Kleine Kanzlei, große Perspektiven?
17.09.2010 | 18:41 | von Christian Lenoble (Die Presse)
„Schlägt David Goliath?“ lautete die Frage der vierten Veranstaltung des „Presse“-Formats „Kanzlei & Karriere“.
Kleine Strukturen bestimmen die heimische Branche. Laut Statistik des Rechtsanwaltskammertags arbeiten knapp zwei Drittel der Anwälte in Österreich allein, rund ein Viertel zu zweit und nur jeder achte in größeren Teams. Gemessen an der Anzahl der Partner sind 3384 von insgesamt 4161 Kanzleien quasi als Einzelunternehmen zu bezeichnen, während gerade einmal elf Sozietäten hierzulande über mehr als zehn Partner verfügen. Doch worin besteht der qualitative Unterschied zwischen klein und groß? Wo findet ein angehender Jurist die besseren Chancen, sich zu verwirklichen, und nach welchen Kriterien sollte er sich zu Karrierebeginn für die richtig dimensionierte Sozietät entscheiden? Antworten darauf lieferte die provokant formulierte Diskussion: „David schlägt Goliath? Was Großkanzleien jungen Juristen an Karriereperspektiven nicht bieten können.“
Klein mit großem Freiraum
„Size doesn't matter. Nicht auf die Größe kommt es vordergründig an, sondern darauf, dass Kanzleien Raum für Wachstum bieten. Der ist bei kleineren naturgemäß stärker gegeben“, meint Ernst Brandl, Gründer und Partner von Brandl & Talos Rechtsanwälte. Wichtig sei es für junge Juristen, einen Platz zu finden, an dem sie sich selbst entfalten und eigene Rechtsgebiete entwickeln können, anstatt „in einer unüberschaubar großen Gruppe der siebzehnte Zwerg von rechts zu sein“. „Der große Vorteil kleinerer Kanzleien liegt im engen Kontakt zwischen Partnern und Konzipienten. Dazwischen klafft keine Lücke, die junge Juristen daran hindern könnte, mitzugestalten“, stößt Stefan Eder ins selbe Horn. Erst vor Kurzem hat sich Eder mit einigen Kollegen von der internationalen Wirtschaftskanzlei DLA Piper (3500 Anwälte in weltweit 69 Büros) verabschiedet und mit fünf Partnern die kleine Sozietät Benn-Ibler Rechtsanwälte gegründet. Die Probleme der großen Kanzleien wie etwa die Verkrustung der Strukturen im Rahmen der „Corporation“ sind ihm nur allzu gut in Erinnerung: „Die Unternehmenskultur der Goliaths treibt Anwälte in einen Angestelltenbereich ohne große Chancen auf Mitbestimmung.“ In Kleinkanzleien könne man sich hingegen das Gefühl von „mittendrin statt nur dabei“ noch bewahren. Dort ist es noch möglich, wesentliche Entscheidungen zu treffen, indem man sich gemeinsam an einen Tisch setzt.
Auf kleine wie große Erfahrungen kann auch Hanns F. Hügel verweisen, der aus der lokal tätigen Kanzlei „Hügel & Partner Rechtsanwälte“ einen europäischen Verbund geformt hat: „Eines der Motive für unsere Expansion war die Annahme, dass wir dadurch attraktiver für den Nachwuchs würden. Als ein von mir sehr geschätzter junger Kollege im Zuge der Erweiterung absprang, begründete er dies damit, nicht in einer Kanzlei arbeiten zu wollen, in der er nicht das Gefühl habe, dass ein Teil davon ihm gehöre. Das gab mir zu denken.“ Laut Hügel birgt Vergrößerung vor allem Gefahren in Bezug auf die Perspektiven von Konzipienten und Junganwälten: „Strukturen sind schwerer zu bewegen und die Möglichkeiten der Einflussnahme sinken.“ Ein Befund, den die Personalberaterin Susanne Hochwarter, Gründerin und Geschäftsführerin bei lawyers & more, executive search & consulting, nur teilen kann: „In kleinen Kanzleien hat man es tendenziell mehr in der Hand, sein eigener Herr zu bleiben.“
Groß und dennoch kleinteilig
Naturgemäß anders wird die Situation von Vertretern großer Sozietäten beleuchtet: „Wir sind Dienstleister und stellen die persönliche Beziehung zu den Klienten in den Vordergrund. Dabei kann jeder Anwalt in der ersten Reihe stehen und wird nicht zum ,siebzehnten Zwerg‘ degradiert“, sagt Konrad Gröller, mit 32 Jahren bereits Partner beim international mit rund 2400 Anwälten besetzten Branchengoliath Freshfields Bruckhaus Deringer LLP. Schließlich biete in Wahrheit auch eine Großkanzlei kleinteilige Strukturen mit zahlenmäßig überschaubaren Teams, innerhalb derer man nicht droht, in der Masse unterzugehen. Zudem würden Großkanzleien viel eher als Karriere-(Ab-)Sprungbrett in Richtung anderer Unternehmen oder selbst Branchen dienen; ein wichtiger Pluspunkt gerade in schnelllebigen Zeiten, in denen junge Leute in immer kürzeren Abständen Ausschau nach Neuem halten.
„Was in Wahrheit zählt ist die Arbeitsteiligkeit. In Großkanzleien bieten sich wunderbare Chancen für Spezialisierungen und klientenorientiertes Teamwork“, ist auch Christoph Lindinger überzeugt, Managing Partner von Schönherr Rechtsanwälte, die mit einem Headcount von 303 Rechtsanwälten als eine der größten CEE-Rechtsanwaltskanzleien mit österreichischen Wurzeln gilt.
Ohne Fleiß kein Preis
Zwar bestehe die Gefahr der Corporation, dem könne aber entgegengewirkt werden: „Es ist als Managing-Partner sehr wichtig, die Vorbildfunktion zu leben, präsent zu sein und zu zeigen, dass man sich nicht nur in abgehobener Manier um die ,großen‘ Aufgaben von Management und Acquirement kümmert“, so Lindinger. Verständnis zeigen die Experten für die Unsicherheit der Jus-Studierenden, wo und nach welchen Kriterien sie ihre Karriere starten sollen. „Mit 25 Jahren wissen viele nicht genau, was sie wollen oder was sie erwartet. Nicht hilfreich ist es dabei, wenn Kanzleien Bilder von schnellem Erfolg und glanzvollen Deals schüren, die de facto nur einer sehr kleinen Minderheit vorbehalten sind“, sagt Susanne Hochwarter. Das Klischee vom großen Geld in großen Sozietäten sei zudem verstaubt. Die Höhe des Gehalts hänge weniger von der Kanzleigröße, sondern eher vom Fachgebiet, vom eigenem Talent und der individuellen Einsatz- wie Leistungsbereitschaft ab. „Studierende sollten sich unbedingt an der Perspektive und an den langfristigen Möglichkeiten orientieren“, so Brandl.
Unterstützt wird die Veranstaltung von Brandl & Talos Rechtsanwälte, CHSH – Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati, Freshfields Bruckhaus Deringer, lawyers & more, Manz
Verlag sowie Wolf Theiss. Der Videonachbericht (zu sehen unter www.diepresse.com/karriere/juristen) wurde mit Unterstützung von EDV2000 realisiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)

Kanzlei und Karriere 9.5.2012: Kanzlei und Karriere 9.5.2012










