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Medizin Verschlungene Karrierewege
Bild: (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka) 

Medizin: Verschlungene Karrierewege

11.06.2012 | 11:14 |  Anna Maria Schwendinger (Die Presse)

Nach dem Studium ist die Arbeit in Ordination oder Krankenhaus keine Pflicht. Fünf Beispiele für Laufbahnen abseits vom Arztberuf – vom Unternehmertum über die Wissenschaft bis hin zur Kunst.

Seit den Siebzigerjahren  hat sich die Zahl der Medizin-absolventen beinahe verdreifacht. Genaue Daten, wie viele davon in den Arztberuf gehen, gibt es nicht. Dennoch ist das Medizinstudium keine Einbahnstraße, auch hier stehen den Absolventen die unterschiedlichsten Türen offen.


► Neuland betreten

Der Wunsch, Medizin zu studieren, führte Cyril Toma vor mehr als 25 Jahren nach Österreich. Auf sein Studium an der Medizinischen Universität Wien folgten drei Jahre an der Harvard Medical School. Nach seiner Ausbildung übernahm er eine leitende Position als Orthopäde und kam anschließend via Headhunting-Agentur nach Kuala Lumpur in Malaysia. Dort plante er gemeinsam mit anderen österreichischen Ärzten die Errichtung einer Privatklinik, der er später als ärztlicher Direktor vorstand. „Endlich konnten wir weg von den etablierten Strukturen, und ein dynamisches Neuland betreten, in dem unser ärztliches Fachwissen gefragt war, und wir Gelerntes implementieren konnten. Es gab einen irrsinnigen Teamgeist“, erzählt Toma heute. Seine Managementfähigkeiten eignete er sich über einen Universitätslehrgang und zwei internationale MBA-Programme an. Seit gut einem Jahr ist er Geschäftsführer bei Global Medical Solutions, einem Gesundheitsunternehmen in Abu Dhabi mit 2400 Mitarbeitern. Die Organisation betreibt drei Krankenhäuser und 40 Kliniken in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Patienten behandelt Toma kaum noch: „Erst meine Tätigkeit als praktizierender Arzt in den Anfangsjahren meiner Karriere hat mir die fachliche Expertise gebracht, die ich in meiner jetzigen Position brauche. Heute kann ich im Gesundheitswesen viel mehr bewegen als damals.“


► Zeit  für  Verwirklichung

Nach ihrem Medizinstudium wurde Gerhild Kaukal Fachärztin der Nuklearmedizin in Klagenfurt. Ehe und Kind führten sie wieder zurück nach Wien. Dort praktizierte sie nach ihrer Karenzzeit weiter zwei Jahre als Ärztin in einer Schilddrüsenpraxis. Schon damals spielte sie mit dem Gedanken an ein ganzheitsmedizinisches Zentrum. Die zweite Schwangerschaft und Karenz schafften hierfür den nötigen Zeitrahmen. Die Villa, in der Familie Kaukal wohnt und die in ihrem Besitz ist, im 23.  Gemeindebezirk in Wien-Mauer, bot für die Umsetzung des Zentrums die notwendigen Platzressourcen. Die Ärztin ging mit der Gründung ihres Gesundheitszentrums, der Villa Sana, in die Selbstständigkeit. Seither betreut sie neben ihren beiden Kindern sämtliche Managementagenden der Villa, von der Materialbeschaffung, Mieterangelegenheiten und Personalagenden bis hin zum Marketing. Trotzdem möchte die Medizinerin, sobald das Unternehmen ganz nach ihren Vorstellungen in Bewegung ist, die operativen Tätigkeiten abgeben. „Ich war immer mit vollem Herzblut Ärztin. Der Ausflug ins Management ist für mich völliges Neuland. Ärzte und Therapeuten unter einem Dach vereint – das war schon immer mein Traum und meine Vision“, sagt Kaukal.


► Leidenschaft für die Forschung

Das Interesse an der Forschung entwickelte Christoph Binder schon im Lauf seiner Schulzeit. Aus dem Interesse wurde Leidenschaft. Bereits während des Medizinstudiums war Binder am Institut für klinische Pathologie wissenschaftlich tätig. Die Forschungsarbeit ebnete ihm dann den Weg für ein PhD-Studium in San Diego, wo er seine Forschungsprojekte vertiefte. Dieser Schritt war damals keine Selbstverständlichkeit: Als junger Arzt weiterzustudieren, statt sich so schnell wie möglich einen Job im Krankenhaus zu suchen, erforderte Mut. Er spezialisierte sich auf Atheroskleroseforschung. Heute ist er Universitätsprofessor für Atheroskleroseforschung am AKH und Principal Investigator am Zentrum für Molekulare Medizin in Wien. Den Weg in die Wissenschaft über die Medizin und nicht über Studienrichtungen wie beispielsweise Molekularbiologie gegangen zu sein, hat Binder nie bereut. „Ich bin nach wie vor Vollblutmediziner mit dem Wunsch, Patienten helfen zu können.“ Als Wissenschaftler kann er heute viele Auszeichnungen sein Eigen nennen.


► Vom Wissen zum Produkt
Am Anfang stand ein Einfall. Während seiner Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin mit Spezialisierung auf Kardiologie besuchte Franz Wiesbauer Online-Kurse zum Thema Management. Daraus entstand die Idee, derartige elektronische Kurse auch für die kardiologische Aus- und Weiterbildung zu entwickeln. Gemeinsam mit seinem damaligen Uni-Tutor setzte er das um und wurde zum Unternehmer. Unter 123sonography.com können sich heute Kardiologen via Video-Tutorials, Quizzes und andere Formen des E-Learning aktiv weiterbilden und werden dafür auch mit CME-Credits belohnt, die Ärzte bei der Ärztekammer einreichen können und müssen, um weiter als Arzt akkreditiert zu bleiben. Nach seinem Medizinstudium hatte der Salzburger noch ein Public-Health-Studium in den USA absolviert. Marketing- und Social Media-Kompetenzen eignete er sich mit dem Start als Unternehmer an. Wiesbauer beschreibt sich selbst als Mediziner mit Kerntätigkeit im Online-Publishing. IT-Fachmann sei er keiner: „Ich arbeite nicht mehr direkt am Patienten, mach den Ultraschall nicht mehr selbst, aber durch meine Kurse, die mittlerweise von 11.000 Usern genutzt werden, kann ich in Summe viel mehr bewirken.“


► Mut zur Veränderung

„Es muss sich etwas ändern“ – das war für Monika Lederbauer nach einem schweren Kutschenunfall 1997 klar. Damals hat sie mit viel Glück überlebt. Mit 22 Jahren hatte sie im Fach Medizin bereits promoviert, eine kardiologische Fachausbildung folgte. Sie war Ärztin aus Leidenschaft, erweiterte ihr Wissen durch eine homöopathische Ausbildung und während ihrer vierten Schwangerschaft spielte sie mit dem Gedanken an eine eigene Praxis.


Dann passierte der Unfall und die Entscheidung fiel, ihr Leben grundlegend zu verändern. „Ich konnte nicht mehr voll da sein in meinem Beruf, wollte nicht mehr nur meiner Pflicht nachgehen. Die Tatsache, dass ich überlebt habe, war für mich das Zeichen für eine Veränderung“, erzählt Lederbauer. Sie absolvierte Kurse an der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg. Das Talent zeigt sich schnell und es folgten erste Ausstellungen und Prämierungen. „Die Liebe zur Kunst steckte schon immer in mir, in dieser Zeit habe ich sie neu entdeckt.“ Derzeit arbeitet sie an einer Collageserie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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