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Juristen: Der generalisierte Spezialist

15.11.2012 | 11:42 | Jürgen Leidinger (Die Presse)

Studenten sollten sich nicht zu früh auf einen bestimmten Bereich spezialisieren. Im Berufsleben sind Experten aber gefragter denn je – ihr Know-how lernen sie meist im Job.

Traditionell beginnen junge Juristen mit einer sehr breiten, generellen Ausbildung. Gleichzeitig wird Expertentum im Berufsleben immer wichtiger. „Wieviel Spezialisierung brauche ich?“  war das Thema der „Presse“-Veranstaltung „Kanzlei & Karriere“  für Juristen am Mittwoch im Wiener Palais Coburg. Das Event markierte das Ende der bereits dritten Jahresstaffel dieses Formats.

Wie gewohnt diskutierte ein branchenübergreifendes Podium, diesmal besetzt mit Tobias Birsak, Jus-Student am Juridicum und Präsident von ELSA Austria, Wolfgang Elsik, Vorstand des Instituts für Personalmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien, Raoul Hoffer, Partner bei Binder Grösswang Rechtsanwälte, Alexander Krause, Leiter der Rechtsabteilung bei Andritz, sowie Hannah Whitney-Steele, Human Resources Business Partner für die Regionen DACH & Nordics bei Google.

Der Suchmaschinenriese schneidet in Arbeitgeber-Rankings regelmäßig hervorragend ab und gilt als innovatives Unternehmen auch im Bereich des Personalmanagements. Dementsprechend wollten die Diskutanten zunächst wissen, welche Qualifikationen denn bei Google gefragt sind: „Was wir suchen, sind Generalisten und Leute, die sich schnell in eine Sache einarbeiten können, die aber auch Entscheidungen treffen und handeln“, sagte Frau Whitney-Steele – und in Bezug auf die mutmaßlich lässige Atmosphäre in den Google-Büros: „Wir wollen fördern, dass die Leute kollaborativ arbeiten und sich austauschen. Das ist der Hintergrund der viel zitierten Tischfußballtische.“ 

Ganz soweit entfernt ist die Welt der Anwaltskanzleien davon wohl auch nicht: „Wuzzler und Billardtsiche habe ich auch schon bei Praktika in Kanzleien gesehen“, meinte Student Birsak. „Wenn man in einer großen Sozietät Karriere machen will, muss man sich spezialisieren. Trotzdem möchte ich später als Spezialist gerne in einem Team mit anderen Experten zusammenarbeiten und nicht rein auf meinen eigenen Bereich reduziert bleiben.“

Wieviel Spezialisierung herrscht heute in Studium und Ausbildung abseits des juristischen Bereichs? „Wenn man bei Studienbeginn beispielsweise schon weiß, man möchte einmal Steuerberater werden, ist man mit Studienabschluss im Vergleich zu anderen sicher schon recht spezialisisert. Es liegt natürlich stark am Berufsfeld“, erklärte der Personalmanagement-Professor. „Wenn man nach Öl bohren möchte, wird in Österreich die Montanuni Leoben unumgänglich sein. Andere Arbeitgeber wiederum suchen vielleicht nur nach Absolventen eines Studiums, ohne von vornherein darauf einzugehen welches.“ 

Druck zum Expertentum

In eine Kanzlei treten Konzipienten meist ohne große Vorab-Spezialisiserungen ein. Im Laufe ihrer Karriere werden sie aber einem gewissen Druck hin zum Expertentum begegnen. „Heute ist der Spezialisierungsgrad in Großkanzleien sicher weit vorangeschritten“, sagt Anwalt Hoffer. „Wenn ein Kunde anruft, möchte er schnell Antworten auf Spezialfragen und um die liefern zu können, muss ich gewisse Grundlagen schon sehr gut können.“ 

Traditionell gelten Unternehmensjuristen eher als Generalisten. „Man könnte sagen, die Rechtsanwälte sind für die Spezialfragen zuständig und Unternehmensjuristen für das Allgemeine“, so Rechtsabteilungsleiter Krause. „Das ist aber ein sehr schablonenhaftes Denken. In der Kanzlei müssen verschiedene Bereiche miteinander kooperieren. Bei uns wiederum gibt es beispielsweise viele große Anlagenbauprojekte. Da müssen einem bestimmte Rechtsfragen schon sehr geläufig sein.“

Google mit seiner immensen Zahl an Produkten beschäftigt natürlich auch viele Spezialisten. Aber wie spezialisiert man sich – und auf welchem Gebiet? Hannah Whitney-Steele: „Bei uns wird viel Wert auf Eigenverantwortung gelegt. Man muss seine Talente und Stärken kennen und entwickeln. Für die Spezialisierungen gibt es dann ein ganzes Paket an Maßnahmen: ,on the job', also in einem Projekt, durch Mentoren, internationale Rotation und natürlich sehr viele formale Trainings und Weiterbildungsmaßnahmen.“

In der großen Sozietät wird das Know-how junger Generalisten klar auf bestimmte Bereiche zugeschnitten. „Wir suchen keine Spezialisten, sondern machen Spezialisten. Wer zu uns kommt, hat typischerweise eine allgemeine juristische Ausbildung und das finde ich auch ganz gut so“, sagte Hoffer. „Als Generalist kennt man sich mit den verschiedenen juristischen Tools gut aus, die man in der Spezialisierung braucht.“ 

Frage nach dem Spezialgebiet 

Birsak brachte die Studentenperspektive ein: „Die Uni erzieht zu Generalisten, das ist sicher richtig. Man könnte sich bis zu einem gewissen Grad spezialisiseren, aber weiß ja noch gar nicht, worauf man sich spezialisieren soll. Die Teams in Großkanzleien haben beispielsweise oft ganz andere Namen als die dazu passenden Lehrveranstaltungen an den Unis.“

Früher ist nicht immer besser. Alle Diskutanten empfahlen, sich zunächst umfassend ausbilden zu lassen. „Ich finde wichtig, sich nicht zu früh zu spezialisieren, warnte Krause. „Die Spezialisierung kommt mit der Neigung und dem Talent, aber auch mit den Anforderungen, die im Berufsleben an einen gestellt werden. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem intelligenten Bewerber und einem Bewerber mit einer starken Spezialisierung, nehme ich den intelligenten.“

Wer im Laufe der Zeit zum Spezialisten gereift ist, sieht sich einer ganz neuen Situation gegenüber. „Aus Sicht des Einzelnen ist Spezialisierung Chance und Risiko zugleich“, meinte Elsik. „Eine Spezialqualifikation, die selten ist und gut nachgefragt wird, birgt natürlich eine Menge Möglichkeiten. Man ist aber nur beschränkt einsetzbar. Eine Großkanzlei ist da ein gutes Beispiel: Derartige Spezialisiserungen wie außerhalb dieses Soziotops sind anderswo kaum möglich.“  


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