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Juristen Arbeitgeber Pflicht

Juristen: Arbeitgeber in der Pflicht

25.10.2012 | 10:48 |  Jürgen Leidinger (Die Presse)

Diskussion: Wie arbeiten Anwälte in Zukunft? Höher als die Anforderungen an den Nachwuchs sind jene an die Kanzleien. Sie müssen Flexibilität bieten und Führung neu lernen.

Die Zukunft der Arbeit ist ein Erfolgskonzept der Gegenwart. Auf Sachbuch-Bestsellerlisten, in der Wirtschaftsberichterstattung und nicht zuletzt auf Podiumsdiskussionen ist sie seit Jahren thematischer Stammgast. Dass das alles nicht nur Hype sein kann, zeigt sich an den Veränderungen, die viele Unternehmen tatsächlich schon spüren: Mitarbeiter unterbrechen auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihre Karrierekurven und wechseln in neue Betätigungsfelder.

Die Märkte sind komplex und internationalisiert wie nie; und vielerorts, wo heute nur noch Ergebnisse bewertet werden, hat man schon vergessen, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Stechuhr den Takt vorgab. Inwiefern betrifft das eine so geschichtsträchtigen Profession wie den Anwaltsberuf?

„Wie arbeiten Anwälte morgen“ fragte sich die bereits 15. Ausgabe der „Presse“-Reihe „Kanzlei & Karriere“ für Juristen am Mittwoch im Wiener Palais Coburg. Antworten sollte ein branchenübergreifend besetztes Podium liefern. Geladen waren Elke A. Gornik, stellvertretende Leiterin des Postgraduate Center an der Uni Wien, Konrad Gröller, Personalpartner bei Freshfields Buckhaus Deringer, Gefion Hauer, Leiterin Recht der Head Sports Group, und Trendforscher Franz Kühmayer von Reflections & Research Consulting.

Kurzfristiger und komplexer 

Zu Beginn der Diskussion stand noch eine weitere Frage: Abgesehen von der Zukunft, was macht ein Anwalt heute überhaupt so? „Wir müssen schneller reagieren und immer komplexere Tätigkeiten in immer kürzerer Zeit verrichten“, sagte Gröller. „Dazu kommt viel Kommunikation und Teamwork und natürlich für einen Anwalt die Arbeit am Papier. Da muss man ein Mittelmaß finden aus Überblick und Detailtreue. Und zu alledem kommt agiert der Anwalt als Unternehmer, kümmert sich um Human Ressources, Marketing bis hin zum Ausstellen von Honorarnoten.“

Als Unternehmensjuristin erlebt Hauer die Arbeit der Wirtschaftsanwälte aus Klientensicht. „Ich bekomme sie über die Gespräche mit, die ich mit den Anwälten führe. Und anhand der Aufträge, die ich ihnen gebe. Da kann es schon mal sein, dass wir einen Werbespot mit den Tennisstars Novak Djokovic und Maria Sharapova drehen, ein Journalist heimlich mitfilmt und das Ergebnis plötzlich auf Youtube auftaucht“, brachte sie ein Beispiel. „Sie merken, aus unserer Sicht ist alles immer sehr dringend.“

Das Publikum aus zahlreichen Jus-Studenten und Konzipienten adressierte Kühmayer: „Die meisten von Ihnen wollen in eine Kanzlei. Was Sie aber in 10 oder 15 Jahren wollen, können wir alle noch nicht vorhersehen. Klassische Karrieren in der Abfolge Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – das ist ein Bild, das nicht mehr existiert.“ Ein heute 18-Jähriger, so der Trendforscher, werde bis zum 40. Lebensjahr durchschnittlich in elf Jobs gearbeitet haben.

