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Anwaltsberuf: Frauen auf dem Vormarsch

07.05.2010 | 18:34 | von Gabriele Rabl (Die Presse)

Einstiegshürden? Die gibt es heute für Juristinnen nicht mehr. Sagen jene, die den Einstieg in den Wunschberuf geschafft haben. Auch die letzte Bastion fällt langsam.

Junge Frauen haben keine Scheu mehr, in von Männern dominierten Berufen Fuß zu fassen. Zumindest drängt sich angesichts der aktuellen Jus-Absolventenzahl der Universität Wien dieser Rückschluss auf. Im Vorjahr lagen die Absolventinnen mit 54,5 Prozent deutlich voran, was durchaus Aussagekraft hat: Die Rechtswissenschaftliche Fakultät in Wien ist (laut eigenen Angaben) mit über 10.000 Studierenden die größte im deutschsprachigen Raum.

In manchen juristischen Berufen sind Frauen jedoch noch stark unterrepräsentiert. Etwa in dem des Rechtsanwalts: Im Jahr 2009 waren 5414 Rechtsanwälte eingetragen, lediglich 948 davon sind weiblich. Immerhin zählte die Rechtsanwaltskammer im Vorjahr bereits 844 weibliche Rechtsanwaltsanwärter von insgesamt 1823.

 

Energisch & sensibel

„Heute ist die Akzeptanz von Frauen im Anwaltsberuf größer als zu meiner Zeit“, sagt Ruth Hütthaler-Brandauer. Die heute 60-Jährige startete bereits im Alter von 27 Jahren als eingetragene Rechtsanwältin. Als „Einzelkämpferin“ ist sie Generalistin, allerdings mit einigen Spezialgebieten, etwa Arbeits-, Lebensmittel- und Arzneimittelrecht. Ursprünglich wollte sie ins Richteramt, „doch es stellte sich rasch heraus, dass ich mit Vorgesetzten nicht gut kann“. Also eröffnete sie – trotz geringer Mittel – ihre eigene Kanzlei, „was heute aufgrund der starken Präsenz von Großkanzleien immer schwieriger wird“. Als Frau in einem Männerberuf habe sie von Anfang an kein Problem gehabt. Wichtig sei energisches Auftreten, sagt sie, auch dass sie „groß gewachsen“ sei, habe ihr geholfen – aber ebenso Eigenschaften, die man gern als typisch weiblich bezeichnet: Eine gewisse Sensibilität sei jedenfalls kein Nachteil für den Klienten.

Manuela Zimmermann ist seit 2004 als Anwältin tätig. Und hat sich bisher ebenfalls als Frau nicht benachteiligt gefühlt. Seit dem heurigen Frühjahr ist sie Juniorpartnerin bei Schönherr Rechtsanwälte und unterstützt das Team mit ihrem Wissen im Versicherungsrecht. „Für Frauen ist es nicht schwieriger, in Anwaltskanzleien Karriere zu machen. Wobei es sicher vom Typ und der Bereitschaft zu Kompromissen abhängt“, meint sie. Die vielfach kolportierten langen Arbeitszeiten seien Realität: Das wöchentliche Arbeitspensum gibt die Mutter eines dreijährigen Sohnes mit 50 bis 60 Stunden an. Nach der Geburt habe sie allerdings auf 40 Stunden „reduziert“.

 

Teilzeit oft kein Thema

Die Geschäftsführerin des Jus-Alumniverbandes der Uni Wien, Inge Tiefenbacher, glaubt ebenso, dass es für Frauen keine Einstiegsbarrieren gibt. Aber: „Erste Probleme stellen sich ein, wenn eine Familie gegründet wird. Stundenreduktion oder qualifizierte Teilzeitmöglichkeit ist in vielen Kanzleien noch kein Thema.“

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann allerdings nicht nur im Anwaltsberuf schwierig werden. Im universitären Umfeld funktioniere das aber immerhin besser als in manchen Großkanzleien, in denen „eine Schwangerschaft einem Karriereende gleichkommen kann“, so Christiane Wendehorst, seit 2008 Universitätsprofessorin für Zivilrecht an der Uni Wien. Was immer noch ein Novum ist – an der Fakultät sind bloß 8,6 Prozent der Professuren von Frauen besetzt.

Das liege auch daran, das der Karriereweg sich langwierig gestalten und die Qualifikationsphase bis Mitte 40 andauern könne, meint Wendehorst. Sie wollte Kinder und Karriere bereits in jungen Jahren vereinbaren. Mit 29 Jahren übernahm sie in Deutschland den ersten Lehrstuhl, ein Jahr später folgte der Ruf nach Göttingen, wo sie bis 2008 als Universitätsprofessorin für Bürgerliches Recht tätig war. „Als ich Ende der 90er-Jahre die Vollprofessur übernahm, kam das einem Skandal gleich. Als Frau war ich die ersten Jahre ständigen Anfeindungen ausgesetzt – heute ist so etwas zum Glück undenkbar“, sagt Wendehorst, die inzwischen Mutter von vier Kindern ist. Eine Babypause konnte sie sich nicht leisten. Lediglich beim ersten Kind wollte sie ein halbes Jahr karenzieren, „doch dabei blieben mir 70 Prozent der Arbeit, die ich für null Lohn leistete.“

 

Kreativität gefragt

Mutterschutz, Karenz und Kindergeld waren für Hütthaler-Brandauer ebenfalls Fremdwörter: „Jeweils zwei Wochen nach der Geburt meiner beiden Söhne stand ich wieder in der Kanzlei.“ Als junge Anwältin und Mutter seien Kreativität und Organisationstalent essenzielle Stärken, ist Zimmermann überzeugt: „Ich muss gegenüber meinen Mandanten flexibel sein. Nicht selten brauchen sie kurzfristig rechtliche Beratung, die sich nicht danach richtet, ob ich mein Kind gerade vom Kindergarten abholen muss.“ Gelegentlich müsse sie daher Abende zu Hause für Kanzleiarbeit opfern.

Doch die Begeisterung für die Tätigkeit wiege jeden Stressfaktor auf, sagen die Juristinnen unisono. „Auch wenn man über langjährige Routine verfügt, bleibt die Arbeit vielseitig. Jeder Fall ist individuell“, fügt Hütthaler-Brandauer hinzu.

Als notwendige Stärken einer Rechtsanwältin nennt sie selbstbewusstes Auftreten im Prozessalltag und gute Reaktionsfähigkeit. „Dazu gehört ein gewisses Aggressionspotenzial sowie die Fähigkeit, im Brustton der Überzeugung Situationen und Inhalte zu vertreten. In Summe eher Männern zugeschriebene Attribute“, ergänzt Wendehorst mit einem Schmunzeln. Vielleicht ein Grund, weshalb Frauen im Richterberuf überproportional vertreten seien, wo das Moderieren und Organisieren einen hohen Stellenwert habe – Stärken, die man allgemein Frauen zuschreibe. „Zudem gibt es für Richterinnen geregelte Arbeitszeiten und Karenzzeit.“ Was es dann doch leichter mache, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.


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