Social Media: "Es gibt keine Alternative mehr"

08.06.2011 | 11:09 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Vom User zum Schöpfer einer neuen Wirtschaftswelt: In der jüngsten KarriereTalk-Veranstaltung ging es um die Macht der Konsumenten und die Erfolgsgeheimnisse in den Communitys.

Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden

Mehr zum Thema:

Als Omri Bergman, Social Media Experte bei Capgemini, seinen ersten Vorstellungstermin hatte, googelte er den Gesprächspartner vorab. Zum Interview hatte er nicht nur dessen beruflichen Werdegang parat, sondern auch ausreichend Persönliches für den Smalltalk. Bevor es ans Finanzielle ging, durchleuchtete er mit Hilfe einschlägiger Foren die Gehaltsstruktur des Unternehmens. Der Rest war Verhandlungssache.

Social Media werden von jungen Digital Natives mit größter Selbstverständlichkeit genutzt. Im privaten Bereich längst etabliert, haben sie in B2B noch einiges nachzuholen. Hier die goldenen Regeln zu finden war Ziel des KarriereTalks, der Dienstag wie gewohnt unter der Leitung von Johanna Zugmann stattfand.

Explodierende Blogs


Dabei gibt es für die „Macht der Masse“ im Wirtschaftleben genügend Beispiele. Wenn Microsoft-CEO Steve Balmer in Amerika ein Statement macht, wüssten Journalisten das manchmal lange vor ihr, schildert Österreich-Geschäftsführerin Petra Jenner: „Dann explodieren wieder alle Blogs.“

Telekom-Austria-Generaldirektor Hannes Ametsreiter erzählt von einem Unternehmen, das sein Gelände von Videokameras überwachen und die Bilder in Echtzeit ins Internet stellen lässt: „Die Fans reagieren sofort, wenn etwas nicht stimmt - eine völlig kostenfreie Security-Variante.“

Auch Employer Branding bekommt neue Facetten: Gregor Erasim, Vice President von Capgemini Österreich berichtet von Firmen, die ihren Lehrlingen Videoequipment zur Verfügung stellen, damit die Filme über ihren Job drehen und diese unter ihren Web-Freunden verbreiten.

Es gibt genug Erfolgsbeispiele, wo Unternehmen ihre Kunden im Dialog nach Wünschen für Neuentwicklungen fragen und diese dann umsetzen. Produkte, die im Web empfohlen werden, verkaufen sich bei A1 fünfmal besser als andere, weiß Ametsreiter. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen: „Auch die brutale Wahrheit ist noch nie so schnell ans Licht gekommen.“ So musste die heimische Bahn eine Jugendtariferhöhung zurückziehen, weil sie sich mit wütenden Protesten der Community konfrontiert sah, schildert Andreas Hladky, Geschäftsführer der Agentur Hallamasch.

Goldene Regeln

Wovon hängt der Erfolg einer Social-Media-Präsenz ab? Zuerst muss der Kunde unmittelbar seinen Nutzen erkennen. Doch der liegt nicht einfach im Kauf der Ware, sondern auf der Beziehungsebene. Am Beispiel von Amazon oder der Reiseplattform TripAdvisor: Wer Produkte abfragt, bekommt Bewertungen anderer Konsumenten mitgeliefert, die bereits Erfahrungen damit haben.

Der Haken für die Werbeindustrie: Plumpe Werbung wie Pop-up-Banner gelten als unattraktiv oder schrecken gar ab. Es sind vier Schlüsselbegriffe, die über Sein oder Nichtsein einer Social Media Präsenz entscheiden: jederzeitige Zugänglichkeit (Accessability), Annehmlichkeit bzw. Funktionalität (Convenience) und die Möglichkeit, Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Die nachrückende Usergeneration geht nicht mehr aktiv auf Nachrichtensuche, sondern lässt diese auf sich zukommen. Gute Kanäle versenden daher News und Infos, die auf das jeweilige Benutzerprofil zugeschnitten sind. Das lässt sich heute detaillierter segmentieren als nach den früher gängigen demografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Schicht. Gesucht sind Personen, die bereits zehnmal in Italien waren? Kein Problem.

Die Daten sind vorhanden, sie müssen nur gefiltert werden. Zwar gehört gründlich durchdacht, worauf das Unternehmen sich einlässt und erst dann der Dialog begonnen - Alternative gibt es jedoch keine. Oder, in anderen Worten: „Wer schreibt, der bleibt.“

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

1 Kommentare
the_doc
12.11.2011 06:56
0 0

Social Media wird allerdings Social Business

Ein sehr guter Warnschuss, dass es nicht ohne geht - aber auch nicht ohne reifliche Überlegung.

Das Problem dabei: Wer nicht online und gerade in den Social Media präsent ist und mitspricht, der stimmt implizit allem, was online über das Unternehmen gesagt wird, zu.
Zahlreiche Unternehmen sind jedoch noch immer nicht präsent - und jene, die es sind, wollen zum Grossteil nur einen weiteren Marketing-Channel darin sehen.

Es ist aber nicht Social Media Marketing, was das Online-Engagement eigentlich ausmacht. Vielmehr wäre es Social Media Conversation - die aktive (aber auch gut zuhörende und dies vermittelnde) Teilnahme an der Konversation im Netz.
Dazu müssten die Unternehmen sich jedoch zumindest als soziale, als Organisationen, die aus (hoffentlich engagierten) Menschen bestehen und deren Stimmen akzeptieren (oder besser noch, schätzen) präsentieren - aber das würde bedeuten, Mitarbeiter nicht als austauschbar zu sehen und Kunden nicht als breite Masse.

In Zukunft wird es womöglich noch notwendig werden, auch sozial im Sinne echter CSR zu sein. So wie in Konversation statt Marketing, in gelebtem Geschäftsgebaren statt nur in Imagekampagnen.
Welches Unternehmen aber ist für diese Zukunft mit neuer Macht ausgestatteter Menschen (nicht einfach Konsumenten) schon gerüstet?

Gerald Zhang-Schmidt, www.zhangschmidt.com
AnmeldenAnmelden
DiePresse.com