„Quoten funktionieren nur teilweise“
22.02.2013 | 10:40 | Nikolaus Koller (Die Presse)
Menschen mit Behinderung. Barbara Murray, Beschäftigungsexpertin bei der UN-Organisation ILO, über Ängste, Strafen und was Österreich von Frankreich lernen könnte.
In der EU leben etwa 50 Millionen Menschen mit Behinderung im erwerbsfähigen Alter: Von diesen ist nicht einmal die Hälfte im Erwerbsleben tätig. Zum Vergleich: Die europäische Beschäftigungsquote von Menschen ohne Behinderung liegt bei über 72 Prozent.
„Einige EU-Länder haben Nachholbedarf“, sagt Barbara Murray. Quoten, wie sie auch in Österreich eingesetzt werden, lösen das Problem nur zum Teil, meint die auf diesen Bereich spezialisierte Expertin der International Labour Organisation (ILO; Internationale Arbeitsorganisation der UNO), die letzte Woche bei der Zero Project Conference (siehe auch Info-Box) in Wien war.
Die Presse: Laut dem „Zero Project Report“, in dem 55 Länder analysiert wurden, ist die EU schon recht gut, was dieses Thema betrifft.
Barbara Murray: Ich würde das nicht generalisieren. Einige europäische Länder sind noch nicht so gut aufgestellt.
Welche?
Ich kann niemanden konkret nennen. Aber es sind einige mit einem althergebrachten Verständnis, wo man noch immer glaubt, für diese Menschen möglichst geschützte Bereiche zu finden. Sehr weit sind hingegen Kanada oder die USA.
Und Österreich?
Ich kenne die Situation hier nicht im Detail. Ich weiß, dass Sie hier stark durch das Quotensystem beeinflusst sind.
Viele heimische Arbeitgeber zahlen lieber die Strafe, als einen Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen.
Das ist überall das Problem. Quotenregelungen funktionieren nur teilweise. In Frankreich ist es beispielsweise so, dass Sie sich als Arbeitgeber nicht nur zwischen Beschäftigung oder Strafe entscheiden können. Der Arbeitgeber muss neben der Strafe auch noch etwas zusätzlich leisten.
Was zum Beispiel?
Sie werden zum On-the-Job-Training von Menschen mit Behinderung verpflichtet. Oder dazu, eine Lehrstelle für Menschen mit Behinderung anzubieten. Andere müssen sich verpflichten, Firmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, als Lieferanten zu beauftragen. Es geht darum, die Arbeitgeber zu involvieren. Österreich könnte mehr solche Optionen für Arbeitgeber einführen.
Quoten funktionieren in diesem Bereich also nicht wirklich?
Das ist ein sehr kontroversielles Thema. Die Gegner argumentieren, dass die Einführung von Quoten in den Vereinigten Staaten im letzten Jahrhundert laut Daten der Organisation ADA (Anm.: Americans with Disabilities Act) nur zu einem einprozentigen Anstieg der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung geführt hat.
Müssen Arbeitgeber mit Abwehrreaktionen von anderen Mitarbeitern rechnen, wenn sie erstmals einen Menschen mit Behinderung anstellen?
Ja, mit Ängsten muss man rechnen. In diesen Fällen muss man externe Personen dazuholen. Jemand muss da sein, um die Fragen der Belegschaft zu beantworten.
Welche Vorteile bringt es, hier jemand Externen einzubauen?
Normalerweise entwickelt man zuerst die Fähigkeiten, und dann kommt die Person in den Job. Menschen mit Behinderungen können oft nicht ihre Fähigkeiten auf neue Anforderungen übertragen. Vor allem bei geistiger Behinderung. Daher kommt vor allem in den Vereinigten Staaten ein externer Job-Coach ins Unternehmen, der das mit den Menschen übt.
Warum setzen Firmen Mitarbeiter mit Behinderungen ein?
Das hat unterschiedliche Gründe. Diese Menschen und ihre Familien sind auch ein großer Markt. Nehmen Sie Banken als Beispiel: Wenn deren Bankomaten und Filialen zugänglich werden, bekommen sie auch Zugang zu diesen Kundengruppen. Andere Unternehmen machen es aus Corporate-Social-Responsibility-Gründen.
Finden Sie das gut?
Ja, warum nicht? Das Ziel ist, dass diese Menschen einen Job bekommen. Es geht darum, alles zu tun, was der Sache hilft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)












