Jenseits börsenotierter Konzerne

02.03.2012 | 18:46 |  JÜRGEN LEIDINGER (Die Presse)

Aufsichtsratstag. Das Event etabliert sich. Veranstalterin Susanne Kalss will den Blick auf Themen lenken, die die Breite der Unternehmenslandschaft betreffen.

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Die gute Auslastung war heuer keine Überraschung mehr: Schon beim ersten Österreichischen Aufsichtsratstag der WU Wien fand sich im vergangenen Jahr ein breites Publikum aus aktiven Aufsichtsräten und interessierten Besuchern. Bei der diesjährigen Ausgabe am Donnerstag sprach Veranstalterin und WU-Professorin Susanne Kalss in ihrem Vortrag über Interessenkonflikte in unterschiedlichen Kontrollgremien.

„Der Corporate Governance Kodex ist an börsenotierten Unternehmen ausgerichtet. Der Rest der 1500 bis 1600 AGs funktioniert aber eigentlich ein bisschen anders.“ Nur über die Probleme der Großen zu diskutieren heißt demnach auch weite Teile der österreichischen Unternehmenslandschaft außer Acht zu lassen. „Wir definieren Unabhängigkeit immer nur über die Unabhängigkeit vom Vorstand, aber damit erfassen wir nur einen geringen Teil“, sagt Kalss. Anderswo sind beispielsweise starke Mehrheitseigentümer und konkurrierende Unternehmerfamilien am Werk, die – völlig legitim – ihre Interessen im Aufsichtsrat vertreten sehen wollen.

Die Arbeit in den Kontrollgremien funktioniert wie überall auch stark auf persönlicher Ebene. „Draußen“ in der Breite der Unternehmen sind starke Charaktereigenschaften aber besonders gefragt. „Das müssen natürlich gestandene Leute sein, Personen mit Format, denen auch egal ist, ob sie nächstes Mal nicht mehr gewählt werden.“

Wenn 100-Prozent-Eigentümer gegen das Interesse des eigenen Unternehmens arbeiten, schädigen sie damit vor allem das eigene Vermögen. Daraus sollte man keine gefährlichen Schlüsse ziehen. „Diesen Gedanken gibt es nämlich auch beim Staat als 100-Prozent-Eigentümer“, sagt Kalss. „Aber wenn unfähige Leute bestellt werden, schädigen sie in diesem Fall die Steuerzahler. Diese Verantwortlichkeit wird heute kaum wahrgenommen. Es wird selten dem Bund, dem Land oder der Gemeinde ein Vorwurf gemacht, wenn im Aufsichtsrat die Bestellung unfähiger Leute mitverantwortet wurde.“ Dementsprechend gebe es noch viel Bewusstseinsarbeit für Themen wie Unabhängigkeit, Kompetenz und Interessenkonflikte zu schaffen, so Kalss.

Weitere Vortragende des diesjährigen Aufsichtsratstags waren unter anderen Netzwerkforscher Harald Katzmaier, Marco Brecht, Direktor des European Corporate Governance Institute, Wolfgang Ruttenstorfer, Aufsichtsratsvorsitzender der Vienna Insurance Group, sowie Gabriele Payr, Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke Holding.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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