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VentureCapitalBereich grottenschlecht

„Der Venture-Capital-Bereich ist grottenschlecht“

04.01.2013 | 10:48 |  Nikolaus Koller (Die Presse)

Finanzierung. Johann Hansmann, Präsident der Austrian Angels Investors Association, über Renditen, Risiko und die Start-up-Szene.

Sein Händchen für Investments hat Johann Hansmann die Auszeichnung des Business Angel of the Year 2011 eingebracht: Der Präsident der Austrian Angels Investors Association (siehe Infobox weiter unten) über seine Bewertung von Start-ups, Investments und Gründerteams.

Die Presse: Wie suchen Sie Ihre Startups aus?
Johann Hansmann: Die muss ich eigentlich nicht wirklich aussuchen. Die Szene in Österreich ist nicht besonders groß. Hier kennt jeder jeden. Ich bin mittlerweile recht bekannt geworden und somit landet fast jedes Projekt irgendwann auf meinem Schreibtisch oder in meiner Inbox.

Auch diese werden sie nach gewissen Kriterien bewerten.

Zunächst muss das Projekt einem Mega-Trend folgen. Die mich am meisten interessieren haben mit Gesundheit und Fitness zu tun.
 
Welche Megatrends orten Sie noch?
Sprachen lernen wegen der Internationalisierung, Logistik, Big Data, etc. – da gibt es einige. Mich interessieren auch die Verbindungen von Mega-Trends. Wie beispielsweise Gesundheit und Smartphones. Davon abgesehen ist das fast alleinige Entscheidungskriterium das Team. Ich muss das Gefühl haben, dass ich die Leute mag und sie mich mögen. Das meine ich genau so und ist eine Conditio sine qua non. Wenn es das nicht gibt, dann geht es im Prozess auch nicht weiter. Zweitens müssen sie Leidenschaft, Intelligenz, Ausdauer mitbringen, um als Unternehmer ein Startup auf die Beine zu stellen. Das ist sicherlich das, was unternehmerisch am schwierigsten ist. Wenn diese beiden Dinge da sind, dann ist das Projekt an sich fast schon zweitrangig. Ich bevorzuge es, in ein Projekt zu investieren, wo ich ein ausgezeichnetes Gefühl bei den Unternehmern habe und wo das Projekt mich vielleicht noch nicht 100-prozentig überzeugt als umgekehrt. Wo mich die Gründer nicht überzeugen, da würde ich nie investieren.

Welche Qualifikationen benötigen Gründer?
Es gibt drei Hauptbereiche in einer Firma: Technik, Vertrieb und Finanzen. Diese drei Funktionen sollten nicht mit einer Person abgedeckt sein.

Welche Kompetenzen dürfen Gründer denn extern zukaufen? Die gerade genannten drei wahrscheinlich nicht.
Das sollte so sein.
 
Über 50 Prozent der heimischen Unternehmen sind aber Ein-Personen-Unternehmen. Also kein Investment-Ziel?
Normalerweise nicht. Diese EPU gehen meist auch nicht in die Größe, wo ein Investor sinnvoll ist.
 
Venture Capital (Anm.: Wagniskapital) kommt also nur dann ins Spiel, wenn die Geschäftsidee ausreichend skalierbar ist?
Natürlich. Es muss die Möglichkeit geben, dieses Produkt international zu skalieren.

Welche Renditen erwarten Sie?
Ich erwarte keine konkreten Renditen. Wenn die richtigen Leute am richtigen Produkt arbeiten, ich sie unterstütze und wir etwas Glück haben, dann sollte am Schluss etwas Vernünftiges heraus kommen. Mir persönlich ist auch der Zeitpunkt, wann die Rendite ausbezahlt wird, nicht so wichtig. Mir geht es eher um den Weg dorthin.
 
Venture Capitalists geben nur also nur Geld, Sie als Business Angel auch Ihre Erfahrungen weiter. Wo würden Sie sich einordnen?
 Ich liege sicherlich dazwischen. Ich bin ein Business Angel von meinem Mindset. Von den Beträgen, die ich investiere, bin ich eher ein Venture Capitalist. Ich habe in meinem Leben etwa 40 Firmen gekauft oder gegründet und mir dadurch einen großen Erfahrungsschatz erworben. Ich weiß, wie Dinge funktionieren, kann Teams motivieren und Geld aufstellen. Das können junge Gründer nicht wissen. Diese Mischung aus jungem Unternehmertum und einer Art Altersweisheit macht ja den Erfolg aus.

Was nehmen Sie aus Ihrem Engagement mit? Eine konkrete Rendite erwarten Sie ja nicht, wie Sie gesagt haben.
Ich habe nicht gesagt, dass ich keine Rendite erwarte. Mir ist nur etwas Anderes wichtiger. Ich sehe das Ganze ein wenig als Spiel. Wir wollen mit den Marktregeln auf dem Markt erfolgreich sein. Wie weiß man, ob man gewonnen hat? Wenn Geld über bleibt. Das können entweder langfristige Cash Flows sein oder ein Investor kauft das Unternehmen zu einem guten Preis ab.

