Karriereturbo LL.M., MBA und Co.?
17.06.2010 | 15:36 | Christian Lenoble (DiePresse.com)
Zahlen sich Postgraduates aus? Eine Expertenrunde gab im Rahmen der "Kanzlei & Karriere"-Reihe ebenso präzise wie persönliche Antworten zu einem topaktuellen Themenfeld.
Von LL.M. (Master of Laws) und MBA (Master of Business Administration) über M. A. (Master of Arts) bis hin zu M.Sc. (Master of Science) – was sich nach einer Textzeile aus dem Song „Mfg“ der Fantastischen Vier anhört, steht eigentlich für den Boom an postgradualen Masterausbildungen, der kaum Grenzen zu kennen scheint. Allein in Österreich explodierte die Zahl der Masterstudiengänge in den letzten zehn Jahren von fünf auf 500, jene der Studierenden von null auf 20.000. Ein Massenphänomen,das Anlass zu einer Reihe von Unsicherheitenund Fragen gibt. Was bringen insbesondereinternational erworbene Postgraduate-Titel (PG) tatsächlichauf dem Arbeitsmarkt? Welche akademischen Spezialisierungen sollten angehende Juristen wählen? Welche Kriterien sind bei der Auswahl der Universität entscheidend? Wie können die Studien finanziert werden? Und wie lassen sich postgraduale Ausbildungen im Ausland mit einem Familienleben vereinen? Fragen, die in der dritten Veranstaltung der „Presse“-Serie „Kanzlei & Karriere“ von einer prominent besetzten Expertenrunde beantwortet wurden. Schönste Zeit des Lebens „Wäre ich nicht den Ausbildungsweg ins Ausland gegangen, hätte ich mir niemals so ein tiefes betriebswirtschaftliches Know-how aneignen können, hätte nicht so viele spannende Leute kennengelernt, wäre nicht dermaßen stressresistent geworden und wäre wohl kein Unternehmer geworden.“ Für Ernst Brandl, Gründer und Partner von Brandl & Talos Rechtsanwälte, scheint der Wert seiner beiden Postgraduate-Ausbildungen (LL.M. in Chicago, MBA in Harvard) unmissverständlich klar festzustehen.
Georg Kasperkovitz, Partner von McKinsey & Company
Der zweite Harvard-Alumnus in der Expertenrunde, Georg Kasperkovitz, Partner von McKinsey & Company, schwärmt noch heute von der Studienphase in den USA. „Die Jahre an der Harvard Business School waren die absolut beste Zeit meines Lebens. Ich habe meine Kompetenzen vertieft, ein Netzwerk aus internationalen Freunden aufgebaut, das ich bis heute pflege, und ich konnte in der Folge aus zahlreichen sehr interessanten Jobangeboten im In- und Ausland wählen.“ Auch für die Juristin Ursula Kriebaum, außerordentliche Professorin an der Universität Wien, steht die Sinnhaftigkeit ihrer Bildungserfahrung im Ausland außer Frage: „Ich wäre wohl sonst nur schwerlich in meiner Position am Institut für Europarecht, Internationales Recht und Rechtsvergleichung gelandet.“ Neben der Erweiterung des fachlichen Wissens hebt Kriebaum speziell die Bedeutung der im Ausland erworbenen Sprachkompetenz hervor.
Ursula Kriebaum, Institut für Europarecht, Internationales Recht und Rechtsvergleichung, Abteilung für Völkerrecht und Internationale Beziehungen, Universität Wien
Karriereturbo Postgraduates?
Sind postgraduale Titel demnach unumgängliche und unverzichtbare Karriereturbos, insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten?
