...und morgen führen wir uns selbst

23.07.2016 | 07:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Management. Kann ein Mittelständler fast ohne Hierarchien gesteuert werden? Er kann. Ein deutsches Unternehmen lebt das seit Jahren vor – und fährt gut damit.

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Die deutsche Allsafe Jungfalk GmbH macht Spezialgurte zum Sichern von Ladegut. So weit, so unsexy.

Seit der heute 58-jährige Detlef Lohmann 1999 das damals 70 Mitarbeiter starke Unternehmen übernommen hat, blickt die Managementszene in schöner Regelmäßigkeit verwundert nach Engen beim Bodensee. Dort warf Lohmann sukzessive alle gemeinhin geltenden Führungsprinzipien über Bord.

Im Wesentlichen lässt er seine Leute „selbst machen“. Das scheint auch zu funktionieren. 2005 erwirtschafteten 85 Mitarbeiter 20 Millionen Euro Umsatz, 2015 schafften 180 Mitarbeiter 46,7 Millionen. Bleibt die Frage: Wie geht das ohne Führung?

  • 70 Prozent sind genug. Die reguläre Arbeit eines Mitarbeiters ist in 70 Prozent seiner Zeit zu schaffen. Für den Rest meldet er sich nach Lust und Laune bei Projekten an. Die Ideen dazu stammen von ihm selbst oder werden vom Management vorgeschlagen. Der Mitarbeiter sucht sich aus, womit er sich am meisten identifiziert. Niemand zwingt ihn, auch nicht implizit. Die Begeisterung für die Projekte ist groß, weil das Management gut begründet, warum gerade sie das Unternehmen voranbringen.
  • Leitlinien statt Vorschriften. Manche Tätigkeiten müssen präzise durchgeführt werden. Für die meisten aber führen mehrere Wege zum Ziel. Daher wird auf Vorschriften verzichtet, wo immer das möglich ist. Es gibt nur Leitlinien, die einen vernünftigen Rahmen abstecken.
  • Kenne deine Kollegen. Die Kollegen lernen einander nicht nur in Projekten kennen. Eine der Leitlinien lautet: Telefoniere, statt E-Mails zu schreiben. Oder noch besser, besuche deine Kollegen, wenn du Fragen an sie hast. Alle sind ermuntert, quer über die Bereiche Kontakte zu knüpfen. Gute Entscheidungen entstehen nur durch barrierefreies miteinander Reden.
  • Die Stechuhr ist entmachtet. Es soll Firmen geben, wo man sogar für den Gang auf die Toilette ausstechen muss. Bei Allsafe Jungfalk vertraut man dem Mitarbeiter einfach. Ist er mit seiner Arbeit früher fertig, kann er ruhig heimgehen. Statt acht Stunden abzusitzen, soll er sich morgens überlegen, was er bis zum Abend erreicht haben will. Und alles weglassen, was der Firma keinen Wert bringt. Das Einzige, was zählt, ist das Ergebnis.
  • Du bist uns wichtig. Dem Trend zu mobilen Arbeitsplätzen kann CEO Lohmann nichts abgewinnen. Als Zeichen der Zugehörigkeit hat bei ihm jeder Mitarbeiter einen eigenen Schreibtisch (mit personalisiertem Kaffeehäferl), selbst wenn er nicht ständig im Haus arbeitet. Mit Druck zu führen ist verpönt. Wichtiger ist, dass jeder weiß, welchen Beitrag er für das Unternehmen leistet. Interessant ist auch der Zugang zum Kunden: Aufträge, die kein Win-win für beide Seiten sind, werden nicht angenommen. Das soll schon so mancher Einkäufer zu spüren bekommen haben, der die Preise drücken wollte.
  • Freie Info für alle. In traditionell geführten Unternehmen bedeutet Wissen Macht. Dort gilt es als Statussymbol, Zugang zu den relevanten Informationen zu haben. Wenn diesen nun alle Mitarbeiter haben, verstehen sie Zusammenhänge und Notwendigkeiten viel besser. Jetzt können sie selbst gute Entscheidungen fällen und das Richtige tun. Sie nerven ihre Vorgesetzten auch nicht mehr mit Verständnisfragen, was diese gewaltig entlastet.

Aber auch zu einem neuen Thema führt: Wenn die Mitarbeiter den Großteil der Entscheidungen selbst (und richtig) treffen, braucht es keine Vorgesetzten mehr.


[MKPQO]

(Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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