Was ist denn ein guter Preis für ein Unternehmen?
Wenn man in einer sehr frühen Phase in ein Unternehmen einsteigt, dann sollte das Potenzial da sein, dass sich das eingesetzte Kapital verzehnfachen kann. Das tut es aber nicht immer.
 
Sie haben gerade Verzehnfachung gesagt? Das würde Anleger freuen?
Man spielt dieses Spiel ja nicht, wenn nur ein paar Prozent übrig bleiben. Startups sind extrem Risiko-behaftet. Da kann das gesamte Geld auch weg sein. Daher muss als Anreiz auch die Möglichkeit zur Vervielfachung da sein. Ob die dann auch eintritt, hängt von vielen Faktoren, auch Glück, ab.

Investoren rechnen damit, dass nur drei von zehn Investments aufgehen.
Das ist ein internationaler Schlüssel. Im Venture-Capital-Bereich, der etwas später ansetzt, rechnet man mit einer Ausfallsquote von mindestens 30 bis zu 70 Prozent, je nach der Phase wann man einsteigt, Ich mache diese Rechnung nicht. Ich habe 17 Investments in den letzten zweieinhalb Jahren getätigt. Darunter sind einige Stars. Aber es gibt bis jetzt keines, das schief gegangen ist.
 
Wie viel investieren Sie?
Normalerweise zwischen 200.000 und 500.000 Euro. Manchmal auch eine Million oder mehr.
 
Der Zustand der heimischen Venture-Capital-Szene hat sich verbessert.
(Hansmann schüttelt den Kopf)

Sie sehen das nicht so?
Überhaupt nicht. Im Venture-Capital-Bereich ist die Situation grottenschlecht. Es ist nicht genug Geld da, um die bestehenden Startups zu bedienen.
 
Die wandern dann ab?
Ja, es gibt eben mehr Startups als zur Verfügung stehendes Kapital.

Wie viel Geld wäre notwendig, um die Startups, die es gibt, zu finanzieren?
Zwei, drei Mal so viel wie jetzt. Vor allem in den späteren Phasen. In den kleineren Bereichen klappt es sehr gut, weil die Förderszene hier gut entwickelt ist. Wobei immer gelten sollte: Mehr Privat, weniger Staat.
 
Was hält erfolgreiche Manager ab, Business Angel zu werden?
Da hat jeder seine eigene Motivation. Es wäre ein Fehler, damit nur viel Geld verdienen zu wollen. Dafür ist diese Sache mit zu viel Risiko behaftet. Meine Motivation ist der Spaß, den ich habe, mit jungen Menschen zu arbeiten und auch die Möglichkeit, etwas von meinem Wissen weiter zu geben. Ich glaube, dass man als Business Angel nur mit diesem Ansatz Erfolg haben kann.

Ich höre so oft, Österreich sei kein Gründerland.
Wer in Österreich als Unternehmer scheitert, der ist mit einem Makel behaftet. In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders. Dort gibt es Fonds, die nur dann investieren, wenn die Gründer schon ein, zwei Mal gescheitert sind. Nie lernt man soviel wie beim Scheitern.

Sind Sie auch schon gescheitert?
In meinem Unternehmerleben bin ich natürlich auch schon gescheitert. Nicht mit diesen Startups, seitdem ich als Business Angel tätig bin.
 
„Das Team muss mich mögen“, haben Sie gesagt. Wie finde ich denn als Gründer den richtigen Partner?
Ich weiß das meist nach einer halben Stunde, wenn ich mit jemandem geplaudert habe. Wenn man einen Partner sucht oder eine Firma gemeinsam gründet, das ist etwas Langfristiges. Wie eine Ehe. Dort wie in jedem Startup gibt es natürlich kritische Phasen. Dann ist man lieber mit Leuten zusammen, die man mag.
 
Sie haben Startups mit Ehen verglichen. Ist es denn auch in Ordnung, sich scheiden zu lassen?
Wenn es gar nicht anders geht, dann natürlich.

Partnerwechsel geht auch?
Ich hatte das noch nicht. Aber? (überlegt) Ich gehe raus, jemand anderer rein? Ich würde das wohl als Scheitern empfinden – außer der neue Partner kann mehr einbringen als ich und ich habe eine Rendite verdient.

Umgekehrt: Einer der Gründer geht, jemand anderer kommt.
Das kann passieren. Meist ist das dann eine Team-Entscheidung. Der absolute Treiber in einem start-up – den es oft gibt bzw. auch geben sollte – kann und darf nicht ausgetauscht werden. Es gibt zwei Gründe, warum das passiert: Der Gründer ist fachlich nicht so gut, wie das erwartet wird. Da ist es dann schwer, ins zweite Glied zu gehen. Oder es gibt wirkliche Zerwürfnisse im Team. Das muss man möglichst frühzeitig erkennen.
 
Geht es da um persönliche Dinge?
Bei jungen Leuten gibt es alle möglichen Dinge. Zwei Egos prallen aufeinander und jeder will der Erste sein. Aber auch private Dinge können sich auf das Startup auswirken. Arbeiten in einem Startup ist sehr intensives Arbeiten – Gründer haben nicht das tolle soziale Leben.

