Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Martin Spitzer

Plädoyers für den Berufseinstieg

10.01.2012 | 12:45 |  Nikolaus Koller (DiePresse.com)

Warum Jus-Studierende sich bei einem Moot Court engagieren sollten, erklärt Martin Spitzer im "Presse"-Gespräch. Der Jurist ist Organisator des Zivilrechts-Moot-Courts am Wiener Juridicum.

Die Entscheidung ist gefallen: Die Studenten Christoph Altmann, Zeno Grabmayr und Matthias Neumayer haben die Wiener Vorausscheidung im Zivilrechts-Moot-Court für sich entschieden. Hier finden Sie die besten Bilder der Veranstaltung. Unabhängig von Sieg und Niederlage profitieren aber alle Teams von der Teilnahme, erklärt Organisator Martin Spitzer.

Die Presse: Warum sollten Studierende an einem Moot-Court-Wettbewerb teilnehmen?
Martin Spitzer: Der Moot Court stellt eine einzigartige Möglichkeit im Studium dar, über den Tellerrand hinaus zu denken. Die Studierenden erhalten einen Einblick in das reale Gerichts- und Anwaltsgeschäft.

Was können sie dabei lernen?
Sie lernen Aspekte von Fällen kennen, die wir auf der Universität so nicht nachstellen können. Sie müssen recherchieren, sich in Teams einfügen - das alles in einer Intensität, wie es sonst kaum während des Studiums vorkommt. Das stellt einerseits eine gute Vorbereitung für wissenschaftliches Arbeiten dar und schult andererseits das Teamwork. Die Studierenden können auch ihr persönliches Auftreten trainieren - wer hat schon die Möglichkeit, ein Plädoyer vor einer Senatspräsidentin des OGH zu halten? Schlussendlich knüpft man sehr wertvolle Kontakte zu zukünftigen Arbeitgebern, weil jedes Team von einer Rechtsanwaltskanzlei betreut wird.

Welche Voraussetzungen müssen die Studierenden mitbringen?
Wir richten uns an die besten Studierenden, weil ein Moot Court eine sehr zeitaufwendige Sache darstellt. Die Studierenden müssen wirklich dort teilnehmen wollen, weil sie viele Abende und Nächte über den Fällen sitzen. Wer dafür keine Begeisterung mitbringt, der ist am falschen Platz. Idealerweise sind die Teilnehmer nicht nur besonders interessiert, sondern auch juristisch begabt. Wir bieten parallel zur Lehrveranstaltung auch ein Seminarprogramm, in dem wir beispielsweise Revisionsverfahren, Rhetorik und Präsentationstechnik schulen. Formale Voraussetzung gibt es eigentlich nur eine: Die Studierenden müssen Bürgerliches Recht bereits abgelegt haben.

Wie nahe liegen diese Verhandlungen an der Realität?
Die Teams erhalten anonymisierte Originalurteile und erstellen Schriftsätze dazu. Wir sind somit 100 Prozent an der Realität! Die Verhandlung ebenso, wobei man eingestehen muss, dass Revisionsverhandlungen im Zivilrecht eher nicht üblich sind.

Es gibt ja verschiedene Arten von Moot Courts. Wie erklären Sie sich diese Popularität?
Zuerst muss ich sagen, dass ich alle angebotenen Wettbewerbe ganz ausgezeichnet finde. Egal ob Arbitration, Völkerrecht, ... alle sind besonders wertvoll für die Ausbildung. Für welchen man sich entscheidet, das hängt vom persönlichen Interesse der Studierenden ab.

Was ist das Besondere am Moot Court Zivilrecht?
Zivilrechtler neigen dazu, das Zivilrecht für das Maß aller Dinge zu halten. (lacht) Das würde allerdings jeder andere Organisator über seinen Moot Court auch sagen.

Wie würden Sie denn dann objektiv den Zivilrechts-Moot-Court beschreiben?
Wir stellen das klassische österreichische Zivilverfahren nach. Das tägliche Geschäft in einer Rechtsanwaltskanzlei im Bereich "Litigation", also Prozessführung.

Ein gutes Stichwort: Wie nutzen die Wirtschaftsanwaltskanzleien diese Wettbewerbe für sich? Diese sind ja kaum bei Gericht zu finden...
Das Zivilrecht beinhaltet ja nicht nur Scheidungs- und Erbverfahren. Unsere Fälle behandeln Dokumentenakkreditive, AGBs oder internationale Handelsgeschäfte. Das ist natürlich für Wirtschaftskanzleien interessant.

Wie nutzen sonstige Rechtsanwaltskanzleien diese Wettbewerbe für sich?
Recruiting - auf dieses Schlagwort kann man es zusammenfassen.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich hier zu engagieren?
Man kann etwas Individuelles für eine kleine, hochbegabte Gruppe von Studenten anbieten, für Leute, die sich wirklich interessieren. Für Personen in der akademischen Lehre ist der Moot Court eine der wertvolleren Veranstaltungen.

Zur Person
Martin Spitzer zeichnet für den Zivilrechts-Moot-Court am Juricidum verantwortlich. Mit 1. November 2011 hat der Wissenschafter eine Gastprofessur an der Wirtschaftsuniversität Wien für das Studienjahr 2011/2012 angetreten.

AnmeldenAnmelden
DiePresse.com