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Digitalisierung und Führung

13.11.2017 | 14:55 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 77. InForMent. Komplexität und Führung: Die Reifeprüfung für Chefs und Manager

Unternehmen und Institutionen sind hochkomplexe Systeme. Kann man sie überhaupt führen? Und wenn ja, wie? Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne MANAGEMENT IM KOPF dazu Anregungen auf der Basis ihrer langjährigen Erfahrung mit der praktischen Anwendung verlässlicher Erkenntnisse der Systemwissenschaften.

 

„Intelligent ist Künstliche Intelligenz erst, wenn sie Emotionen erkennt, versteht und emotional reagieren kann; davon sind wir noch weit entfernt“, sagte kürzlich Robert Trappl, der Doyen der Artificial Intelligence in einem ORF-Format. Trotzdem ist sie auf dem Vormarsch. Weniger allerdings wegen ihrer Intelligenz, mehr wegen der digitalen Möglichkeiten, schneller Muster zu erkennen, Informationen zu generieren und zu verwerten. Wer nicht „digitalisiert“, werde untergehen, heißt die aktuelle Devise. Aber was und wie? Darüber herrscht in den Führungsetagen noch viel Unsicherheit. Kein Wunder. Denn spätestens durch die „Digitalisierung“ zeigt sich, wie es um das fundierte Systemdenken in den Unternehmen und Institutionen steht.

„Digitalisierung“

Dass man den Einsatz Künstlicher Intelligenz nun „Digitalisierung“ nennt, mutet ziemlich seltsam an. Sie ist spätestens seit den 1950er-Jahren im Gange. Damals entstanden die Computer. Damals hat man allen voran die Kulturtechniken Rechnen, Schreiben, deutlich später Zeichnen und Rechtschreiben, und noch später das Sprechen, Verstehen und Verschriftlichen gesprochener Sprache digitalisiert. Wobei das Rechnen allem Digitalisieren zugrunde liegt. Einfach gesagt, wird von Künstlicher Intelligenz (KI) gesprochen, wenn das digitale System selbst erkennt, wann es was tun soll und auch wie, und dies dann auch tut. Dafür muss man Künstliche Intelligenz vom Prinzip her  so führen wie Menschen. Was sie hervorbringt, hängt auch bei der KI davon ab, wie man sie anleitet und führt.

Führungswissen

Für das Führen von und in Unternehmen muss man verstehen, wie Unternehmen unter welchen Umständen funktionieren und wie nicht; für das Führen von Menschen wie Menschen, für Maschinen wie Maschinen ticken. Dasselbe gilt für die Künstliche Intelligenz. Erfolgreiches Führen verlangt einerseits immer das generell gültige Wissen über Systeme an sich, insbesondere über komplexe Systeme, andererseits das fachspezifische Wissen über bestimmte Systemarten, sowie das Insiderwissen über das jeweilige System. Durch das generell gültige Wissen über komplexe Systeme lässt sich das Entscheidende für alle anderen Systemfragen ableiten. Mit seiner Hilfe kann man sich daher auch in Themen rasch zurechtzufinden, die nicht zum eigenen Fachgebiet gehören.

Emotionslos Arbeiten

Je einfacher und präziser die Werte und Regeln von etwas, unter denen gewünschte Ergebnisse entstehen, desto wahrscheinlicher lässt es sich digital schneller und besser abwickeln als von Menschen. Schlichtweg, weil Maschinen keine Gefühle und Bedürfnisse haben. Sie werden, nicht müde und unaufmerksam, sie lassen sich nicht ablenken. Maschinen machen nur Fehler, wenn sie kaputt oder überhaupt schlecht gebaut sind. Es hat also auch Vorteile, dass KI mit Robert Trappl nicht so intelligent ist, wie ihr Name verspricht. Für bestimmte Aufgaben sind Emotionen wahrlich kontraproduktiv und Lösungen der KI daher gut eingesetzt. Digitale Systeme sind kühle konzentrierte Rechner, aber für die wichtigsten Funktionen eines Unternehmens nicht kreativ genug.