Wie viel arbeiten Sie selbst?
Leider mehr als ich geplant hatte. Ich bin ein Opfer meines Erfolgs geworden. Ich bin immer online.

Ab welcher Summe kann man denn in Startups investieren?
Man kann schon ab 50.000 Euro dabei sein. Nocheinmal: Geld ist nicht alles! Grundvoraussetzung für einen Business Angel ist, dass er sich selbst einbringt und Geld zur Verfügung hat, das ihm nicht weh tut, wenn er es verliert, und dass er Coaching-Eigenschaften hat. Die Haupt-Player sind aber immer die Founder. Ich mische mich nicht operativ ein und versuche auf der strategischen Seite zu bleiben.
 
Gibt es Kennzahlen, an denen ich mich als Business Angel orientieren kann?
Ich möchte das anders beantworten: Ich bin ein großer Fan davon, dass ein Business Plan existiert. Aber nicht aufgrund der großen Zahlen, die dort genannt werden. Um einen Business Plan zu erstellen, muss man seine Gedanken strukturieren, zusammenfassen, zu Papier bringen. Das gibt ein gutes Gefühl über die Gründer. Kennzahlen gibt es immer. Man weiß, wie sich der Markt entwickelt, wer die Mitbewerber sind, etc. Ich stelle mir bei jedem Startup die Frage, welches Problem wird damit gelöst. Wie viele Leute sind bereit, für die Lösung Geld zu zahlen? Der richtige Zeitpunkt ist jener, wenn die Gründer sich diese Fragen gestellt haben, ein erstes Produkt entwickelt haben und ein erstes Feedback vom Markt haben, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Das ist für mich der richtige Zeitpunkt, wo ich einsteige. Das ist noch kein voller „Proof of Concept“. Zahlen gibt es Tausende. KPI (Anm.: Key Performance Indikators; Leistungskennzahlen), die man vergleichen kann wie Traffic, Conversion Rate oder was mich ein Kunde kostet. Ich merke mir zwar keine Namen, aber dafür Zahlen (lacht).
 
Wenn ich als Business Angel beginne. Investiere ich zuerst voll in ein Unternehmen oder streue ich meine Investments?
Sicher ist das Zweitere zu empfehlen. Ich würde gerade am Anfang nur als Co-Investor mitgehen und das natürlich in mehrere Firmen. Der richtige Incentive müsste von gesetzgebender Seite kommen. Investieren müsste steuerlich besser gestellt sein. Im Moment ist es das Gegenteil: Wenn ich Geld aus einem Exit in ein anderes Unternehmen investiere und das verliere, kann ich es nicht einmal gegenrechnen! In Großbritannien bekommt man für ein Investment in Forschung und Entwicklung einen Tax Credit von 225 Prozent. Wenn ich also 100.000 Euro investiere, kann ich 225.000 Euro von der Steuer absetzen. Daher gibt es auch viel Venture-Capital-Geld in England.
 
Welchen Stellenwert hat Netzwerken für Startups?
Das ist natürlich extrem wichtig. Weil ich in viele Unternehmen investiert habe, habe ich ein eigenes Grundnetzwerk. In diesem werden viele Informationen ungefiltert weiter gegeben, was an der gemeinsamen Vertrauensbasis liegt. Das ist normalerweise nicht so. Sinnvoll sind auch Netzwerke für Finanzierungen, für Skalierung, sowie Partner in anderen Ländern.
 
Wie schaffen Sie es 17 Firmen aktiv zu betreuen?
(lacht) Das frage ich mich auch oft.

Gibt es nicht eine Obergrenze, um alle qualitativ gut begleiten zu können?
Möglicherweise sind die 17 etwas zu viel. Aber nicht alle brauchen gleich viel Aufmerksamkeit. Aber in zehn bis zwölf bringe ich mich voll ein. Das ist halt mehr als ein Full-Time-Job. Das kann ich nur mehr durch einen Exit ändern.

Zur Person
Johann ‘Hansi’ Hansmann ist Österreicher und studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien. Den grössten Teil seiner beruflichen Laufbahn bekleidete er Führungspositionen in der internationalen Pharmaindustrie in Österreich, Deutschland, England und Spanien. Nach einem Management Buy-out eines grossen Pharmawerkes in Spanien baute er mehrere Jahre lang erfolgreich sein eigenes Pharmaunternehmen auf, das er 2003 verkaufte.
Seit dieser Zeit ist er aktiver Investor und Business Angel. Er hält Beteiligungen mit geografischem Fokus auf Österreich, Deutschland, UK und Spanien, vor allem an Internetunternehmen und im Gesundheitssektor, wie busuu.com (London), renesim.com (München), diagnosia.com, durchblicker.at, runtastic.com, mysugr.com, whatchado.net und mediclass.com (alle in Österreich).
Heute lebt er zwischen Madrid und Wien und versucht genug Zeit für sein Hobby Mountainbiken zu finden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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