften.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)

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