Leitfragen für digitalisierbare Prozesse

Bei welchen Unternehmensprozessen ist Emotionslosigkeit von Vorteil? Das wäre eine erste sinnvolle Leitfrage, um herauszufinden, wo KI heute sinnvoll eingesetzt werden kann. Welche Informationen brauchen wir, um produktiver zu werden, können wir aber mit unseren bisherigen Mitteln nur unzureichend, gar nicht oder nur mit viel zu großem Aufwand generieren? Das wäre eine zweite solche Frage, von der es sich lohnen könnte, die Möglichkeiten der KI auszuloten. Eine dritte wäre: Wo passieren uns häufig Fehler, obwohl die Aufgaben zwar relativ einfach und monoton sind, aber zu lange zu hohe Konzentration erfordern? Alles, was sich ohne Abstriche schematisieren lässt, könnte man also als Kandidaten für die „Digitalisierung“ ins Auge fassen.

Theorien über die Praxis

Hinter der Bauweise von Künstlicher Intelligenz stehen immer kybernetische Steuerungs- und Regulierungsmodelle. Für solche Modelle müssen jene Parameter identifiziert und organisiert werden, welche das Geschehen in den jeweiligen Prozessen bestimmen. Anhand dieser Parameter können digitale Systeme erkennen, was passiert, was passieren soll, welche Beiträge dafür passen, was sie wie korrigieren, verstärken, abschwächen, unterlassen, bestätigen, anbieten, hergeben oder an Menschen delegieren müssen. Um die jeweiligen Parameter zu finden, muss man mit Theorien arbeiten, welche die Praxis so beschreiben, wie sie tatsächlich abläuft. Nur mit echt validen Theorien kann man also Steuerungs- und Regulierungsmodelle generieren, mit deren Hilfe die gewünschten Prozesse und Ergebnisse auch tatsächlich entstehen können.

Automatisierte Führung

Mit dem Einsetzen Künstlicher Intelligenz stehen Führungskräfte also vor denselben Aufgaben, vor denen sie auch in der analogen Führung stehen. Denn das große Thema der Digitalisierung ist heute nicht mehr, wie man Steuerungs- und Regulierungsmodelle in digitale Rechenabläufe umsetzt. Das große Thema sind die theoretischen Modelle, welche die jeweiligen Arbeitsvorgänge so präzise abbilden, dass es keiner weiteren Erklärung mehr bedarf. Die größte Falle ist dabei, die Komplexität wertschöpfender Prozesse zu unterschätzen. Spätestens in Fragen der „Digitalisierung“ ist es nicht mehr egal, welchen Begriff man von Komplexität hat und welche Vorstellung von komplexen Systemen. Denn je komplexer die Vorgänge, umso weniger Chancen hat man mit Künstlicher Intelligenz. Bislang kommt sie nur in der Bilderkennung menschlichen Fähigkeiten gleich.

IT und KI ― der große Unterschied

Führungskräfte früherer Jahrzehnte waren damit betraut, die IT und später die Features des Internets einzuführen. Damals ging es nur um die Einführung neuer Werkzeuge und deren Anwendung. Wie die Hardware, Software und das Internet selbst funktionierten, mussten Führungskräfte dafür nicht wissen. Mit dem Nutzen und Implementieren Künstlicher Intelligenz geht es quasi um die Entwicklung und Einführung künstlicher Mitarbeiter. Das ist etwas völlig anderes. IT- Werkzeuge werden von Menschen benutzt, um etwas zu gestalten, herzustellen, wahrnehmbar zu machen. Systeme der KI übernehmen das Wahrnehmen, Gestalten und Herstellen selbst. Deshalb muss man als Führungskraft ziemlich genau wissen, wie das funktioniert.

Totenglocken

So wie nicht egal ist, mit welchen Annahmen und Erklärungsmodellen Mitarbeiter arbeiten, ist es nicht egal, mit welchen Theorien man die Systeme Künstlicher Intelligenz ausstattet. Mit der „Digitalisierung“ von heute läuten quasi die Totenglocken für jedes hausbackene Führungsdenken. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob Künstliche Intelligenz im eigenen Unternehmen bzw. in der eigenen Institution zum Einsatz kommt oder kommen soll. Führungskräfte müssen valide Führungsgrundlagen für komplexe Systeme heute schon allein deshalb beherrschen, um die (Inter)Aktionen Künstlicher Intelligenz  und deren Folgen in ihrem engeren und weiteren Umfeld zu verstehen.

