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Meistertitel drei Tagen

Ein Meistertitel in drei Tagen

07.02.2013 | 18:34 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Kaffeekultur. Die Illy Università del Caffè eröffnet eine Zweigstelle in Wien. Und gibt Einblick in eine Konzernstrategie, in der schnelle Gewinne keine Rolle spielen. Die Dynastie denkt in Generationen.

So einen Großvater hätte man gern: Francesco Illy, gelernter Buchhalter und ausgewiesener Gourmet, startete 1933 in Triest mit einer Kaffeerösterei. Das Geschäft mit den braunen Bohnen blühte rasch auf und überstand auch die Kriegswirren weitgehend unbeschadet. Sein Sohn Ernesto übernahm nach Kriegsende, baute ein Forschungslabor und entwickelte es zu einer Patent- und Innovationsschmiede, immer getrieben von dem Vorsatz, nicht weniger als „den besten Kaffee der Welt“ herzustellen.

Vor allem jedoch richtete er den Familienbetrieb für kommende Generationen aus. Wenn einmal der Markt für Premiumkaffee gesättigt ist, was dann? Ins mittlere Qualitätssegment hinabsteigen oder der Spitzenstrategie treu bleiben und in andere Produktbereiche diversifizieren? Die Entscheidung war eindeutig: Stets in der Premiumklasse wurden unterschiedliche Genussmittel (Tee, Schokolade, Wein, Konfitüre und Eis) unter unterschiedlichen Nobelmarkennamen etabliert. Ihre gemeinsame Klammer bildet der Vertrieb in der gehobenen Hotellerie, Gastronomie und im Markenhandel. Der Dynastiename Illy blieb dem Kaffee reserviert.

Inzwischen hat die nächste Generation das Ruder übernommen. Francesco jun., Riccardo, Anna und Andrea zeichnen für 800 Mitarbeiter und 342 Millionen Euro Konzernumsatz verantwortlich. Herzstück bleibt der Kaffee: Sechs Millionen Tassen Illy werden weltweit täglich getrunken. In 140 Ländern auf allen fünf Kontinenten wird er vertrieben und weltweit in 100.000 Lokalen angeboten. Keine Sortendiversifikation, sondern eine einzige, hochwertige Mischung aus neun Sorten reiner Arabicabohnen. Erklärtes Ziel: die hohe Kultur des Kaffees in die Welt zu tragen.

Universität als Multiplikator

Weil Wissensvermittlung ein Wettbewerbsvorteil von strategischer Bedeutung ist, wird im Jahr 2000 in Triest die Università del Caffè gegründet. Inzwischen hat sie 24 Außenstellen von Brasilien bis Malaysia. Dort lernt der wissbegierige Barrista, welches Wasser er verwendet, wie er die Bohnen richtig mahlt und wie er den „vollkommenen Espresso“ zubereitet. In zwölf Jahren wurden 85.000 Menschen durchgeschleust, davon allein 21.000 im Jahr 2011. Seit dieser Woche hat auch Österreich eine Zweigstelle der Università del Caffè: Am Donnerstag wurde sie am Wiener Firmenstandort feierlich eröffnet.

Das weltweite Angebot richtet sich an Kaffeebauern (wovon in Österreich wohl nur wenige zu finden sind), an Gastronomen, Lokal- und Barbesitzer und an Endverbraucher. An sie wird der gesamte Wissensschatz von umweltgerechtem Anbau bis zur perfekten Zubereitung weitergegeben. Je nach Vorkenntnissen dauern die Kurse von einem halben Tag (um wohlfeile 48 Euro zzgl. MwSt.) bis zu drei Tageseinheiten (3 x 189 Euro netto). Dieser schließt dann mit dem schönen Titel „Maestro dell' Espresso“ ab. 

Wer einen richtigen Mastertitel will, muss nach Triest gehen. Dort wird gemeinsam mit der University of Cambridge der mehrsemestrige Studiengang „Masters in Coffee, Economics und Science“ abgehalten. Der Hochschulmaster II. Grades richtet sich an Akademiker und bietet tiefgreifende interdisziplinäre Kenntnisse im Kaffee- und Nahrungsmittelbereich. Um auch jungen Menschen aus Entwicklungsländern den Masterabschluss zu ermöglichen, schreibt die familieneigene Ernesto-Illy-Stiftung jährlich sechs Stipendien aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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