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Vietnam Kein easy Asia

Vietnam: Kein „easy Asia“ am Mekong

13.07.2012 | 11:25 |  Jürgen Leidinger (Die Presse)

Das Land bietet Wachstumsperspektiven, befindet sich aber noch in einem frühen Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung. Die internationale Community vor Ort ist überschaubar.

„In Singapur wurde mir ein bisschen langweilig mit der Zeit“, sagt Thomas Lanyi. Von 2001 an war der WU-Absolvent dort im Private-Equity-Bereich bei Franklin Templeton Investments tätig. Schon während des Studiums hatte er sich für die asiatischen Wachstumsländer begeistert.

Praktika in der Region verstärkten das Interesse, und so war es keine Überraschung, dass er seine Karriere in Asien begann. Bei Templeton beschäftigte er sich, im Umfeld von Schwellenländer-Guru Mark Mobius, mit Südostasien und damit auch mit Vietnam: „In meinen Augen ist es eines der Länder mit den langfristig besten Wachstumsperspektiven“, sagt Lanyi.

Vor fünf Jahren wagte er dann den Sprung vom hoch entwickelten Kleinstaat Singapur in eine sozialistische Republik, deren Wirtschaft sich gerade erst zu öffnen begann. Lanyi arbeitet heute als Director der Private-Equity-Gesellschaft Mekong Capital, die sich an regionalen Unternehmen beteiligt.

Der gebürtige Wiener ist nicht nur überzeugt von den wirtschaftlichen Perspektiven, sondern hat auch schon Wurzeln geschlagen: 2009 heiratete er eine vietnamesische Unternehmerin, mittlerweile haben sie ein gemeinsames Kind. Den größten Teil der Zeit lebt die Familie in Ho Chi Minh City (ehemals Saigon), dem Sitz von Lanyis Arbeitgeber. Einmal im Monat geht es in den Norden nach Hanoi, die Heimatstadt seiner Frau. Und etwa alle sechs Wochen gibt es eine Auszeit auf dem Land. „Man muss sich immer wieder einfach zurückziehen, wenn man nicht mit diesem Tempo aufgewachsen ist.“

Immer mehr Landbewohner strömen in die Metropolen, um sich ihren Anteil vom wachsenden Wohlstand zu sichern. Dementsprechend groß ist das Gedränge. Und mit Millionen von Mopeds herrscht auf den Straßen anarchisches Treiben.

Vor Ort mag man den Pulsschlag einer wachsenden Volkswirtschaft spüren – verglichen mit seit Jahrzehnten erschlossenen Boom-Regionen ist das Land aber noch Entwicklungszone. „Es ist sicher nicht vergleichbar mit ,Easy Asia‘, wie ich es nenne, also Zentren wie Hong Kong oder Singapur mit einer großen internationalen Community und einem breiten kulturellen Angebot. Das alles gibt es in Vietnam natürlich nicht“, sagt Christian Geissler, Gründer von BDG Vietnam, einem Beratungsunternehmen vor Ort, das europäische Firmen beim Markteintritt unterstützt.

Etwa zwei Monate pro Jahr verbringt er selbst in Vietnam, die Zahl der westlichen Expatriates bezeichnet er als sehr überschaubar: „Man läuft sich immer wieder an denselben Plätzen über den Weg.“ Zu Geisslers Kunden gehören vor allem Unternehmen, die eine „China plus one“-Strategie verfolgen, also ihre China-Aktivitäten mit einem zweiten Engagement in Asien absichern wollen. 

Kommen, um zu bleiben? 


Auch er zeigt sich optimistisch, was die Zukunft des Landes betrifft. Die Karrierechancen für den Einzelnen sind aber mit Einschränkungen verbunden: „Wenn man in diesem spannenden Land tätig sein will, gibt es drei Möglichkeiten: Entweder man geht bewusst nur für ein bis zwei Jahre hin, um Erfahrungen zu sammeln und den Lebenslauf zu bereichern. Oder man verortet sich permanent in Asien, auf einem spannenden Zukunftsmarkt“, erklärt Geissler die ersten beiden Varianten. „Oder man bleibt dort unfreiwillig hängen – denn nach sieben, acht Jahren vor Ort nimmt dich in Europa kaum noch einer – zumindest nicht auf einer vergleichbar hohen Hierarchieebene.“

Lanyi gehörte von Beginn an klar zu Gruppe zwei. Die Arbeitsmentalität der Vietnamesen kennt er aus der Perspektive der Führungskraft ebenso wie als berufsmäßiger Experte für die Unternehmenslandschaft vor Ort.

„Im Unterschied zu seinen Nachbarn,  wie etwa Thailand, sind die Vietnamesen den Chinesen ähnlich. Sie haben eher eine arbeitsame, nordasiatische Mentalität“, sagt Lanyi. „Es ist eine sehr unternehmerfreundliche Kultur. Am liebsten würde jeder sein eigenes Unternehmen gründen und sein eigener Herr sein.“

Arbeitsantrieb nutzen 

„Die Preußen Asiens“ werden die Vietnamesen immer wieder genannt. Für Geissler durchaus berechtigt: „Aber man darf das trotzdem nicht überschätzen. Sicher ist es ein sehr aktives, geschäftiges Volk. Aber die Schwierigkeit ist, diesen Fleiß auch für das eigene Unternehmen zu nutzen. In Branchen, in denen es nicht extrem hohe Gehälter gibt, gehen um fünf, spätestens halb sechs in den Bürotürmen die Lichter aus.“

Wirtschaftlich gibt es  viel aufzuholen, politisch ungleich mehr. Doch in der sozialistischen Diktatur bleibt es sozial sehr ruhig. Mitbestimmung hat keine Tradition und solange die Regierung Wohlstandsperspektiven durch wirtschaftliche Freiheiten bieten kann, wird das wohl so bleiben. In einem Punkt kann aber Europa einiges von Vietnam lernen: Sowohl Lanyis Team mit etwa 40 Mitarbeitern als auch Geisslers Unternehmen mit 18 Angestellten rekrutieren sich mehrheitlich aus Frauen. „Sie sind in der Gesellschaft als Unternehmerinnen und Führungskräfte  sehr anerkannt“, meint Lanyi.

Kurzprofil
Vietnam ist seit mehr als 30 Jahren eine sozialistische Diktatur, die den ehemals getrennten Nord- und Südteil des Landes vereint. Hauptstadt der 91,5 Mio. Vietnamesen ist Hanoi (6,6 Mio. Einwohner) im Norden. Größte Stadt des Landes ist die Südmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt (ehemals Saigon) mit ihren 7,1 Mio. Einwohnern. Seit einigen Jahren fährt die Regierung einen Kurs der wirtschaftlichen Öffnung. Vor fünf Jahren trat das Land der Welthandelsorganisation WTO bei, vergangenes Jahr lag das Wirtschaftswachstum bei 5,8 Prozent. Dass die neuen wirtschaftlichen Freiheiten nicht mit persönlichen und politischen einhergehen, quittiert die Bevölkerung angesichts des wachsenden Wohlstands bislang mit Gelassenheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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