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Bild: Akos Burg 

Alles, nur kein Kinderkram

28.05.2017 | 12:10 |  Michael Köttritsch (Die Presse)

Porträt. Sie stiegen vor elf Jahren aus der Werbebranche aus, um als Herr und Frau Klein Stylishes für Kinder zu verkaufen – ohne Kindern „Erwachsenengeschmack“ aufzudrängen.

Wenn man so will, sind Beate und Stephan Klein Aussteiger. Und gleichzeitig (Quer-)Einsteiger. Rund zehn bzw. 20 Jahre waren sie in Wien, Berlin und Barcelona in der Werbebranche tätig und hatten beide jede Menge Preise gewonnen, darunter jeweils einen Bronze-Cannes-Löwen. Doch 2006 hatten sie genug davon.
Sie waren gerade mit dem ersten Kind nach Wien übersiedelt, das zweite sollte bald zur Welt kommen – und das Paar wollte beruflich etwas Neues angehen. „Damals“, sagt Beate Klein, „waren Kinderwarengeschäfte Versorger“, Geschmack und Stil hätten keine Rolle gespielt. Was sich mittlerweile geändert habe. „Wir führen Spielzeug, das man nicht unter das Sofa schiebt, wenn Freunde kommen“, sagt sie. Es zeichne sich durch schlichten Stil, Bio- und Fairtrade-Qualität aus. Ohne dabei den Kindern einen „Erwachsenengeschmack“ aufzudrängen.

Hin und wieder führe das zur Diskussion über den Preis von Gewand, Interieur und Accessoires. Stephan Klein spricht dann lieber von „nachvollziehbaren Preisen“. Wenn ein Kindershirt drei, vier Euro koste, könne sich das für irgendjemanden in der Produktionskette nicht ausgehen.
Entsprechend haben Herr und Frau Klein einen Blick auf die Qualität. „Wir wissen, wo die Ware herkommt.“ Und dass sie so gut verarbeitet sei, dass man sie anderen Eltern bzw. Kindern weitergeben könne: „Das ist nachhaltig.“ Außerdem: „Wir haben alle zu viele Dinge – lieber weniger und dafür Besseres“, sagt Beate Klein. Dazu brauche es Konsumenten, die diese Philosophie mittragen. Deswegen habe man sich den Standort genau überlegt und Wien Neubau gewählt.

Vor elf Jahren haben sie mit 80 m2 Verkaufsfläche und gar keinem Handelswissen gestartet. Heute messe das Geschäft 600 m2, Filialen in anderen Städten seien ein Ziel. Das bedeute, das Sortiment immer wieder kritisch anzuschauen, „nicht zu sehr in die Breite zu gehen, mutig links und rechts immer wieder abzuschneiden und das Profil zu schärfen“. Und nicht Waren zu führen, weil man sie immer schon im Sortiment gehabt habe. „Schließlich will man die Meinungsbildnerinnen mit Neuem versorgen“, sagt Beate Klein. „Unser Bauchgefühl ist die Klammer für unser Sortiment“, und nicht die Frage, was sich anderswo gut verkaufe.

Gäste statt Kunden

Apropos Verkauf: Dazu braucht es Mitarbeiter – rund 20 sind es mittlerweile, der Großteil im Verkauf. Wobei Herr und Frau Klein sie lieber Berater nennen. Sie sollen selbstständig arbeiten und Persönlichkeiten sein. Und sie sollen das Geschäftsmodell mitprägen. Entsprechend bunt ist das Team. „Wir lieben den Fleckerlteppich an Charakteren“, sagt Beate Klein. Eine ausgebildete Krankenschwester arbeite ebenso wie eine Schauspielerin, ein Sprengmeister und einige Akademikerinnen mit, die den Job zum Teil für den Wiedereinstieg nach der Babypause – und daher auch in Teilzeit – nutzen. Selbst Kinder zu haben ist keine Voraussetzung, um mitarbeiten zu können. „Ein guter Kinderarzt muss auch nicht selbst Kinder haben“, sagt Stephan Klein. Man wolle die eigenen Leute entwickeln. So avancierte etwa eine Reinigungskraft zum Warenflussmanager.

So wie die Kleins von Beratern statt von Verkäufern reden, reden sie auch von Gästen statt von Kunden: „Gäste verhalten sich auch ganz anders, als Kunden es tun“, sagt Beate Klein. Sich selbst bezeichnen Herr und Frau Klein als Lokführer, nicht als Stationsvorstände. Weil sie Verantwortung abgeben: „Mittlerweile schaffen wir es, drei Wochen Urlaub zu haben – ohne Mobiltelefon und Computer.“

Basisdemokratie ist tödlich

Auch das war ein Entwicklungsprozess. „Es ist, als ob man ein Baby hat und glaubt, nur selbst alles gut machen zu können.“ Doch es brauche gute Babysitter und Steuerberater und hin und wieder einen Paarcoach, damit man als Paar das Geschäft führen könne. Früher hätten sie alles gemeinsam entschieden, später die Zuständigkeiten aufgeteilt. Denn, sagt Stephan Klein: „Basisdemokratie ist tödlich, Einstimmigkeit unsinnig.“ Und sie arbeiten in getrennten Büros. Man solle entweder Bett oder Schreibtisch teilen. „Schließlich will man sich am Abend etwas erzählen können“, sagen die beiden.

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