Gefragt: Wirtschaftswissen, Sprachen
07.05.2010 | 18:34 | von Gabriele Rabl und Christine Kary (Die Presse)
Wer damit punkten kann, hat es beim Einstieg in eine Rechtsanwaltskanzlei leichter. Lebenslanges Lernen ist im Anwaltsberuf ohnehin Pflicht.
Lebenslanges Lernen gehört für Juristen zum Berufsverständnis – sie müssen ihr Fachwissen ständig auf dem letzten Stand halten. „Manche leiten selbst Seminare oder schreiben Fachbücher und bleiben auf diese Weise auf dem Laufenden“, weiß Felix Prändl, Partner der Wirtschaftskanzlei Brauneis, Klauser, Prändl, aus eigener Erfahrung.
Schon nach dem Abschluss des Rechtsstudiums geht das Lernen in die nächste Runde. Jene etwa, die eine Anwaltskarriere anstreben, müssen die Anwaltsprüfung absolvieren. Andere wiederum belegen ein postgraduales Master of Laws (LL.M.)-Studium. Dieses Masterstudium zielt auf europäisches oder internationales Wirtschaftsrecht ab und vermittelt unter anderem Spezialwissen im Wettbewerbs- oder Gesellschaftsrecht.
Im Ausland studieren?
„Mit einem LL.M. punkten Bewerber auf jeden Fall, weil sie dabei wesentliche theoretische wie praktische Erfahrungen sammeln“, ist Prändl überzeugt. Lehrgänge in englischer Sprache oder an einer ausländischen Uni fördern zudem die Sprachkompetenz. Und hervorragende Englischkenntnisse sind inzwischen ein absolutes Muss, wenn man in einer international tätigen Anwaltskanzlei reüssieren möchte. „Matura und das klassische Rechtswissenschaftsstudium decken die sprachlichen Anforderungen längst nicht ab“, so Prändl. Zudem dokumentiere ein Auslandsaufenthalt – auch in Form eines Auslandssemesters während des Regulärstudiums – die Bereitschaft des Bewerbers, über den Tellerrand zu blicken.
„Auslandstudien zeugen von Offenheit, internationalem Denken und der Bereitschaft, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen“, sagt auch Christoph Brogyányi, Recruitingpartner bei Dorda Brugger Jordis. Gleichzeitig stelle sich jedoch die Frage nach der praktischen Relevanz: „Etwa mit einem Studium im angelsächsischen Raum erwirbt man sicherlich sehr gute Englischkenntnisse. Andererseits kann es sein, dass das LL.M.-Studium einen Schwerpunkt hat, der mit der anwaltlichen Praxis in Österreich oder Kontinentaleuropa wenig zu tun hat.“ Mehr Praxisbezug habe da etwa eine postgraduale Ausbildung mit Schwerpunkt im EU-Recht. „Oder aber eine in Österreich absolvierte Zusatzausbildung zur Wissensvertiefung in einem bestimmten Rechtsgebiet, etwa Steuer- oder IT-Recht.“
Die zunehmende Bedeutung des LL.M. auf dem Arbeitsmarkt bestätigt Gabriele Schuster-Klackl von Uniport, dem Karriereservice der Universität Wien: „Vor allem die großen Kanzleien legen Wert darauf, sie haben diesen Anspruch auf dem Markt letztlich etabliert.“ Gerade in Wirtschaftskanzleien komme wirtschaftliches Know-how junger Bewerber gut an, denn schließlich sollten die Junganwälte die Rahmenbedingungen ihrer Mandanten verstehen können. Weil ein LL.M.-Studium stark auf Wirtschaftsrecht fokussiere, sei dieser Masterabschluss in Großkanzleien oder bei Wirtschaftstreuhändern gern gesehen.
Gute Kombination: Recht & Wirtschaft
In den Kanzleien ebenfalls gern gesehen: ein zusätzlich absolviertes Wirtschaftsstudium. „Es wirkt dem Vorurteil entgegen, dass Anwälte keine Bilanzen lesen können“, sagt Brogyányi. Und es bringe mehr Verständnis „für das, was unsere Mandanten wirtschaftlich erreichen wollen“. Auch Wirtschaftsmediation als Zusatzausbildung könne interessant sein – schon allein wegen der damit verbundenen psychologischen Schulung. „Sie kann dabei helfen, bei Verhandlungen die Gegenseite besser einzuschätzen.“
Hat sich ein Jus-Absolvent betriebswirtschaftliches Wissen in weiterbildenden Kursen angeeignet, bringt das ebenfalls Pluspunkte bei potenziellen Arbeitgebern. Prändl lädt jedoch auch Leute zum Vorstellungsgespräch ein, die mit einem abgeschlossenen Jus-Studium und ohne Zusatzqualifikation ins Berufsleben einsteigen wollen. Auftreten und Persönlichkeitsprofil des Bewerbers seien ihm fast noch wichtiger als ein postgraduales Studium: „Anwälte sind Dienstleister. Sie müssen ihrem Mandanten das Gefühl vermitteln, helfen zu können. Die dafür notwendigen sozialen Fähigkeiten kann man in keinem Studium lernen – die hat man, oder auch nicht.“
Konrad Gröller, Partner der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, stimmt dem zu. Auf die Persönlichkeit des Bewerbers lege er am meisten Wert. „Ich versuche herauszufinden, ob jemand Freude an der juristischen Arbeit hat. Schnelles Studieren und hohes Fachwissen allein sagen das nicht aus. Vorangegangene Praktika weisen in der Regel schon eher auf Engagement im zukünftigen Job hin.“ Freshfields rekrutiert laut eigenen Angaben hauptsächlich Berufsanfänger und bildet sein Team intern weiter. Je nach Themengebiet der Praxisgruppe erfolgt die Weiterbildung der Sozietäten. Dabei stehen Teamführung oder Präsentationstechniken ebenso auf der Agenda.
Trotz Wirtschaftskrise seien die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zur Zeit ausgezeichnet, ist Prändl überzeugt: „Es herrscht hoher Bedarf an guten Juristen. Unter den Kanzleien ist die Konkurrenz bei der Suche nach Topleuten jedenfalls groß.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2010)

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