Arbeitende Pensionisten in Deutschland verändern Arbeitsmarkt kaum
14.08.2012 | 10:53 | (DiePresse.com)
Die Otto Group hat angekündigt, Pensionisten zurück in den Betrieb zu holen. Seither tobt im Nachbarland die Debatte rund um das Thema.
Hamburgs DGB-Chef Uwe Grund war wenig erfreut, als die Otto Group vor einigen Wochen verkündete, dass sie Pensionisten zurück in den Betrieb holen will. "Opa arbeitet, die Tochter ist in befristeter Leiharbeit und der Enkel wird nach der Ausbildung nicht übernommen", grummelte der Gewerkschafter. Ähnlich sieht es Uwe Polkaehn, der DGB-Vorsitzende für drei Nord-Länder: "Die Jungen gucken immer öfter in die Röhre und immer mehr Rentner müssen arbeiten, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht."
Bevölkerungsentwicklung und Arbeitswelt sind Dauerbrenner in der öffentlichen Diskussion, von der Pension mit 67 bis zu den jüngsten Vorschlägen für eine Art Kombi-Pension von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Denn die Arbeitnehmer in Deutschland werden älter und sie werden weniger. Das ist unumstritten. Von 1991 bis 2010 ist die erwerbsfähige Bevölkerung (15- bis 64-Jährige) um 1,2 Millionen Menschen zurückgegangen. Gleichzeitig verringerte sich der Anteil der unter 40-Jährigen an den Arbeitenden von 56,5 auf 42,1 Prozent. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. In etlichen Branchen und Regionen haben die Unternehmen mittlerweile Schwierigkeiten, junge und qualifizierte Fachkräfte zu finden. Auszubildende werden knapp.
Die Politik hat reagiert, indem sie Anreize zur Altersteilzeit und Frühverrentung gestrichen hat und das Pensionsalter stufenweise heraufsetzt. In den Unternehmen setzt sich gerade die Erkenntnis durch, dass ältere Arbeitnehmer durch Qualifizierung und geeignete Arbeitsaufgaben länger gesund im Betrieb gehalten werden müssen. Den Gewerkschaften geht das zu schleppend. "Die Unternehmen tun viel zu wenig, um altersgerechtes Arbeiten zu ermöglichen", sagt Detlef Wetzel, zweiter Vorsitzender der IG Metall. Es gebe auch keinen Trend, dass Unternehmen verstärkt nach älteren Arbeitnehmern suchen. Tatsächlich haben es Ältere schwer, wenn sie arbeitslos werden. Gleichwohl ist der Anteil der Arbeitnehmer über 55 Jahren in den vergangenen 20 Jahren von 9,6 auf 15,2 Prozent gestiegen.
Die Mobilisierung von Pensionisten ist in dieser Situation nur ein Mosaiksteinchen. "Die Pensionäre sollen im Rahmen eines befristeten Vertrags kurzfristig Lücken im Arbeitsprozess schließen, die nicht mit vorhandenen Mitarbeitern gelöst werden können", sagt Otto-Personalchefin Sandra Widmaier. Dabei richtet sich das Angebot vor allem an Fach- und Führungskräfte, also zum Beispiel ehemalige Manager oder IT-Spezialisten. Die Packerin in der Otto-Logistik oder der Lkw-Fahrer sind weniger gemeint. Und die Pensionisten werden auf Basis ihres letzten Gehalts bezahlt, plus Lohnsteigerungen seitdem. Sie sind also keineswegs günstige Arbeitskräfte, etwa wie Praktikanten oder Leiharbeiter. Im Gegenzug sind sie eingearbeitet und wissen Bescheid.
Von den rund 1.000 potenziell geeigneten Pensionisten will Otto 50 bis 60 in diesem Jahr einsetzen. Sie arbeiten bis zu 50 Tage im Jahr. Auch bei anderen großen Unternehmen gibt es Pensionisten-Programme, jedoch keineswegs flächendeckend in ganz Deutschland. Bei Conti in Hannover und bei Airbus in Hamburg leiten Pensionisten Werksführungen auf 400-Euro-Basis, bei VW sollen erfahrene Mitarbeiter in Schulen Appetit auf Mathematik und Naturwissenschaften wecken. Der Bayer-Konzern beschäftigt gegenwärtig ganze 28 Pensionisten in verschiedenen Bereichen, ebenfalls für maximal 50 Tage. Am stärksten engagiert sich seit langem der Stuttgarter Autozulieferer Bosch, der im vergangenen Jahr 600 Senior-Experten einsetzte.
Das alles hilft den Unternehmen vielleicht hier und da und ist für ein paar Pensionisten eine einträgliche Abwechslung. Die meisten von ihnen arbeiten zum Spaß und nicht aus Not. Zu einem Massen-Phänomen werden arbeitende Pensionisten in Deutschland schon deshalb nicht werden, weil sie schlichtweg keine Lust dazu haben. Bei einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung und des Wochenmagazins "Stern" erklärten 91 Prozent der Befragten, sie lehnten jede Verpflichtung im Alter ab. Dazu zählt auch bezahlte Arbeit. 80 Prozent wollen kein Pflichtjahr für alte Menschen, weniger als die Hälfte arbeitet ehrenamtlich. Mit dem Berufsleben haben die meisten Rentner abgeschlossen. Mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen auch nur 29 Prozent. Die meisten Rentner wollen reisen, entspannen und sich den eigenen Hobbys widmen.
(APA)












