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Franchise Selbststaendigkeit light oder

Franchise: Selbstständigkeit light oder volles Risiko

28.10.2011 | 10:10 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Das System ist eine willkommene Variante des Unternehmertums im sicherheitsbewussten Österreich. Doch manche haben gute Gründe, warum sie dennoch lieber allein ins kalte Wasser springen.

„Wir füllen jedes Hotel“, wirft sich Stefan Engelhard in die Brust. Der Franzose leitet das ehrgeizige Expansionsprogramm der Accor-Häuser in Österreich. Die Strategie heißt Franchise, „ein bislang unüblicher Weg, doch die Zeit ist reif dafür“. Zielgruppe sind die hierzulande typischen unabhängigen Hoteliers, oft mit ungeklärter Betriebsnachfolge. Engelhard selbstbewusst: „Accor hat die Marke, das weltweite Distributionssystem und das Loyalitätsprogramm, mit dem wir die Gäste bei der Stange halten.“ Die Flucht unter das schützende Markendach ist natürlich nicht gratis: Fünf bis sechs Prozent vom künftigen Umsatz sind abzuliefern, bei Bedarf kommen Renovierungskosten von 3000 bis 7000 Euro pro Zimmer dazu.

7,9 Milliarden Euro wirft der heimische Franchise-Markt ab, Tendenz steigend. 420 Systeme sind im Einsatz, 180 davon im Handel, 170 betreffen Dienstleistungen, 45 die Gastronomie und 25 den Produktionssektor. Die Zahl der Franchise-Unternehmer ist seit 2008 um elf Prozent auf 6700 gewachsen, gibt das Büro des Österreichischen Franchise-Verbandes (ÖFV) bekannt. An 8000 Standorten werden 61.000 Menschen beschäftigt, 55 Prozent davon Frauen.

Die prominentesten unter den aktuell 141 Mitgliedern des ÖFV sind Schwergewichte wie McDonald's, Palmers, OMV Viva, A1, OBI und Wifi International. Doch auch Firmen, die weniger dafür bekannt sind, betreiben Franchise-Konzepte. Ankerbrot etwa, das bisher auf eigene Filialen gesetzt hat, oder Aida-Konditoreien nach deren Erfolg in den Arabischen Emiraten. Auch Subway Sandwiches starten neu durch, nachdem sie sich vor einigen Jahren wegen Problemen mit ihrem Master-Franchiser (dem zum Weitergeben der Lizenzen Berechtigten) aus dem heimischen Markt zurückzogen haben. Holland Blumen Mark ist ebenso ein Franchise-Konzept wie Mrs. Sporty Fitnessmode oder der Pirtek Notdienst für geplatzte hydraulische Schläuche.

So groß ist die Nachfrage, dass sie eine eigene Messe wert ist. Potenzielle Franchise-Geber und -Nehmer können einander am 17. und 18. November in der Wiener Stadthalle beschnuppern: „Drum prüfe, wer sich bindet“, zitiert Messe-Organisatorin Carina Felzmann: „Sicherheit wird in Österreich hoch geschätzt. Deshalb machen sich so wenige selbstständig. Franchise ist der Mittelweg, man hat zwar die Zügel in der Hand, ist aber eingebettet in ein erprobtes System. Man weiß, was einen erwartet.“

Kein Rosengarten

Eine „g'mahte Wiesen“ liegt dennoch nicht vor den hoffnungsvollen Franchise-Nehmern. Konrad Zimmermann etwa führt sein Nachhilfe-Institut Lernquadrat seit 1997. Seit 2004 vergibt er Lizenzen: „Gute Nachhilfe zu geben ist schon schwer genug. Doch wir kämpfen gegen den Schwarzmarkt und sein Preisdumping auf der einen Seite und auf der anderen gegen die Arbeiterkammer, die ständig institutionelle Nachhilfe über die Medien beschimpft.“ Sein Expansionskurs rechnet sich trotzdem: „Potenzial hat jede Bezirkshauptstadt. Davon hat Österreich rund 100. Bei derzeit 65 Filialen gibt es also noch 35 mögliche Standorte.“

Wonach bewertet der ehemalige Lehrer die Eignung seiner Bewerber? „Das höre ich beim ersten Gespräch heraus. ,Ich habe keine Probleme mit Kindern‘, ist die falsche Antwort.“ Die größte Herausforderung für seine Franchise-Nehmer ist nicht das Organisieren der im Schnitt 25 Lehrer pro Filiale, sondern „demotivierte Kinder und Jugendliche anzuleiten, ihre Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Die Kunst ist, die bisherigen Schlusslichter im Schulsystem zum Selbst- und Gern-Lernen zu führen. Wir machen Beratung für Ausnahmesituationen.“ Zimmermann bietet zwei Finanzierungsmodelle an. Wer die Startkosten von 25.000 Euro selbst trägt, führt nur zehn Prozent der Einnahmen ab, anderenfalls sind es 16 Prozent.

Eigene Filialen eröffnen oder mittels Franchise zu expandieren war auch die Wahl, vor der Gabor Rose, Geschäftsführer der Jones-Modekette, stand: „Dank Franchise konnten wir auch mit wenig Eigenkapitaleinsatz rasch wachsen“, resümiert er. „Doch bei neuen Ideen braucht es viel Überzeugungsarbeit. Da sind eigengeführte Filialen flexibler. Dort setzt man sich ohne Diskussion durch.“

Franchise, nein danke!

Manchen wird das Korsett so eng, dass sie sich gegen die vermeintliche Sicherheit entscheiden. Martin Manninger (im Bild), heute Besitzer der Mödlinger Anlageberatung Wertsache, wollte ursprünglich ein deutsches Franchise-Konzept importieren: „Die Systemzentrale sollte Produktverträge mit unterschiedlichen Direktbanken und Versicherungen aushandeln. Meine Aufgabe wäre gewesen, die Kunden damit zu versorgen.“

 Doch die WKO warnte ihn vor rechtlichen Problemen mit dem Firmennamen, in dem das Wort „Bank“ steckte: „Möglicherweise hätte es dem Bankwesengesetz widersprochen.“ Zeitgleich beschloss die Zentrale, einen österreichischen Master-Franchiser zu installieren. „Der erhöhte die Eintrittsgebühr um den Faktor 2,5.“ Manninger beendete die Verhandlungen und schnitzte sein eigenes Konzept. „Es war sogar billiger als das ursprüngliche. Die Schleife hat mich aber ein halbes Jahr Zeit gekostet.“ Seine Erkenntnis: „Immer mehrere Meinungen einholen. Auf jeden Fall WKO und Franchise-Verband drüberschauen lassen – und den Anwalt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2011)

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