Reifeprüfung

Ich kenne kein Gebiet, in dem valide fachliche Grundlagen weniger gefordert werden als im Management. Es ist zwar die komplexeste und wichtigste Funktion jeder Gesellschaft. Es ist die Funktion, Situationen in ihrer wahren Komplexität zu erfassen und zu meistern. Gleichzeitig ist es jene Funktion, die nach wie vor kein echter Beruf ist, weil es keine verpflichtenden fachlichen Standards für Führungs- und Managementaufgaben gibt. Der Einzug der Künstlichen Intelligenz von heute wird sich als DIE Reifeprüfung für die Unternehmensführung und das Management herausstellen. Manche werden sie tadellos bestehen. Andere machen sich gerade fit und greifen dafür in die eigene Geldbörse, weil ihre Chefs die nötigen Investitionen in die Qualifikation ihrer Leute noch nicht erkennen. Viele andere werden kläglich scheitern.

Peinlich, peinlich

Vor ein paar Wochen landete eine Einladung eines großen internationalen Konzerns in meiner Mailbox. Man komme doch unbedingt zu jenem Event, an dem man die intelligenteste aller Künstlichen Intelligenzen präsentieren werde. Da hat man sich doch sofort angemeldet. Einige Tage später: Ach, man bedaure, aber - leider, leider - sei die Veranstaltung bereits ausgebucht. Ups, denkt man sich, das hätte das System eigentlich schon beim Buchen erkennen müssen; meine Systeme können das und bieten dann keine Buchung mehr an. Offenbar, vermutet man, ist man durch ein anderes Filter gefallen. Einige Wochen später vermittelt eine Mail des Veranstalters: „Wir haben Sie vermisst, Frau Pruckner… Schade, dass Sie nicht dabei sein konnten…“ Solches nimmt man für eine Sekunde befremdet zur Kenntnis. In der nächsten beschließt man, diesen Absender nicht mehr ernst zu nehmen. Der aber brachte sich alsbald so in Erinnerung: Wir möchten uns bei Ihnen für die gestrige E-Mail vielmals entschuldigen. Aufgrund eines technischen Fehlers haben Sie die falsche Kommunikation im Nachgang zur Veranstaltung erhalten… Ja, sowas kann passieren. Aber wenn dergleichen einem Unternehmen unterläuft, das die Kognitive Ära mit der intelligentesten Künstlichen Intelligenz einläutet, dann ist das so, als würde sich eine Feuerwehr als die beste der Welt präsentieren, dabei aber versehentlich das Parlament der eigenen Nation abfackeln.

Drum

Drum dieser Beitrag. Es ist mehr als peinlich, wenn man das, was man verkauft, selbst nicht beherrscht. Wie immer Künstliche Intelligenz ausfällt, sie ist eine Selbstreferenz ihrer geistigen Eltern. Die Mamas quasi sind die KI-Experten, viele von ihnen können extrem viel. Die Papas sind hingegen die Unternehmer und ihre Führungskräfte. Von ihnen sollte man dasselbe sagen können…

 

Schreiben Sie Ihre Frage zum Umgang mit Komplexität in Führungs- und Managementaufgaben an Maria Pruckner. Sie wird darauf eingehen.

 Maria Pruckner. Die selbstständige Beraterin, Trainerin und Autorin ist seit 1992 auf den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik in Unternehmen und Institutionen spezialisiert. Seither entwickelt sie für diesen Zweck verlässliche kybernetische System-Modelle, die sie mit einem systematischen Anwendertraining verbindet. Damit gehört sie auf ihrem Gebiet weltweit zu den am längsten dienenden Pionieren und Problemlösern in der Praxis. Die langjährige Schülerin von Heinz von Foerster arbeitet seit damals stark vernetzt und konsequent mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Ihr Unternehmenssitz ist in Wien.

Mehr unter www.mariapruckner.com

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