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Bild: Petra Leopoldine Winkler 

Sich Loyalität auf die Stirn tätowieren

12.11.2017 | 17:00 |  Von Teresa Wirth (Die Presse)

Commitment. Das Firmenlogo als Tattoo – Ein Zeichen von Verbundenheit mit der Arbeit oder Wahnsinn? Was sich Unternehmen von loyalen Mitarbeitern wünschen und was sie selbst dafür tun.

"Tätowier dir das Firmenlogo, und ich zahl dir einen Flug nach Boston.“ Auf dieses Angebot ihres Arbeitgebers ging eine österreichische Werkstudentin ein. Sie trägt ab sofort das Logo der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu auf ihrem Handgelenk. So groß wie ein Fingernagel, einer Blume ähnelnd, ist das Tattoo der 26-Jährigen, die in diesem Zusammenhang „nichts bereut“, wie sie dem deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“, anvertraut hat. Sie finde ihren Arbeitgeber „einfach toll“. Doch müssen Mitarbeiter wirklich so weit gehen, um zu zeigen, dass sie ihre Arbeit gern machen? Wie wichtig sind Identifikation und Loyalität? Sind Tattoos das neue Firmenkapperl?

Gerade in jungen Unternehmen sei eine intensive Verbundenheit zur Firma keine Seltenheit, meint Birgit U. Stetina von der Sigmund-Freud-Privatuniversität. „So ein außergewöhnliches Commitment ist ein Kennzeichen von Start-ups“, sagt die Psychologin. Sich Logos zu stechen kenne sie bisher aber nur von Programmierern und Gameentwicklern. Auch für Arbeitgeber sei es ungewöhnlich, Commitment zu erzeugen, wie es kununu gemacht habe. „Aber es ist ein Instrument.“ Schließlich müssen sich Unternehmen gerade aktiv um die sprunghafte Generation Y bemühen.

Arbeit ist alles, was zählt

Sei das Tattoo ein Zeichen von Loyalität, sei aus Sicht der Psychologin wenig dagegen einzuwenden und könne der Mitarbeiterin in der Firma sogar Türen öffnen. „Wenn ich damit aber zeige, dass bei mir nur die Arbeit und sonst nichts zählt, ist das bedenklich“, meint Stetina.

„Man muss sich nicht branden, um seine Loyalität zum Ausdruck zu bringen“, sagt Sylvia Dellantonio. Die Geschäftsführerin des Onlinemarktplatzes Willhaben führt ein unkonventionelles Team. Das Durchschnittsalter beträgt 33 Jahre, untereinander nennt man sich Willhabinger. Dass sich ihre Mitarbeiter mit den Zielen und der Unternehmenskultur identifizieren, ist für sie wichtig. „Bei uns gibt es abwaschbare Tattoos.“ Ein hellblaues W, das eben für Willhabinger steht. Die Tattoo-Aktion als Wettbewerb sieht sie aus Arbeitgeberperspektive kritisch.

„Ein Schuss in die falsche Richtung“, findet auch Georg Horacek, Vice President HR des Flugzeugzulieferers FACC in Ried im Innkreis. Firmenkleidung könne man ausziehen, Tattoos nicht. „Privatleben ist Privatleben, da ist es wichtig zu trennen.“

Loyal sind für den Personalmanager langfristige Mitarbeiter, aber auch jene, die präsent und aufmerksam sind und für die Firma die „Extrameile“ gehen: der Ingenieur, der bei einer defekten Anlage sofort die Initiative ergreift, der Arbeiter, der den Müll vom Boden aufhebt, anstatt die Reinigungskraft zu rufen. Kommunikation über gemeinsame Ziele sei dabei enorm wichtig. Loyalität könne nur entstehen, „wenn alle wissen, wohin unser Flugzeug fliegt“.

Dellantonio geht noch ein Stück weiter: „Das Unternehmen muss sich Loyalität erst verdienen.“ Anstatt zu erwarten, dass sie jeder mitbringe, müsse ein Unternehmen Perspektiven und eine Kultur schaffen, in der Verbundenheit entstehen könne.

„Loyalität gibt es nicht zum Nulltarif“, ist auch Personalberater Markus Brenner von Brenner&Company überzeugt. Das gelinge durch Wertschätzung und einem gemeinsamen Werteverständnis, in das von Anfang an investiert werde, meint er. Die Persönlichkeit müsse eben auch zum Unternehmen passen. Und darum gehe es bereits im Bewerbungs- und Auswahlverfahren.

„Das ist wie mit der Liebe“

Bei einem solchen das Firmentattoo eines früheren Arbeitgebers sichtbar zu tragen, sei durchaus ein Nachteil. Dass es alle Jobchancen nimmt, bezweifelt er aber. „Das ist ja so wie mit den Herzerln und der Liebe. Wenn mir der Bewerber sagt, es war eine Jugendsünde, dann stelle ich ihn trotzdem ein.“


[NZ13Q]

(Print-Ausgabe, 11.11.2017)

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