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Interview Google harte Arbeit

Google: Harte Arbeit zwischen Flipper, Kantine und Couch

01.03.2012 | 12:54 |  Nikolaus Koller & Andrea Lehky (Die Presse)

Frank Kohl-Boas ist Head of Human Resources D/A/CH & Nordics bei Google, wo er für sieben Länder und elf Büros verantwortlich ist. Sein großes Thema ist der Umgang mit Veränderung.

Die Presse: Besitzen Sie als Google Manager einen Facebook Account?
Frank Kohl-Boas:
Nein. Für meine Belange reichen Google+ und XING. Mein privates Netzwerk pflege ich lieber persönlich. Als Personaler muss man natürlich wissen, wir wichtig soziale Netzwerke sind. Man kann aber streiten, ob wirklich alles relevant ist.

Sehen Sie Social Media als Hype, als temporäre Erscheinung?
Ich denke, sie sind gekommen, um zu bleiben. Social Media sind ein zusätzlicher Kanal, über den Menschen miteinander kommunizieren und Informationen austauschen. Ich selbst wünsche mir mehr persönliche Begegnung – und richtige Weihnachtskarten.

Kommen wir zu Google als Arbeitgeber. Sie waren davor bei großen Konzernen wie Coca Cola und Unilever. Warum haben Sie gewechselt?
Mein Coca Cola-Assignment in Australien ging dem Ende zu und wir haben zu Hause lange diskutiert, ob wir wieder nach Deutschland zurückkehren. Ich dachte, es wird schwierig, von Sydney aus eine adäquate Position zu finden. Ich habe das gegoogelt und bin dabei auf meine heutige Position gestoßen – eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.

Man hört bemerkenswerte Dinge über Google als Employer Brand – freie Freitage, tolles Essen…
In Europa arbeiten wir auch freitags. Zwischen 15 und 16 Uhr sitzen wir eine Stunde zusammen und lassen die Woche ausklingen…Stimmt, das Essen ist wirklich gut, aber danach sucht man sich seinen Job nicht aus. Andererseits verzichten wir aus ökologischen Gründen auf Statusmerkmale wie Dienstautos. Dafür liegen alle Büros direkt an einer U-Bahn.
Wir betrachten Mitarbeiter nicht als Kosten, sondern als Investment. Ein Büro ist ein Ort der Begegnung, wo man Informationen austauscht, gemeinsam kreativ ist. Es ist nicht mehr ein Schreibtisch - den hat man zu Hause auch. Daher sind Google Büros bewusst kreativ gestaltet. Innovation ist nicht Aufgabe einer Abteilung, sondern des ganzen Unternehmens. Auch der Personalabteilung! (lacht)

Erklären Sie die Google Employer Brand mit einem Satz!
Google bietet Leuten mit Passion und dem Wunsch, Dinge zu bewirken und zu verändern, ein ideales Umfeld.
Was tun Sie, um die Arbeitgebermarke zu stärken?
Wir waren nie ein Unternehmen, das auf die Marke gesetzt hat. Uns sind die Produkte wichtiger. Die Mitarbeiter sind unsere Ambassadore.

„Personal Fit“ ist oft das wichtigste Einstellungskriterium. Wann hat jemand den richtigen „Fit“ für Google?

Sie haben Recht, wir rekrutieren konsensbasiert - jeder, der den Bewerber interviewt hat, muss der Aufnahme zustimmen.
Ein Mitarbeiter muss Wandel wollen oder ihm zumindest gelassen gegenüberstehen. Er muss wissen, was er heute macht, kann in zwei, drei Jahren schon ganz anders sein. Außerdem muss er die Kundensegmente und vertikalen Industrien verstehen und beraten können. Das erfordert Wissen und Einfühlungsvermögen.
Wenn man sich Google-Videos anschaut, sieht man lauter entspannte Leute, die am Flipperautomat stehen – was Sie hingegen skizzieren, lässt auf viel Einsatz schließen…
Die Mitarbeiter sind bei uns, weil sie Ziele verwirklichen wollen. Das geht nur mit harter Arbeit. Allerdings verzichten wir dafür auf Stechuhren.  

Wie kreativ darf oder muss man bei Google sein?
Man muss groß denken können. Was wir im deutschen Sprachraum gern als „amerikanisch-verträumt“ empfinden, ist oft visionär. Deswegen sind im Silicon Valley so viele visionär-gleichgesinnte Unternehmen angesiedelt.  
Wir haben unheimlich viel Vertrauen in die Mitarbeiter, sind unheimlich offen zu ihnen. Daraus leiten wir aber auch die moralische Verpflichtung ab, dem Wertschätzung entgegenzubringen. Daraus wächst die Bereitschaft, Ideen zu teilen statt sie für sich zu behalten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – wie viel Kontrolle ist notwendig?
Menschen sind intelligent. Wenn man sie kontrolliert, fordert man sie geradezu heraus, die Kontrollen zu umgehen, weil sie zeigen wollen, dass sie klüger sind.
Stichwort Work-Life-Balance – was halten Sie davon?
Das ist schwierig zu beantworten, weil Arbeit und Privatleben aufgrund der technologischen Machbarkeit immer mehr verschwimmen. Wir haben die Freiheit, um 15 Uhr unsere Kinder abzuholen und uns um 20 Uhr wieder einzuloggen. Jeder muss selbst auf seine Balance achten. HR hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht verbrennen.

Wie macht man bei Google Karriere?
Das hängt von Ihrem Karrierebegriff ab. Wenn jemand viel erfahren will, können wir ihm eine Karriere bieten. Wenn er schnell einen Titel, eine Karrierestufe oder einen Dienstwagen will, ist er bei uns falsch beraten.

Wie viele Bewerber hatte Google im letzten Jahr?

Weltweit mehr als zwei Millionen im Jahr. 2010 haben wir unsere Mannschaft um 4500 Leute vergrößert, 2011 um mehr als 7000. Alle Stellen sind auf unserer Website gepostet. Man kann sich direkt bewerben.

Gibt es eine Nachfolgeplanung?
Wir befördern nach Verhalten, Potenzial und Performance…

…also klassisch…
…klassisch wäre nach Position. Das ist bei uns nicht der Fall.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 3.3.2012)

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