„Die Zeiten einer einmaligen Ausbildung sind passé, das sehen die Unis natürlich auch und versuchen, Absolventen nach einer gewissen Zeit im Beruf wieder zurückzuholen“, so Postgraduate-Expertin Gronik. „Gerade im Jus-Bereich gibt es eine große Nachfrage nach LL.M.-Programmen. Viele machen das, um Auslandserfahrung zu sammeln, um später um- oder aufsteigen zu können. Ob es dann elf Jobs werden, weiß ich nicht.“

Theorie, Praxis, Internationalität 

Rund um Kühmayers Prognose ließ sich Gröller eine kleine Pointe nicht nehmen: „Elf Jobs gleichzeitig machen Anwälte schon heute“, so der Freshfields-Partner. „Die Karriere-Eingangsphase ist sicher sehr intensiv. Absolventen müssen im ersten Jahr sehr viel praktische Fähigkeiten erlernen. Gleichzeitig brauchen sie heute internationale Kompetenz und müssen mit anderen Kulturen Umgehen können.“

Das wird auch von Klientenseite verlangt: „Wir korrespondieren im Unternehmen hauptsächlich auf Englisch“, erzählte Hauer aus dem Alltag des international orientierten Sportartikelherstellers. „Da setzen wir Internationalität auch beim Anwalt voraus. Wenn er zusätzlich noch wirtschaftliches Verständnis bringt und die Sichtweise eines Unternehmens versteht – umso besser.“
„Diesen Druck merken wir auch in der Weiterbildung. Berufsbegleitende Angebote sind gar nicht so stark nachgefragt, wie man meinen könnte. Viele wollen Vollzeit, möglichst innerhalb von einem Jahr, ihren LL.M. machen“, sagte Gornik.

Neues Arbeiten bedeutet nicht nur gesteigerte Anforderungen an die Arbeitnehmer. „Die Zeiten der Heldensagen rund um das Mehr als der andere Arbeiten sind langsam am Kippen. Das gibt es vor allem unter Männern“, meinte Kühmayer. Heute laufen dem zwei Trends entgegen: „Lebensqualität ist bei den Jungen gefragt und Zeit als Bemessungsgrundlage wird immer unwichtiger.“

Was bedeutet das für den Anwaltsberuf, in dem die verrechnete Stunde so wichtig scheint? „Ganz vermeiden lässt sich das nicht. Oft sind sich die Klienten ja am Anfang gar nicht klar, welche Leistung sie eigentlich benötigen. Die meisten Anwälte sind aber insgesamt nicht sehr glücklich damit, dass sie Stundenschreiber sind“, räumte Gröller ein. „Ergebnisorientierung wird auch bei uns wichtiger. Dazu kommen Initiativen für flexibles Arbeiten. Berufsanwärter müssen sich weniger verändern als die Unternehmen.“

Flexibilität bieten statt verlangen


Nur so können sie auf Dauer die besten Nachwuchskräfte anwerben. „Die  jungen Mitarbeiter fordern ihre Work-Life-Balance ein. Ich weiß von einem Partner in einer Wirtschaftskanzlei, der in die USA gezogen ist, weil es dort für seinen Sohn bessere Möglichkeiten im Sport gibt. Er pendelt zwischen den USA und Österreich und die Klienten daheim merken davon gar nichts. Das ist durchaus möglich“, berichtete Hauer.

Auch die akademische Welt muss auf veränderte Anforderungen reagieren. „Mobiles Lernen ist eine Herausforderung für die Unis. Die Menschen fordern das, wollen ortsunabhängig lernen. Die Bildungseinrichtungen sind oft noch gar nicht so weit, um dieser Nachfrage zu entsprechen“, sagte Gornik.

Kühmayer skizzierte die konkreten Herausforderungen für die juristischen Arbeitgeber: „Strukturell müssen Kanzleien Flexibilität und Mobilität ihrer Mitarbeiter ermöglichen. Eine noch größere Herausforderung ist aber das Thema Führung. Mitarbeiter so anzuleiten und in Projekten individuell zu managen – noch haben viele Führungskräfte ein traditionelles Verständnis von Kooperation und Kommunikation, ganz im Gegenteil zu den Studenten und Absolventen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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