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Bild: Pixabay 

„Achtsamkeit ist eine Reaktion auf die Beschleunigung“

24.06.2017 | 16:58 |  Michael Köttritsch (Die Presse)

Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie, über Reflexionsräume, Werte und die Rolle von Managern.

„Die Presse“: Achtsamkeit wird derzeit als Modebegriff von vielen für jedes und alles verwendet. Warum ist das so?

Magdalena Holztrattner: Das ist eine Reaktion auf die Beschleunigung. Die Innovationsrhythmen sind extrem gestiegen, man muss schneller auf komplexere Zusammenhänge reagieren. Doch unser Gehirn arbeitet nicht schneller. Und wir können unsere Konzentrationsfähigkeit nur begrenzt steigern. Die vielleicht inflationäre Verwendung des Begriffs Achtsamkeit ist eine Reaktion, sich auf das zurückzubesinnen, was Religionen immer schon geboten haben: Unterbrechungen. Sich auf sich selbst zu konzentrieren, darauf zu achten: Wo, wer, was bin ich? Wer sitzt mir gegenüber? Was liegt hinter mit, was vor mir?

Achtsamkeit ist also das Zu-sich-selbst-Kommen?

Achtsamkeit ist eine Vorbedingung. Sie orientiert und schafft den Raum. Um die Frage nach den Werten stellen zu können, an denen ich mich orientiere, muss ich innehalten und einen Schritt zurücktreten. Denn eine Führungskraft arbeitet nicht nur mit Tools, sondern hauptsächlich mit sich als Person. Ich kann eine Führungskraft nicht durch Roboter ersetzen. Sie soll Rahmenbedingungen und Beziehungen gestalten, damit Mitarbeiter ihre Potenziale für das Ziel der Organisation bestmöglich ein- und umsetzen können. Es braucht Gespür und Wahrnehmung dessen, was rundherum los ist.

Viele Unternehmen definieren heute ihre Werte. Das ist grundsätzlich sinnvoll und gleichzeitig eine Modeerscheinung. Welche Rolle spielt die Ethik in diesem Zusammenhang?

Ethik ist der Blick von der Metaperspektive, die Frage: Was wird getan, und warum wird es genau so getan? Damit hängt die Frage zusammen, welche Werte ich als Führungskraft implizit oder explizit lebe und in der Organisation wirken lasse. Was geschieht in den Wirkungsfeldern, in denen ich als Führungskraft tätig bin? Was passiert in Bezug auf Stakeholder, Mitarbeiter, Ziele, Visionen, aber auch in Bezug auf mich selbst? Was ist, und wie soll es sein? Etwa: Ist Vertrauen ein Wert, den ich lebe? Vertraue ich meinen Mitarbeitern? Oder habe ich das Gefühl, alles kontrollieren zu müssen? Diese Fragen haben mit Ethik zu tun. Warum arbeite ich als Führungskraft, wie ich arbeite, und welche Konsequenzen hat es?

Ethisch zu sein ist demnach keine Qualität, sondern eine Methode?

Ethik ist die Reflexion über unser Tun. Mit welcher Werthaltung ich in meine Handlungsfelder hineinwirke, das ist gleichsam die Farbe, die mein Tun einfärbt.

Welche Werte sollte man in das eigene Handeln einbringen?

Vertrauen und Verlässlichkeit: Mitarbeiter sollen sich auf Führungskräfte verlassen können und umgekehrt. Und die Umwelt auf die Unternehmen, denn ohne Vertrauen funktioniert Gesellschaft nicht. Transparente Kommunikation: Als Führungskraft darf ich nicht alles allen kommunizieren. Aber alles, was ich kommuniziere, muss wahr sein. Beteiligung: Führung heißt heute, beteiligungsorientiert zu entscheiden. Und: Menschen als Subjekte zu sehen, die zum Gesamtwohl eines Unternehmens beitragen können – mit allem, was sie einbringen können, nicht nur ihrer Arbeitsleistung. Letztlich gilt: Alles wirtschaftliche Handeln soll den Menschen dienen.

Diese Werte klingen vernünftig, und doch scheint es schwierig, sie in den Führungsalltag zu integrieren. Warum ist das so?

Manager in Sandwichpositionen sind bedrängt: von unten mit Wünschen der Mitarbeiter, von oben mit Vorgaben, die sie übersetzen müssen, hinter denen sie oft als Mensch nicht stehen können. Das führt zu Erfolgsdruck zwischen Leistung und Menschlichkeit und der Frage: Wohin gebe ich Druck weiter? Da stark und zugleich menschlich zu bleiben, ist schwierig.

Kann man diese Spannung lösen?

Gar nicht. Das ist das Grunddilemma einer Führungskraft. Die Spannung bleibt. Doch man kann sich Reflexionsräume schaffen, innehalten und sich fragen: Was leitet, was drängt mich? Was sind meine Kriterien? Wie gehe ich mit meiner Belastbarkeit um? Als Führungskraft muss ich mir meiner Haltungen bewusst sein. Denn die Reflexion ist ein Teil des Ethischen.

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