Susanne Hochwarter, Gründerin und Geschäftsführerin von lawyers & more executive search & consulting
Susanne Hochwarter, Gründerin und Geschäftsführerin von lawyers & more, executive search & consulting, warnt vor voreiliger Euphorie. „Es stimmt, dass viele Studierende und Jungakademiker Zeiten der Ebbe am Arbeitsmarkt sinnvoll nutzen können, indem sie sich fortbilden. Ob das allerdings unbedingt in postgradualer Art und Weise sein muss, bezweifle ich“, so die Personalistin, die es als wichtig erachtet, vor einer Weiterbildungsphase Berufserfahrung zu sammeln. „Viele machen einen MBA oder LL.M., ohne jemals eine Kanzlei von innen gesehen zu haben. Das ist meiner Meinung nach wenig sinnvoll“, weiß Hochwarter aus Erfahrung. Zudem gelte es, nicht gedankenlos irgendeinen PG zu wählen, ohne vorab klare Antworten auf die Fragen zu haben: Kenne ich meine beruflichen Ziele? Wohin möchte ich gehen? Nur die Besten sind gut genug Dass der Wahl der richtigen Ausbildungsstätte besondere Bedeutung zukommt, betont Ernst Brandl: „Ich war kürzlich beim 15-Jahr-Abschlussjubiläum in Boston und habe festgestellt, dass 80 Prozent der vortragenden Professoren unter anderem als Berater von aktuellen oder ehemaligen US-Präsidenten oder als Berater im Kongress und Repräsentantenhaus tätig sind. Eine Ansammlung an brillanten Geistern, von denen man erfährt, was hierzulande erst eine Woche später in der Zeitung steht.“
Ernst Brandl, Gründer und Partner von Brandl & Talos Rechtsanwälte
Brandls folgerichtiger Tipp an alle Bildungswilligen: „Suchen Sie sich nur das Beste aus. Die besten Universitäten mit den rigorosesten Aufnahmeverfahren, die besten Lehrer und die besten Kollegen. Sie werden davon enorm profitieren, vor allem was die am Arbeitsmarkt unerlässlichen Eigenschaften Stressresistenz, Flexibilität, überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft und perfekte Fremdsprachenkenntnis betrifft.“ Bedeutung der Faculty Eine Meinung, die von Georg Kasperkovitz und Ursula Kriebaum geteilt wird: „Die Auswahl der richtigen Faculty beschert die nachhaltigsten Erlebnisse und zukunftsträchtigsten Netzwerke.“ Auch in der Wirtschaft geforderte Soft Skills wie Teamfähigkeit und soziales Know-how ließen sich in internationalen Kaderschmieden speziell trainieren. Welche der Top-Business- Schools schließlich gewählt wird, sei dabei laut Kriebaum „vielleicht weniger entscheidend als die Suche nach den besten Lehrenden, nach jenen, die nicht nur renommiert sind, sondern die in ihrem Selbstverständnis als Dienstleister immer verfügbar sind und Tag und Nacht ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Studierenden haben“. Gerade Letzteres wird von den Experten als Besonderheit ausländischer Top-Schools gesehen. Bei der Frage nach der Art der akademischen Spezialisierung rät Kasperkovitz nach Komplementärem zur Basisausbildung: „Für Juristen ist es sehr interessant, zum Beispiel einen MBA oder auch einen technischen M.Sc.-Titel zu erwerben. Das erweitert den Horizont, öffnet Jobalternativen und steigert das Karrierepotenzial.“ Geld, Freude und Familie Dass angesehene postgraduale Weiterbildungen im Ausland nur einer finanziell gut gestellten Elite vorbehalten sind, hält Kasperkovitz für einen Mythos: „Gerade Top Unis wie Harvard bieten allen aufgenommenen Studenten eine sehr günstige Kreditfinanzierung des offiziellen Budgets inklusive Versicherung und Lebenskosten. Zudem besteht die Möglichkeit, sich vom Arbeitgeber unterstützen zu lassen.“ Langfristig betrachtet rechne sich die Investition in die Ausbildung ohnehin, auch wenn, so Susanne Hochwarter „es der falsche Ansatz ist, einen PG mit der einzigen Motivation anzugehen, später viel Geld verdienen zu wollen“. Vielmehr sollte der Fokus auf den Faktoren Interesse, Spaß und Defizitkompensation liegen.
Mit der Familie vereinbar?
Aufmunternde Worte fanden die Experten schließlich auch für jene, die Probleme bei der Vereinbarkeit von PG im Ausland und Familie vermuten. „Ich sehe da keinerlei Ausschließungsgründe und weiß, wovon ich spreche. Ich bin mit meiner Freundin nach Amerika gegangen und dort Vater von Zwillingen geworden“, so Ernst Brandl. Eine Erfahrung, die er als unbezahlbaren Kurs in Sachen Stressresistenz nur weiterempfehlen kann.

Kanzlei und Karriere 9.5.2012: Kanzlei und Karriere 9.5.2012










