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Bild: Pixabay 

Die unterschätzten Talente

07.04.2017 | 12:15 |  Charlotte Weber (DiePresse.com)

Der Zero Project Unternehmensdialog zeigt auf, dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung kein Sozialprojekt ist, sondern wirtschaftliche Anliegen erfüllt.

15 Prozent der Bevölkerung haben eine Behinderung. Unternehmen sind aber häufig noch zu skeptisch und unsicher, um dies als Chance für Recruiting, Betriebsklima und Kundengruppen zu sehen, meint Martin Essl, Gründer der Essl Foundation, die sich weltweit für die Umsetzung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt.

In Wien fand ihre erste von in den Bundesländern insgesamt sieben Zero Project Unternehmensdialogen der Essl Foundation zum Thema „Vielfalt ist MehrWert: Menschen mit Behinderung in Ihrem Unternehmen“ statt. Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten Unternehmer über Rahmenbedingungen und innovative Projekte, die Menschen mit Behinderung besser in den Arbeitsmarkt integrieren. Zudem bot der Zero Project Unternehmensdialog den TeilnehmerInnen eine Plattform, um das Matching von Firmen und passenden MitarbeiterInnen zu besprechen und dabei neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Die Stärken in den Mittelpunkt rücken

Menschen mit Behinderung sollten ihr Einkommen durch eigene, auf die individuellen Fähigkeiten abgestimmte Arbeit verdienen, fordert Essl. Einerseits seien Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden, gut für das Selbstbewusstsein, andererseits hätten Unternehmen in Menschen mit Behinderung engagierte und loyale Mitarbeiter. Doch Firmen würden die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung derzeit noch mehr als Sozialprojekt und weniger als wirtschaftliches Anliegen verstehen.

Eine Behinderung macht einen Menschen nicht aus und bedeutet nicht automatisch, dass er weniger leisten kann. Vielmehr entwickeln Betroffene oft gerade wegen ihrer Einschränkung besondere Fähigkeiten und Talente: Gehörlose können selbst in einem hektischen, lauten Umfeld konzentriert arbeiten und der ausgeprägte Tastsinn von Blinden kommt medizinischen Tastuntersuchungen zugute. Menschen mit Autismus hingegen arbeiten besonders strukturiert, mögen Routine und denken analytisch. All dies sind ideale Voraussetzungen für eine Karriere als Programmierer oder Softwaretester.

Ungenützte Potenziale für die Wirtschaft

Arbeitsstatistiken des US-amerikanischen Büros für Vocational Rehabilitation (berufliche Rehabilitation) zufolge attestieren Arbeitgeber Menschen mit Behinderung eine durchschnittliche bis überdurchschnittlich gute Arbeitsleistung. „Wenn Unternehmen den Blick weg von der Behinderung und hin zu den Fähigkeiten und Talenten lenken, eröffnen sie sich große Chancen. Denn wenn MitarbeiterInnen ihre Stärken voll ausspielen können, wechselt ein Unternehmen auf die Überholspur“, erläutert Gregor Demblin, Gründer der Unternehmensberatung für Chancengerechtigkeit und Barrierefreiheit myAbility. Umfragen wie der „Chancen Barometer“ zeigen, dass 93 Prozent der Unternehmen, die bereits Menschen mit Behinderung beschäftigen, mit ihrer Entscheidung sehr zufrieden sind. „Das sollte uns allen Mut machen, die Einstiegshürde in den Köpfen der Menschen zu überwinden“, sagt Demblin.

WU-Studie zeigt Erfolgsfaktoren

Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien hat untersucht, welche Faktoren für die erfolgreiche Integration von Menschen mit Behinderung ausschlaggebend sind und welche Vorteile daraus für Unternehmen entstehen. Demnach sei es wichtig, Mitarbeiter mit Behinderung als vollwertige Arbeitskräfte anzuerkennen und durch offene Kommunikation Stereotypen und Problemen abzubauen, um Menschen mit Behinderung entsprechend ihrer Stärken in Arbeitsabläufe zu integrieren. Firmen mit großer sozialer Kompetenz und einem Sinn für Chancengleichheit können dadurch nicht nur neue Zielgruppen ansprechen, sondern haben auch zufriedenere Mitarbeiter, die länger im Unternehmen bleiben.

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