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Bild: Roland Rudolph 

Kanzlei & Karriere: Anwälte mit Unternehmergeist

16.06.2011 | 11:16 |  Jürgen Leidinger (DiePresse.com)

Entrepreneurship ist längst nicht mehr nur ein Thema für Kanzlei-Gründer. Eine entsprechende Denkweise belebt auch Großkanzleien und Rechtsabteilungen.

Österreich ist nicht gerade klassisches Gründer-Territorium. Auch wenn es prominente Unternehmerpersönlichkeit gibt, ist Selbstständigkeit unter heimischen Berufsanfängern ein klares Minderheitenthema. Für die Juristen gilt das ganz besonders, denn laut Uniport-Studie würde die Hälfte von ihnen am liebsten überhaupt der Privatwirtschaft den Rücken zukehren und in den öffentlichen Dienst gehen. Gleichzeitig gibt es viele erfolgreiche Gründungsbeispiele in der heimischen Anwaltschaft. Und auch von Angestellten wird immer öfter unternehmerisches Denken gefordert.

Wieviel Entrepreneurship benötigen Juristen? Dieses Thema diskutierten in der jüngsten Veranstaltung aus der „Presse“-Reihe „Kanzlei & Karriere“ Ernst Brandl, Gründungspartner von Brandl & Talos, Georg Kasperkovitz, Partner bei McKinsey & Company, Martin Krisper, Leiter Recht beim Austria Wirtschaftsservice (aws), Andrea Sassen-Abfalter, Leiterin der Rechtsabteilung der Bank Austria, und Claudine Vartian, Contry-Managing-Partnerin bei DLA Piper Weiss-Tessbach Rechtsanwälte. 

 „Als ich mich selbstständig gemacht habe, ging es mir vor allem um die Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Brandl. In der Großkanzlei, in der er damals arbeitete, sei sein eigenes Rechtsgebiet doppelt und dreifach besetzt gewesen. „Und ich wollte mein eigener Chef sein. Ich vertrage Chefs nämlich ganz schlecht.“
Brandls Karriere ist allerdings nicht die Regel. „In der Praxis verlieren wir selten Mitarbeiter durch Gründungen“, meint Vartian. „Vor 15 Jahren, also die Zeit, von der Ernst Brandl spricht, waren die Strukturen in Großkanzleien ganz andere als heute. Inzwischen sind Transparenz und unternehmerisches Denken in der Großkanzlei genauso zum Erfolgsbestandteil geworden.“

Was für die Kanzleien gilt, trifft in ähnlicher Weise auf die Rechtsabteilungen zu. Auch dort hat das Thema Einzug gehalten. „Der Begriff Unternehmertum ist für die Hausjuristen natürlich nicht von Bedeutung – unternehmerisches Denken dagegen sehr wohl“, sagt Krisper. „Schließlich sehen wir uns im Haus nicht als wandelnde Bibliothek, die auf Abruf Auskünfte liefert, sondern als Problemlöser.“ Sich als Jurist einer Organisation oder eines Konzerns ganz auf seine Expertise zurückzuziehen, scheint heute nicht mehr möglich.

Expertise allein reicht nicht

Das bestätigt auch Sassen-Abfalter: „In der Rechtsabteilung wollen wir sehr wohl Anwälte, die den unternehmerischen Aspekt mitdenken. Ich kann innerhalb des Konzerns nicht nur auf die Rechtskenntnisse setzen, sondern muss im Sinne des Unternehmens argumentieren und ganz andere Aspekte miteinbeziehen.“

So häufig diese Denkweise gefordert wird, so selten fühlen sich junge Juristen vom Unternehmergeist durchweht. „Leidenschaft und Talente kann man im Lauf der Zeit fördern und zum Leben erwecken. Ich kann bei Bewerbern, die zu uns kommen, oft nicht auf Anhieb erkennen, ob sie sich erfolgreich entwickeln werden.  Nur wenn das Grundinteresse fehlt, wird man kein Unternehmer mehr werden – das muss man aber auch nicht“, sagt Kasperkovitz.

Brandl sieht das ähnlich: „Jeder sollte wissen, was einen begeistert. Denn was mich begeistert, darin bin ich gut. Man muss sich umsehen, in welchem Unternehmen und in welcher Funktion man dieser Begeisterung freien Lauf lassen kann. Wenn ich selbst etwas mit aufbauen und neue Rechtsgebiete erschließen will, ist eine kleine, stark wachsende Kanzlei besser.“

Und bei jenen, die wirklich den Sprung in die Selbständigkeit wagen wollen, ist nicht selten Aufklärungsarbeit gefragt. „Viele kommen zu uns und sagen: ,Ich will mein eigener Herr werden.' Oft muss man dann erst klar stellen, was man dafür alles mitbringen muss: den Blick für ungenutzte Chancen, Durchsetzungsvermögen und ein gewisses Selbstvertrauen, eine Nase für Geld- und Finanzangelegenheiten – und, über all dem stehend, Risikobereitschaft“, sagt Krisper in seiner Rolle als aws-Vertreter. Für ihn ist zu Beginn einer Karriere ganz klar Selbstbetrachtung gefragt: „Man sollte nicht pubertär irgendeinem Status hinterher laufen. Jeder muss sich selbst fragen, als was er authentisch im Alltag arbeiten will.“

Fehlende Risikobereitschaft

Die Diskussionspartner führen die mangelnde Zahl an Gründern auf ein großes Sicherheitsbedürfnis der Österreicher zurück. Und auf das Bedürfnis nach Work-Life-Balance. Natürlich sei es mit viel Arbeit verbunden, unternehmerisch tätig zu sein, meint McKinsey-Partner Kasperkovitz. „Oft wird davon gesprochen, Opfer zu bringen. Aber wenn ich die Arbeit gern mache und meiner Leidenschaft folge, sehe ich das überhaupt nicht so negativ.“ 

„Manchmal geht es mir schon auf die Nerven, wenn ich um 11 Uhr am Abend noch einmal in die Kanzlei fahren muss. Aber ich kann nur sagen: Hermann Maier hat auch nicht auf Work-Life-Balance geachtet“, scherzt Kanzleigründer Brandl. Natürlich seien in seinem Haus aber nicht ausschließlich unternehmerische Persönlichkeiten gefordert.

Sassen-Abfalter sieht das für ihre Abteilung genauso: „Wir geben unterschiedlichen Typen eine Chance. Nicht jeder muss immer über den Tellerrand blicken und  ,pushy' sein. Es braucht auch pingelige Persönlichkeiten, die sich in eine Materie einarbeiten, beispielsweise ein komplexes Thema aus dem EU-Recht.“ Auch in der Großkanzlei sind neben den unternehmerischen Querköpfen Experten gefragt: „Wir können alle Typen gebrauchen“, sagt Claudine Vartian. „Und nicht jeder muss 70 Stunden in der Woche arbeiten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2011)

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