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Expatriates Entwurzelte Abenteurer

Expatriates: Entwurzelte Abenteurer

18.06.2012 | 10:33 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Bei der Abreise sind sie enthusiastisch, bei der Heimkehr enttäuscht und frustriert. Nicht vom Gastland, sondern vom Arbeitgeber daheim.

Das Angebot nahm er noch freudig an. Im Zuge einer Firmenübernahme in Polen die dortige IT und Logistik ins Unternehmensframework zu integrieren war eine Aufgabe ganz nach Withold Klajnerts Geschmack. 18 Monate lang arbeitete der Wirtschaftswissenschaftler im Land seiner Vorväter, dann war das Projekt abgeschlossen. „Ich habe das Danach immer wieder angeschnitten“, erinnert sich der 33-Jährige, dessen alte Position längst nachbesetzt war. Nach der Rückkehr gab es noch ein paar Lückenfüllerprojekte, vor allem jedoch eine Menge Ausflüchte: „Ich habe mich hingehalten gefühlt.“

Plan B kam zum Tragen, als sein Geschäftsführer auf die Bitte um klare Aussagen „ungenügend“ antwortete. Klajnert begann, sich am Arbeitsmarkt umzuschauen. Er wurde rasch fündig. Heute ist er Senior Project Manager bei einem Airline Solution Anbieter: „Ein Aufstieg, eindeutig.“

Abfahrt: Begeistert

404 Expatriates und 125 Angehörige befragte Berlitz für seinen „Global Expatriates Observatory“, den die Sprachschule gemeinsam mit BVA, EuRA, Magellan Network und Insead Business School durchführte. In welcher Rolle sie sich vor Reiseantritt sahen, wollten die Interviewer wissen. Als „Forscher“, antworteten die stolzen Expats, die sich von ihrem Arbeitgeber gleichzeitig als „Abenteurer“ wahrgenommen fühlten. Nach der Rückkehr wandelte sich das Selbstbild in „Botschafter“ und „Vermittler“. Interessantes Detail: Expats asiatischer Herkunft bezeichneten sich dann als „Missionare“ und „Söldner“.

Die Zeit ihres Auslandseinsatzes empfanden alle als bereichernd und befriedigend. Sie lernten, „nach anderen Spielregeln zu leben“ (78 Prozent), wurden sich „ihrer eigenen Kultur bewusster“ (77 Prozent), sahen sich „mit neuen Denk- und Handlungsweisen konfrontiert“ (74 Prozent) und „hinterfragten Aspekte ihrer eigenen Kultur“ (70 Prozent).

Sie entschlüsselten auch die Geheimnisse für persönlich wie beruflich erfolgreiche Aufenthalte: „Verständnis für die Landeskultur“ (83 Prozent) und das „Erlernen bzw. Perfektionieren der Landessprache“ (66 Prozent). 65 Prozent meinten gar, ihr Führungsstil habe sich deutlich gewandelt.

Rückkehr: Ernüchtert

Die große Frust begann mit der Heimkehr. Begriffe wie „hart“, „kompliziert“ und „unerfreulich“ fielen, bis hin zu „schmerzhaft“. 43 Prozent aller Befragten bezeichneten ihre Reintegration als „schwierig“, unter den Westeuropäern gar 62 Prozent. Asiaten sehen das stoischer: Für sie ist ein Auslandsassignment eine notwendige Pflichtübung, der sie von vornherein mit Nüchternheit begegnen.

Umstände: Chaotisch

Die Verzweiflung der Westeuropäer hat mehrere Gründe. Zum einen erfolgte nur für 35 Prozent die Rückkehr nach Plan. 30 Prozent wären lieber noch eine Weile geblieben und 35 Prozent hätten eine neue Herausforderung in einem anderen Land vorgezogen.

Zum anderen gestalteten sich auch die Umstände selbst chaotisch. Weder gab es intern Stellenangebote, die der beruflichen Entwicklung entsprachen (kam ja alles so überraschend), noch lag eine Strategie für die Reintegration bereit. „Ich fühlte mich wie ein Kriegsheimkehrer“, gab ein britischer Veteran zu Protokoll, „niemand daheim konnte nachvollziehen, was ich erlebt hatte.“ Und ein französischer Expat klagte: „Sie wussten nicht, wie sie mit einem Profil wie dem meinen umgehen sollten. Ich war völlig losgelöst.“

Wieder zeigen sich Diskrepanzen zwischen West und Ost: Während nur 19 Prozent der Westeuropäer das Gefühl hatten, ihr Unternehmen stünde ihnen hilfreich zur Seite, fühlten sich 71 Prozent der Asiaten vom Arbeitgeber unterstützt. Die größten Irritationen bezogen sich auf fehlende Anerkennung der neu gewonnenen Erfahrungen und auf die Erkenntnis, aus bisher tragfähigen Karrierenetzwerken herausgefallen zu sein. Nicht nur berufliche Verbindungen litten: So mancher Heimkehrer fand auch seine Ehe in Trümmern vor.

 

Factbox Expats
Jung, männlich und gut ausgebildet

26 Prozent aller Expats sind jünger als 30 Jahre, nur 14 Prozent sind über 45 Jahre alt. 69 Prozent sind männlich, 72 Prozent haben einen Universitätsabschluss. 85 Prozent nehmen den Partner in die Fremde mit, 79 Prozent all jener, die bereits Kinder haben, auch diese.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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